Zeiten- und Seitenwechsel oder Birgit Prinz, die sportpsychologische Betreuerin der 1899-Frauen vom Aufsteiger Hoffenheim

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© A2 Bildagentur Hartenfelser

Weltfußballerin

Die Weltfußballerin bestritt insgesamt 24 WM-Spiele und nahm an fünf WM-Turnieren teil. Nur die US-Amerikanerin Kristine Lilly schaffte mehr WM-Spiele (30). Achtmal führte Prinz die Nationalmannschaft in WM-Spielen als Kapitänin aufs Feld, nur die Brasilianerin Aline Pellegrino kam auf mehr WM-Einsätze als Spielführerin (9).  Die Ex-Frankfurterin erzielte 14 WM-Tore und war damit bis zum 10. Juli 2011 alleinige Rekordhalterin, ehe sie von Marta eingeholt wurde. Nur der Männer-Star Ronaldo erzielte mehr WM-Tore (15) beim FIFA World Cup.

Abschiedsspiel

Am 27. März 2012 fand in Frankfurt ein Abschiedsspiel statt, bei dem die Nationalmannschaft auf den 1. FFC Frankfurt traf. Prinz spielte eine Halbzeit lang für den 1. FFC Frankfurt und anschließend bis zur 85. Minute für die deutsche Frauenfußball-Nationalmannschaft und erzielte für beide Mannschaften je ein Tor. In beiden Mannschaften waren aktuelle und ehemalige Spielerinnen vertreten, mit denen Prinz zusammengespielt hat, u.a. die Norwegerin Hege Riise, die mit Prinz in den USA beim Verein Carolina Courage spielte und von dieser als europäische Rekordnationalspielerin am 22. April 2009 abgelöst wurde. Riise (Jahrgang 1969) war Kapitänin der norwegischen Nationalmannschaft, für die sie von 1990 bis 2004 spielte, kam auf 188 Länderspiele. Birgit Prinz schoss in 214 Länderspielen 128 Tore für Deutschland. 

Anlässlich des ersten Zusammentreffens am 1. Advent-Sonntag in einem Bundesligapflichtspiel zwischen ihrem ehemaligen Verein 1. FFC Frankfurt und ihrem neuen Arbeitgeber TSG 1899 Hoffenheim veröffentlichen wir ungekürzt einen Text zu Birgit Prinz, der 4. April 2012 in der „Neuen Rheinischen Zeitung“ (NRhZ online) schon einmal veröffentlicht wurde.

Virtuelles Grundrauschen

© A2 Bildagentur HartenfelserDie Leipziger Sportjournalistin, Germanistin und Doktorantin Annemarie Fischer gab vor mehr als einem Jahr ihr Debüt im „virtuellen Grundrauschen“ der meist schnelllebigen Berichterstattung über den Frauenfußball. Fischer nahm sich intensiv dem Thema Karriereende Birgit Prinz an und zeichnete das mediale Bild über die verdiente Sportlerin nach. Fischers Verdienst ist es, dem eigentlichen Selbstverständnis der Sportlerin und heutigen Sportpsychologin konsequent nachgegangen zu sein. Anlass war das Abschiedsspiel vor rund 6.500 Zuschauern im Frankfurter Volksbank Stadion am Bornheimer Hang:

Die Vor-Spielerin

Es ist in diesem Moment so, als würde sie die Welt umfassen und umarmen. Birgit Prinz streckt die Arme in Sieges- und Umarmungsgestik in den Himmel des Stadions, zu den Mannschaftskolleginnen und zum Trainerstab aus mehreren Fußball-Generationen, und zu den Fans auf den Rängen gewandt. Ihre Mimik ist gelöst. Nach dem Spiel, das mit dem roten FFC-Dress begann und mit dem weißen Nationalmannschafts-Trikot endete, reckt Birgit Prinz, um den Arm die schwarz-rot-goldene Kapitänsbinde, die Hände in den Himmel. 

Rund 6.500 Zuschauer hatten sich an diesem Wochentag in ihrer ehemaligen Wirkungsstätte eingefunden, zum Abschiedsspiel einer beispiellosen Weltfußballerin, im Frankfurter Volksbank-Stadion am Bornheimer Hang. Das Abschiedsspiel war eine meisterhaft komponierte Frauen-Fußball-Symphonie – die erste Hälfte würde sie inmitten der roten Trikots des 1. FFC Frankfurt, die zweite Hälfte inmitten der weißen Hemden der Nationalmannschaft spielen – und an diesem Tag siegte Prinz.

