Der FC Hollywood hat München verlassen – Schlammschlacht in Dortmund um Trainer-Entlassung

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Schlammschlacht
Quelle: Pixabay, gemeinfrei. CC0 Public Domain

Berlin, Deutschland (Weltexpress). Das hätten sich Fans und Umfeld des „Wahre Liebe“-Vereins Borussia Dortmund wohl nie vorstellen können, dass sie den oft erlebten FC Hollywood der Fußball-Bundesliga, den Erzrivalen Bayern München, im Wettbewerb um diesen wenig glamourösen Titel um Längen hinter sich lassen würden.

In dieser Saison aber ist das Unvorstellbare tatsächlich passiert. Dank des wochenlangen Ränkespiels um die Entlassung von Trainer Thomas Tuchel. Der 43-Jährige war letztlich mit Einvernehmen der zuständigen Gremien der Borussia Dortmund GmbH & Co. KGaA vorzeitig gefeuert worden. Und aber dessen mächtiger Gegenspieler, Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke (57), auch so beschädigt wurde, dass er zwischenzeitlich nach eigenem Bekunden seinen Rücktritt erwog.

Zumal sich die Suche nach einem neuen Trainer schwieriger als gedacht erwies. Der offenbar interessierte Schweizer Lucien Favre, zuvor erfolgreich in der Bundesliga mit Hertha BSC und Borussia Mönchengladbach, erhielt von seinem aktuellen Arbeitgeber, Nizza, keine Freigabe. Auch nicht mittels eines Herauskaufs aus dessen Vertrag in Millionen-Höhe.

Der Freikauf des Niederländers Peter Bosz, der am heutigen Dienstag als Nachfolger präsentiert wurde, von Ajax Amsterdam soll der Borussia zwischen drei und bis zu fünf Millionen Euro kosten. Der 53-Jährige hatte sich mit der Euro-League-Final-Teilnahme durch Ajax nachhaltig empfohlen. Bosz spricht fließend Deutsch, bevorzugt einen zu Dortmund passenden Offensiv-Fußball und dürfte beim großen Fan-Anhang der Schwarz-Gelben problemlos akzeptiert werden. Mit der Bundesliga hat er allerdings nur kurzzeitige Berufserfahrungen als Profi 1998 bei Hansa Rostock.

Zur Ablöse für Bosz kommen noch die Abfindungen für Tuchel und seinen entlassenen Mitarbeiterstab von geschätzt mehr als drei Millionen dazu.

Die finanziellen Extraausgaben durch die Tuchel-Affäre können die Dortmunder allerdings schadlos verschmerzen. Was vor allem Watzkes Wirken zu verdanken ist. Der damalige Finanzverantwortliche wurde 2005 zum Geschäftsführer bestellt und führte den Traditionsklub aus einer drohenden Pleite heraus bis hin zu zwei Meisterschaften und einem Pokalgewinn unter Kulttrainer Jürgen Klopp.

Dass das Fußball-Unternehmen derzeit nicht am Hungertuch nagt, verdeutlichen aktuelle Spieler-Transfers. Neben dem französischen Abwehr-Talent Dan-Axel Zagadou (18) hat auch der Freiburger Offensiv-Akteur und Ex-Cottbuser, Maximilian Philipp (23), bei Dortmund unterschrieben.

Die Trennung von Tuchel wird für den machtbewussten Watzke, der sich auf Augenhöhe mit Bayern Münchens Führungsduo Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge oder dem Präsidenten von Real Madrid wähnt, mit einem Makel behaftet bleiben.

Das machen Reaktionen in den sozialen Netzwerken oder aber in den Fanclubs der Borussia deutlich. So erklärte ein Vertreter einer Fangemeinschaft, die Stimmung zum Rauswurf sei fifty-fifty für bzw. gegen Tuchel. In einer Abstimmung eines renommierten Magazins hielten rund 30 Prozent den Rauswurf für richtig – rund 60 Prozent aber äußerten sich dagegen und halten die Trennung für einen Fehler.

