Der FC Bayern München und die freiwilligen Regeln einer (un-)glaubwürdigen Unternehmensführung

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© Karikatur: Marian Kamensky, 2014

Berlin/München, Deutschland (Weltexpress). Man musste es befürchten: Uli Hoeneß, der mit dem FC Bayern München in den 1970er Jahren fast alle wichtigen Titel holte und der mit der westdeutschen Nationalmannschaft 1972 Europameister sowie 1974 Weltmeister wurde, konnte der Aura der Macht nicht widerstehen und wurde am Montagabend zum Aufsichtsrats-Chef der Bayern AG bestimmt. Damit hat der 65-Jährige wieder beide Machtpositionen beim Fußball-Bundesliga-Rekordmeister FC Bayern München inne, die er bereits von 2009 bis 2014 ausfüllte.

Danach trat er zurück und wurde wegen Steuerhinterziehung zur Steuernachzahlung von 30 Millionen Euro und Gefängnishaft von dreieinhalb Jahren verurteilt. Nach der Hälfte wurde er im Februar 2016 vorzeitig entlassen, der Rest zur Bewährung ausgesetzt.

Im November 2016 wählte ihn die Mitgliederversammlung des FC Bayern e.V. mit überwältigender Mehrheit zum zweiten Male zu ihrem Präsidenten. Nun also geschah das Gleiche bei der Berufung zum Chef des Aufsichtsrates der FC Bayern AG, die 2016 einen Umsatz von rund 650 Millionen Euro vermeldete. Der neunköpfige Aufsichtsrat bestätigte Hoeneß einstimmig als Nachfolger des Interimschefs Karl Hopfner. Der Aufsichtsrat ist das wichtigste Macht-Gremium des FC Bayern. Er kontrolliert den vierköpfigen Vorstand des FC Bayern e.V. – Vorsitz Karl-Heinz Rummenigge -, der für das operative Geschäft zuständig ist. Der Aufsichtsrat ist bei allen wichtigen Personalentscheidungen involviert, also auch bei allen Spielertransfers oberhalb von 25 Millionen Euro sowie der Ablöse- und Gehältersummen.

Als nun Bayern-Kapitän Philipp Lahm mit seinem Berater mit der Bayern-Führung über seinen Einstieg ab Sommer im Management verhandelte, wurde ihm der Posten des Sportdirektors als Nachfolger von Matthias Sammer angeboten. Doch dem ehrgeizigen Musterprofi reichte das nicht. Er wollte zugleich in den Bayern-Vorstand unter Rummenigge eine Machtstufe höher aufrücken. Das wurde ihm mit Hinweis auf vermutliche Ablehnung im Aufsichtsrat verweigert. Worauf Lahm mit der eigenständigen Verkündung seines Karriereendes zum kommenden Sommer sowie der Nichtbestellung zum Sportdirektor als Vermittler zwischen Mannschaft, Trainern und den Bayern-Leitungsinstanzen unmittelbar nach dem Pokalsieg über den VfL Wolfsburg am 7. Februar 2017 ein mittleres Kommunikationsdesaster auslöste. Rummenigge und Hoeneß standen ziemlich bedeppert da.

Dieser Aufsichtsinstanz der Münchner Bayern gehören aktuelle und ehemalige Dax-Vorstände an. Von Audi bis Telekom, Allianz und Adidas. Auch der ehemalige bayerische Ministerpräsident und CSU-Vorsitzende Edmund Stoiber zählt seit längerem zu diesem elitären Kreis. Verblieben darin ist Martin Winterkorn trotz seiner desaströsen Rolle in der VW-Abgasaffäre. Der ehemalige VW-Boss will von der Entwicklung der Schummel-Software in seinem Laden nichts gewusst haben, die das Weltunternehmen mit Strafzahlungen und Rückrufaktionen mit mehr als 20 Milliarden belastet und ins Wanken gebracht haben. Gewusst hat er aber, dass er im Selbstbedienungs-Supermarkt VW auch die 60 00 Euro für eine Wasser-Heizanlage seines privaten Koi-Aquariums unbeanstandet in Rechnung stellen durfte…

