Zerreißprobe – „Tag der weißen Blume“ musikalisch übertönt bei den Autorentheatertagen

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© Foto: Arno Declair, 2014

Der Autor Farid Nagim, der 1970 im Südural geboren wurde und heute in Moskau lebt, als Dramatiker bereits bekannt geworden mit seinem ersten Stück „Der Schrei des Elefanten“, das 2000 am Hamburger Thalia Theater uraufgeführt wurde, schrieb 2001 sein zweites Stück „Tag der weißen Blume“, das bei den Autorentheatertagen in Hamburg 2003 zu sehen war. Die deutsche Erstaufführung fand 2003 am Theater Konstanz statt.

Zweifellos ist dieses Werk eine Kostbarkeit, die es verdient, immer wieder neu entdeckt zu werden. In Stephans Kimmigs Inszenierung wirkt das Stück allerdings eher wie ein Begleittext im Rahmen einer musikalischen Veranstaltung, in deren Mittelpunkt die Band steht mit Benjamin Lillie an der E-Gitarre und als Sänger, Felix Goeser am Schlagzeug und Kathleen Morgeneyer und Heike Makatsch als Sängerinnen.

Zu Beginn gibt Benjamin Lillie als charmant nuschelnder Moderator eine Einführung ins Stück und stellt die handelnden Personen und ihre Rollen vor. Benjamin Lillie spielt sowohl den Weißgardisten Pawel, der 1918, nach der kommunistischen Revolution, von seiner Schwester in einer Wetterstation auf der Krim versteckt wird, als auch den erfolglosen Schriftsteller Radik, der 2001, nach der kapitalistischen Revolution, in Moskau lebt und bei dem sich seine aus der Provinz kommende Schwester einquartiert.

Lillie legt immer wieder seine Gitarre beiseite und gibt mal Pawel, mal Radik, demonstriert deren Gefühle, Angst oder Verlorenheit, ohne diese beiden unterschiedlichen jungen Männer lebendig werden zu lassen.

Das Stück ist ein Spiel mit der Zeit. Zwei Epochen nach jeweils einer großen Revolution stehen nebeneinander und spiegeln sich ineinander. Die staatliche Organisation und die politischen Ideen sind völlig unterschiedlich, aber die Menschen haben sich nicht verändert, die alten Unterdrücker terrorisieren zu beiden Zeiten alle, die nicht ins gerade gültige System passen.

In Farid Nagims Stück haben Opfer und Verfolger 1918 und 2001 dieselben Gesichter, auch wenn ihre Geschichten und damit auch ihre Beweggründe unterschiedlich sind.

Felix Goeser spielt einen brutalen Polizisten, der 2001 die gleiche menschenverachtende Grausamkeit an den Tag legt wie sein, ebenfalls von Goeser gestalteter, Kollege bei der Geheimpolizei mehr als 80 Jahre zuvor. Der gehörte zu dem Erschießungskommando, das die Zarenfamilie eliminierte. Felix Goesers Stimme wird leise und brüchig, als er davon erzählt, aber dann fängt er sich wieder. Der Geheimpolizist ist durch dieses Erlebnis noch härter und grausamer geworden als vorher. Hier ist etwas in die Welt gekommen, das nicht einfach wieder verschwindet.

Auch Heike Makatsch verkörpert eine Polizistin der Tscheka, eine furchterregende Megäre und, nach der Jahrtausendwende, die Nachbarin des jungen Schriftstellers, eine aufdringliche, bösartige Person, die Radik dauernd die Polizei auf den Hals hetzt. Dabei ist sie eine einsame, verzweifelte Frau, die sich nicht zurechtfindet in einer Gesellschaft, in der es keine Ordnung mehr gibt und nur noch das Geld regiert.

Neben Benjamin Lillie ist Kathleen Morgeneyer die wichtigste Person im Stück. Sie verkörpert Sina, die Herrin der Wetterwarte auf der Krim und Lilja, das Mädchen vom Land, das nach Moskau kommt, der Stadt, von der sie geträumt hat wie die „Drei Schwestern“ von Tschechow. Kathleen Morgeneyer springt von der einen Figur in die andere, erfüllt beide mit eigenständigem Leben und bringt die Poesie des Textes zum Klingen. Es ist wundervoll, wenn sie vom Tag der weißen Blume, einem Feiertag zur Zarenzeit, erzählt oder wenn sie, als Lilja, voller Begeisterung von einem Streifzug durch Moskau zurückkommt, obwohl sie dabei Betrügern in die Hände geraten ist.

Kathleen Morgeneyers hektische Umzüge auf offener Bühne wirken eher störend, zumal Merle Viereck keine zeittypischen Kostüme ausgesucht hat. Die langen Feinrippunterhosen, in denen Benjamin Lillie sich allzu lange präsentieren muss, können sogar einen so attraktiven jungen Mann entstellen.

Merle Viereck hat auch das Bühnenbild gestaltet, das sowohl die Wetterwarte auf der Krim als auch das Zimmer des Schriftstellers darstellt. Es ist ein klug gedachter, etwas klinisch wirkender Raum mit einer Dachschräge, der sowohl das eine wie das andere bedeuten könnte. Blickfang sind allerdings die Musikinstrumente, Mikrofone und Verstärker, die den Eindruck vermitteln, hier werde vorrangig ein Konzert veranstaltet.

Dabei darf nicht übersehen werden, dass die Inszenierung in nur drei Wochen entstanden ist. Es ist eigentlich eine Werkstattinszenierung, die in die Lange der Nacht der Autoren gehören würde. Weil jedoch Till Briegleb gleich fünf Stücke ausgewählt hat, die für einen Abend zu viel gewesen wären, ist eines von ihnen im Hauptprogramm gelandet.

Verdient hat dieses Stück die Platzierung auf jeden Fall, aber die Inszenierung wird ihm wohl nicht gerecht, obwohl sie vom Publikum mit Begeisterung aufgenommen wurde. Stephan Kimmig hat ein unterhaltsames Event auf die Bühne gebracht, in dem die Ängste und Sehnsüchte des leisen, poetischen Textes nahezu untergehen, und das Hämmern der Polizei an den Türen neben der viel lauteren Rockmusik eher belanglos erscheint.

„Tag der weißen Blume“ war im Rahmen der Autorentheatertage Berlin am 05. und 06. Juni in den Kammerspielen zu erleben.

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