Tuchels Bilanz hat fraglos Eindruck hinterlassen: Bester Punkteschnitt pro Spiel aller vorherigen Trainer in Dortmund, zwei Mal recht erfolgreiche Starts in der Champions League, Zweiter und Dritter in der Meisterschaft und just der Pokaltriumph mit dem sehenswerten Halbfinalsieg über München!

In den zwei Tuchel-Jahren hat sich auch der Kurs an der Börse, der zwischenzeitlich weit unter dem Ausgabeniveau lag, beachtlich positiv entwickelt. Daher befand der Autor eines Artikels in einem Börsenblatt, statt Tuchel hätte man Watzke in die Wüste schicken sollen!

Der Aktienfachmann hat dabei außer Acht gelassen, dass ein Fußball-Spitzenklub doch ein wenig anders funktioniert als beispielsweise ein Autokonzern.

Im Fußball-Kommerz werden den Protagonisten Woche für Woche Spitzenleistungen (bei Spitzeng-Ghältern) abverlangt. Das gelingt eher, wenn Spieler hochmotiviert sind und eine enge Gemeinschaft mit Trainern, Fans und den Leitungsgremien bilden. Störfaktoren jedweder Art beschädigen nicht nur das Binnenklima, sondern können leistungsmindernd sein. Dies hat auch ein Cheftrainer zu beachten und fachliche wie soziale Kompetenz auszuüben.

Dass der junge Trainer Tuchel zwischenmenschlichen Bereich von etwas schwieriger Art sei, wurde Watzke vorher aus Mainz signalisiert. Überaus ehrgeizig sei jener, oberlehrerhaft, akribisch, zu weilen störrisch, launisch, mitunter schnell beleidigt.

Aber er kam wie Klopp aus Mainz und war trotz limitierter Möglichkeiten dort relativ erfolgreich.

Man darf vermuten, dass Watzke dem Intellekt Tuchels vertraute, sich den Gegebenheiten in einem europäischen Spitzenklub anzupassen.

Das aber hat jener gründlich und an vielen Fronten vermasselt. Dass er sich mit Chefscout Sven Mislintat derart überwarf, mit jenem kein Wort mehr zu wechseln, war der erste größere Eklat. Der anerkannte Spielerbeobachter und Spieleranwerber hat zusammen mit Sportdirektor Michael Zorc mit einer klugen Transferpolitik sogar den Festgeld-Krösus München ausgestochen. Die Reaktion, von Watzke und Zorc, war ein dicker Konter: Mislintat wurde zum Leiter der BVB-Kaderplanung befördert!

So lag Tuchel schon mal mit wichtigen Verantwortungsträgern derart über Kreuz, dass eine gedeihliche Zusammenarbeit auf Dauer kaum zu erwarten war.

Desweiteren fremdelte Tuchel mit seinem spröden, überintellektuellen Gestus im Gegensatz zum Menschenfänger Klopp mit dem Großteil der Fangemeinde.

Im Verwaltungsbereich soll er Mitarbeitern gegenüber mitunter schroffes Gebaren an den Tag gelegt haben.

Schlimmer aber, dass er im Spielerkreis den Rückhalt bei Leistungsträgern zuletzt verloren hatte. Als Marco Reus, sein Favorit für das Amt, verletzt ausfiel, machte er Verteidiger Marcel Schmelzer zum Kapitän. Dessen Wirken stellte er im Dezember öffentlich infrage. Doch dann fiel Reus nach einer Blessur erneut aus. Schmelzer behielt die Binde und Reus wurde Assistent. Und sicher nicht begeisterter Anhänger Tuchels.

Spielmacher Nuri Sahin äußerte sich eine Woche vor dem Pokalfinale auf die Frage zum Verhältnis der Mannschaft und dem Trainer sehr reserviert. Das sei „professionell“, so wie es sein müsse.

Eine Woche später tauchte Sahin für das prestigeträchtige Pokal-Endspiel nicht einmal im Kader auf. Obwohl Julian Weigl verletzt ausfiel und Sahin dann erster Vertreter gewesen wäre. „Ein Schock“ sei das gewesen, gestand Schmelzer nach dem Sieg über die Frankfurter Eintracht. Die Mannschaft stünde komplett hinter Sahin. Reus äußerte sich im ähnlichen Sinne.
Damit war selbst Außenstehenden bewusst, dass Tuchels Uhr abgelaufen war.