Hoeneß hatte seine Kandidatur für den zweiten Chefposten vorher angekündigt: „ Wenn ich von den Kollegen gebeten werde, werde ich das selbstverständlich machen.“ Natürlich mit dem Bewusstsein, dass ihm niemand die Zustimmung verweigern würde.
Obwohl den Meisten die Empfehlungen für Aktiengesellschaften hinsichtlich von Compliance und Corporate Governance – Leitlinien einer Unternehmensführung wie Gesetzestreue, faires Verhalten, Glaubwürdigkeit, Vorbildfunktion – zumindest in Teilen bekannt sein müssten. Dass Personen, die diesbezüglich verstoßen haben, nicht geeignet wären für AG-Aufsichtsräte und schon gar nicht für deren Vorsitz.

Wie bei anderen Freiwilligkeits-Vorgaben in Wirtschaft, Politik und sonst wo aber sehen offenbar deutsche Manager-Eliten diese Maßgaben nicht verbindlich für sich, sondern eher dazu, der Öffentlichkeit Sauberkeit und Ehrlichkeit vorzugaukeln!
In den Kommentaren, die unter dem Bericht zur Hoeneß-Wiederwahl in der „Zeit“ zu lesen sind, äußern sich etwa 80 Prozent kritisch. Einer lautet sinngemäß: Einen Steuerbetrüger zum obersten Kontrolleur zu machen – das passt schon!

Andere und Hoeneß dürften das anders sehen: Der Verurteilte hat seine Strafe bekommen und nun steht ihm wie jedem, der mit dem Gesetz in Konflikt geraten ist, das Recht auf Wiedereingliederung in die Gesellschaft und die Resozialisierung zu!
Nach der emotional verlaufenden Wiederwahl zum Bayern-Präsidenten hatte sich Hoeneß reumütig und dankbar für den erneuten Vertrauensbeweis gezeigt. Sicherlich auch veranlasst durch die Konfrontation mit menschlichen Abgründen im Gefängnis. Das Nachdenken über das eigene Versagen in dieser Affäre, der erlittene Kontrollverlust über sein Denken und Handeln hatten ihn zu demütigen Äußerungen über seine Zukunft gebracht. Er wolle sich künftig in allem zurücknehmen und nicht mehr ständig im Fokus stehen…

Diese Einstellung begann von Woche zu Woche zu bröckeln. Hoeneß mochte und konnte sich den zahlreichen Anfragen, Interviews, Einladungen nicht entziehen.

Für ihn die Bestätigung, wievorher wichtig und gefragt zu sein – für die Medien immer ein zu erwartenden Quotentreiber!
Als er dann gegen seinen ehemaligen Lieblingsfeind und BVB-Boss Hans-Joachim Watzke spöttisch und wie gehabt von oben herab verbal abwatschte, konnte sich der Bayern-Aussteiger Matthias Sammer eine öffentliche Kritik nicht verkneifen. Man müsse, so Sammer, sich bei Äußerungen in der Öffentlichkeit immer der Verantwortung bewusst sein, was Aussagen gerade als prominenter Meinungsbildner zur Folge haben könnten.

Eine ungewöhnlich scharfe Stellungnahme, deren Brisanz der einstige Feuerkopf Sammer später mit einem Telefonat mit Hoeneß zu mindern suchte.

Sei es wie es sei. Hoeneß darf man die löbliche und wohl auch ehrlich gemeinte Absicht durchaus abnehmen, in seiner zweiten Amtszeit nicht mehr bei jeder Gelegenheit auf die große Pauke zu hauen. Doch das entspricht halt weder seinem Naturell noch dem Bayern-Selbstverständnis mia san mia – immer die Größten, immer die Erfolgreichsten, immer die Lautesten zu sein.

Und das geht offenbar nur, wenn man Regeln einer glaubwürdigen Unternehmensführung ignoriert.

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