Auf den Rängen der Medien-Kommentatoren fiel an diesem Tag der Ausdruck „medienkompatibel“. Prinz entstammt noch einer Spielerinnen-Generation, die unter Ausschluss der medialen Öffentlichkeit spielte, und auf die sich der Lichtkegel der Kamerascheinwerfer und die Mikrofone erst langsam richten sollten.Medien sind Mittler und Vermittler der Bilder, der Klänge, und, wenn sie ihre Aufgabe meisterlich beherrschen, der Gefühle. Prinz stellte für sich in Frage, was man als Spielerin Ende des 20. Jahrhunderts und Anfang des 21. Jahrhunderts können muss und tun soll.

Die Umarmerin der Welt

© A2 Bildagentur HartenfelserZu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden Sportplätze den Bedürfnissen der Medien angepasst; Sport wurde – im Guten wie im Schlechten – zur Projektionsfläche und "tabula rasa“ für Menschen, Gesellschaften, Nationen, und politische Systeme. Die Medien-Spiegelung der Karriere der Birgit Prinz wirft die Frage auf, ob die Medien auch Menschen so anpassen, dass sie ins Schema passen.

Prinz nahm ihre Rolle als Vorbild an, konnte sich aber nie mit ihrem zugeschriebenen Status als „Idol“ oder „Star“ und dem ständigen Zugriff der Medien-Persona identifizieren. „Vorbild zu sein für Kinder, das ist definitiv in meiner Rollenbeschreibung als Fußballerin enthalten. Das ist für die Kinder, für die Mädchen wichtig, dass sie Vorbilder im Frauenfußball haben“, nahm Prinz ihre beispielhafte Rolle als Fußballerinnen-Vorbild an. Die Berichterstattung sieht sie im Gespräch mit Klaus Smentek und Dirk von Nayhauß kritischer: „Egal, wie ich gespielt habe, es war immer eine Meldung wert. Ich hatte das Gefühl, dass ich immer unter Beobachtung stehe und Topleistungen abrufen muss. Das hat mir damals die Freude genommen.“

„Ich konnte ja nicht sagen, ich bin nur die Fußballerin Birgit Prinz. Das hätte ja keiner akzeptiert. Ich habe mich dann mit der Rolle auseinandergesetzt und auch mit dem, was ich für mich möchte. Aber klar ist auch: Journalisten schreiben eine Geschichte, und die ist nur ein Abziehbild der Realität – und auch nur ein bedingt genaues“, reflektiert Prinz im Interview der Frankfurter Allgemeinen Zeitung kurz vor ihrem Abschiedsspiel mit dem Sportjournalisten Daniel Meuren.

Medien-Spielerin Birgit Prinz

© A2 Bildagentur HartenfelserDie Medien reduzierten den Frauenfußball vor allen Dingen auf die Geschlechter-Frage der Gesamt-Gesellschaft – für die Spielerinnen, die als Mädchen zusammen mit den Jungs auf dem Fußballplatz sozialisiert wurden, oftmals eine unverständliche Problematisierung. „Ich habe nie gedacht, dass ich die Welt retten muss für den Frauenfußball, und dass ich alle zu gläubigen Anhängern des Frauenfußballs machen muss. Auf jeden Fall wird Frauenfußball heute aber eigenständig betrachtet und nicht mehr im ständigen Vergleich zum Männerfußball, und das ist sehr gut,“ resümiert Birgit Prinz mit Daniel Meuren die Entwicklung.

Medienkompetent und, vor allen Dingen, medienreflektiert war Prinz sehr wohl, was ihre Interviews mit Daniel Meuren und der Dokumentarfilmerin Britta Becker aus „Die besten Frauen der Welt“ jenseits des Instant-Berichterstattung zeigen. Prinz selbst eröffnete nie die Fronten, sondern reflektierte die Grenzen.

Dabei war Prinz nie wirklich medienscheu – die Weltklassespielerin gab sich jedoch nie der Medienshow preis. „Das war eine bewusste Entscheidung gegen Gewinnoptimierung. Sonst hätte ich mich mehr in der Öffentlichkeit zeigen müssen. So konnte ich mir aber treu bleiben und die Dinge machen, wie ich sie machen wollte“, so Prinz im Vorab-FAZ-Interview mit Daniel Meuren. Prinz’ beruflicher Karriereweg auch außerhalb des Fußballfeldes reflektiert die Dimensionalität der Fußballspielerinnen, die sich nie ausschließlich auf eine Profi-Karriere verlassen dürfen und ein weiteres berufliches Standbein brauchen. Während ihrer Sportlerkarriere absolvierte sie nach einer Ausbildung zur Physiotherapeutin ein Psychologie-Studium.

Ihre beispiellose Karriere machte Prinz unantastbar. Als die Mannschafts-Form während der WM nicht impromptu abrufbar war, wurde Prinz von den ungeduldigen Medien trotz der – wenn auch nicht überzeugenden – Siege in der Vorrunde als vogelfrei erklärt – als Kapitänin während einer Fußball-Weltmeisterschaft im eigenen Lande, wo doch gerne sonst der "Burgfrieden“ aufgerufen würde. Auch unter Beschuss behielt Birgit Prinz in der mittlerweile legendären Pressekonferenz den Spielball in der Hand.