Statt Sahin durfte Nationalspieler Matthias Ginter die Weigl-Rolle übernehmen. Jener hatte kurz zuvor in „Sportbild“ Tuchel über den grünen Klee gelobt. Kollegen sollen Ginter wegen der als Anbiederung empfundenen Aussagen zur Rede gestellt haben.
Mitspieler sollen auch eingeschritten sein, als Tuchel den 19-jährigen Reservisten Emre Mor im Training zur Strafe minutenlang auf allen Vieren über den Rasen hat kriechen lassen!

Gemeinhin wird der in eine Schlammschlacht ausufernde Konflikt nach dem Attentat auf den Mannschaftsbus vor der Champions League-Partie gegen Monaco als Hauptgrund für die vorzeitige Trennung betrachtet. Doch ohne all die kleineren und größeren Beschwerden über den Fußball-Lehrer davor hätte Watzke mit seinen Erfahrungen als Krisenmanager diese Ausnahmesituation wohl wegmoderiert.

Dass Tuchel nach dem Bombenanschlag verbreiten ließ, er sei wie die Mannschaft durch eine SMS quasi gezwungen worden, nur einen Tag später zum Spiel anzutreten, hat bei Watzke das Fass zum Überlaufen geführt.

Denn Tuchel inszenierte sich als Mitfühlender und Opfer und schob Watzke den Schwarzen Peter als gefühlloser Entscheider über die Köpfe der Spieler zur Neuansetzung nur 24 Stunden später zu. Watzke muss sich vor allem vorwerfen lassen, den Spielern nicht direkt erklärt zu haben, warum er sich der Entscheidung der UEFA nicht widersetzt hatte. Und nicht im direkten Dialog erläuterte, welche Folgen ein Verzicht für den Verein – und die Aktionäre (!) – haben würde.

Nach dem Motto „Wenn Du Krieg haben willst, dann bekommst Du den Krieg“ gab Watzke unmittelbar vor der richtungsweisenden Begegnung mit Hoffenheim in einem Interview zu, man habe mit dem Trainer einen ernsthaften Dissenz. Und als Tuchel seinen Abschied auf einem kurz zuvor eingerichteten Twitter-Account noch vor der offiziellen Vereinsmitteilung verkündete, reagierte Watzke mit einem ausführlichen Offenen Brief an die Fans über die Beweggründe der Trennung.

Führungsverantwortung sei nicht nur am Ergebnis ablesbar, sondern – so Watzke – da ginge es auch um Werte wie Vertrauen, Respekt, Team– und Kommunikationsfähigkeit … um Verlässlichkeit und Loyalität!

Und mit Bezug auf diese Werte sei der weiteren Zusammenarbeit mit Tuchel die Grundlage entzogen.

Das vorherige Entlassungsgespräch hatte nur etwas mehr als 20 Minuten beansprucht. Welche Rolle da Tuchels Berater Olaf Meinking spielte, ist nicht überliefert. Welche Rolle er insgesamt in diesem beispiellosen Trainer-Trennungskrieg verkörperte, bleibt unklar.

Dass aber sein Klient massiv angeschlagen daraus herausgegangen ist, dürfte unstrittig sein. Möglicherweise hat der Mentor wie sein Schützling durch die zahlreich kursierenden Lobeshymnen – größtes Trainer-Talent in Deutschland, ein Kandidat für Topklubs wie Barcelona u.a. – den Blick für die Realitäten und die Machtverhältnisse verloren. Und dabei die Auseinandersetzungen eher eskalieren lassen statt einzudämmen.

Ein Trainer ist noch immer „nur“ Angestellter und der Geschäftsführer der Boss eines Fußball-Unternehmens. Und: Trainer kommen und gehen – Geschäftsführer aber sitzen nicht nur am längeren Hebel, sondern fast immer länger auf ihrem Sessel.

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