Inszenierung mit und ohne Birgit Prinz

© A2 Bildagentur HartenfelserMedien sind Vermittler, aber inwieweit sie in das Geschehen eingreifen dürfen, verbleibt als Frage – zu welchem Zeitpunkt das Durchstrukturierte zur bloßen Choreographie verkommt, und eingesetzte Emotionen nur noch als Effekt ohne Fleisch und Blut verpuffen. „Titel oder Medaillen treiben mich nicht an. Das ist das Ergebnis, wenn man gut gespielt hat. Das ist eine Belohnung, die man von außen bekommt. Nichts, was mich von innen heraus antreibt. Das sind andere Dinge: Spaß, Befriedigung, etwas für meinen Selbstwert“, so Prinz im Interview mit Klaus Smentek und Dirk von Nayhauß aus dem Buch "1:1. 30 Fußballidole im Gespräch"

Die Dynamik des Fußballspiels zeigt der medialen Inszenierung von sportlichen Großveranstaltungen eine Grenze auf – Fußball folgt keinem Drehbuch; es gibt keine Haltungsnoten, und am Ende zählt, wer mehr Tore schießen kann. Die Gewinn-Erwartung des Turniers und die gestiegene Medien-Popularität werden dennoch erfüllt und übertroffen, und die Weltspitze des Frauenfußballs ist näher aneinandergerückt. Indes, umgesetzt wurden diese Dynamiken weiterhin in den virtuellen Nischen der Frauenfußball-Berichterstattung.

Das Abschiedsspiel am 27. März 2012 nahm das Publikum nicht nur auf eine Zeitreise durch die Geschichte des Frauenfußballs, sondern gab einen Einblick in die Zukunft des Fußballs – schon die Weltmeisterschaft wurde zu einem transnationalen Fest; auf dem Spielfeld, den Zuschauertribünen – und in der virtuellen networked community. Frauen-Fußball ist die Avant-Garde. In der Fußball-Neuzeit des 21. Jahrhunderts spielen andere Paradigmen eine Rolle. Für die Fans gibt es in dieser Hinsicht nicht mehr nur „gut“ oder „schlecht“; die Anhänger denken auch die Kategorien „echt“ oder „falsch“.

Die wahre Währung im 21. Jahrhundert ist eine andere – sie ist die der Authentizität. Technologie und Meisterschaft über Bilder und Töne ist längst kein Privileg weniger Medienmacher mehr: Auch das Publikum ist medien-kompetenter geworden. Spielebilder werden auf Facebook geteilt, Spielergebnisse getwittert, Videos von Spielsequenzen, Interviews und Pressekonferenzen auf YouTube gestellt, und das Netzwerk tauscht sich quer über den Globus aus. Die Sportwelt spielt sich in einer virtuellen Arena und in einem globalen Forum ab. Frauen-Fußball-Fans haben die Werte des 21. Jahrhunderts bereits verinnerlicht, mit dem der alles dominierende Männerfußball bisweilen zu kämpfen hat.

Vor-Bild Birgit Prinz

Es ist diese medial oft schwer zu fassende Mischung, was den Frauenfußball so besonders und für das 21. Jahrhundert so spannend macht; das Familiäre, das Reelle, das hochvernetzte Virtuelle und das Globale. An diesem Tag war diese grüne Fußball-Magie in der rötlichen Frankfurter Abendsonne fassbar. Von der vorigen und nächsten Fußball-Generation fallen bewundernde Blicke auf die Rekord-Spielerin. Prinz klatscht nach diesem Spiel jeden ab, dessen Hand sich ihr entgegenstreckt; alle Spielerinnen, den Trainerstab, Foto-Journalisten, und die Fußballmädchen am Spielfeldrand.

Nach dem Ausschalten der Fernseh-Übertragungskameras wird sie noch lange im Stadion bei den Fans verweilen. „Im Fußball zählt nur das Jetzt, nicht das, was war“, so Birgit Prinz im Interview mit Klaus Smentek und Dirk von Nayhauß. Auf deren Frage, was sie der kommenden Fußballerinnen-Generation auf ihren Weg mitgeben würde, rät Prinz folgendes: „Dass sie Spaß dabei haben und das Durchhaltevermögen. Dass sie mit Niederlagen sinnvoll umgehen und dass es ihnen Spaß machen muss, sonst hat es eh keinen Sinn.“ „Es hat Spaß gemacht, in der Heimat, in dieser Fan-Kulisse und bei diesem Wetter zu spielen“, resümiert Birgit Prinz ihren Abschied von der globalen Fußball-Arena in der anschließenden Presse-Konferenz des DFB.

Als Prinz an diesem Abend das Stadion verlässt, hat sie die Arena hinter sich gelassen – und schreitet in eine neue Welt. 

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