Wort- und Wasserfluten – Das Theatertreffen eröffnet mit Karin Beiers Jelinek-Trilogie „Das Werk/ Im Bus/ Ein Sturz“

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Leicht konsumierbar ist die Produktion allerdings nicht. Elfriede Jelineks Texte sind zwar im Grunde einfach zu verstehen, durch das permanente Umkreisen von Wortgebilden, aus denen sich neue Gedankenkonstruktionen ergeben und angereichert mit Wortspielen und Kalauern, jedoch oft nur mit Mühe fassbar.

 

Dazu kommt Jelineks Verweigerung von psychologischer Personengestaltung. „Menschen und subtile Verhaltensweisen interessieren mich nicht. Meine Figuren sind Prototypen“, hat Elfriede Jelinek oft genug konstatiert. So erklärt sie auch in der im Programmheft abgedruckten E-Mail-Korrespondenz mit Dramaturgin Rita Thiele was ihr wichtig ist, nämlich „(…) nicht die Verbindung zwischen Menschen (das würde mich nicht sehr interessieren. Wenn ich das sehen will, gehe ich ins Kino oder schaue mir eine DVD an), sondern gesellschaftliche (Macht-) Diskurse als Untersuchungsgegenstand. (…)“

 

Elfriede Jelineks Stücke werden häufig als unspielbar bezeichnet. Trotzdem – oder wohl gerade deshalb –  reizen sie dazu, aufgeführt zu werden, wobei sie dann oft genug wie ein Rohmaterial erscheinen, das von einer Regisseurin oder einem Regisseur nach Belieben geformt wird.

 

Karin Beiers Umgang mit Elfriede Jelineks Arbeit zeugt von großem Respekt vor der Dichterin. Selbstverständlich hat Beier die Texte gekürzt, ohne sie jedoch willkürlich zurecht zu stutzen. Beier lässt, Jelineks Forderung gemäß, „ein Sprechen, das ausgestellt wird“ erkennbar werden. Sprache als Text, Klang und Rhythmus bildet das Zentrum dieser Inszenierung. Um sie herum entwickeln sich Bilder und Aktionen, zu Beginn ganz sparsam, im Verlauf des Abends sich mehr und mehr ausweitend, bis schließlich, im turbulenten dritten Teil, Sprache und Aktionen wie in einem furiosen Tanz umeinander herum wirbeln.

 

In allen drei Stücken geht es um den Kampf des Menschen gegen die Natur, der er seine Werke aufzwingt, wobei er, größenwahnsinnig und ignorant, Katastrophen riskiert.

„Das Werk“ ist das Wasserkraftwerk in den Kapruner Alpen, bei dessen Bau Hunderte von ausgebeuteten Menschen ihr Leben lassen mussten.

„Im Bus“ sterben Fahrgäste in München beim Absturz in einen Krater, der sich, verursacht durch U-Bahn-Arbeiten, plötzlich in der Straße auftut.

„Ein Sturz“ ist der Absturz des Kölner Stadtarchivs und umliegender Gebäude in eine unterspülte U-Bahn-Baustelle, bei der ebenfalls Menschen ums Leben kommen.

 

Karin Beier hat die Trilogie mit einem hervorragenden Ensemble in Szene gesetzt. Alle sprechen und agieren mit äußerster Präzision und mitreißender Spielfreude. Durchgehende Rollen gibt es nicht, aber auf der Bühne präsentieren sich beeindruckende SchauspielerInnenpersönlichkeiten: Lina Beckmann, wundervoll komisch naiv, Susanne Barth, die, mit vornehmer Reserviertheit, Elfriede Jelinek verkörpert oder Caroline Peters, sehr forsch und energisch.

 

Zu Beginn hält Thomas Loibl vor dem roten Vorhang eine Ansprache, die inhaltlich kaum bemerkenswert ist, jedoch durch Loibls Sprachartistik fasziniert. Manfred Zapatka kann herrlich verlogen Zuversicht zum Ausdruck bringen, auch in bereits aussichtsloser Lage Optimismus verkünden und greift am Ende mannhaft zum Presslufthammer.

 

Die Bühne von Johannes Schütz, der auch für die Kostüme zuständig ist, wirkt wie ein riesiger Probenraum mit schwarzen Wänden, nur mit ein paar  Stühlen und Tischen ausgestattet, auf denen mit Wasserflaschen, Handys und Labtops gearbeitet wird.  Im ersten Stück treten die SchauspielerInnen auch mit Heidi- und Geißenpeter-Masken auf sowie mit drei sehr großen weißen Masken, deren eindrucksvolle Gesichter aussehen wie von Kindern gemalt.

 

Musikalisch begleitet wird die Inszenierung von drei exzellenten Live-MusikerInnen, die am linken Bühnenrand platziert sind.

 

Rosemary Hardy schlurft vor sich hin brummelnd mit Putzeimer und Wischmop über die Bühne und beginnt plötzlich mit traumhaft schöner Stimme Arien zu singen.

Später erscheint ein riesiger Chor, der spricht, stampft und Schuberts „Gesang der Geister über den Wassern“ in höchster Vollendung zu Gehör bringt.

 

Es ist gigantisch, was in dieser Inszenierung auf die Bühne gebracht wird, und doch entsteht der Eindruck von schwebender Leichtigkeit.

 

Das Tragische, der Schrecken und die Komik sind immer fast gleichzeitig spürbar und ergänzen sich ohne einander auszulöschen. Ganz besonders deutlich wird das im dritten Teil, in dem der Einsturz des Kölner Stadtarchivs als Groteske zu erleben ist. Die Bühne wird geflutet, Menschen versuchen zu retten, halten Reden und feiern Karneval.

 

Zwischen diesen aufgeregt herumwuselnden, dann wieder ausgelassen tanzenden und grölenden Menschen irrt eine zarte Gestalt umher. Kathrin Wehlisch hat sich die nackte Haut mit brauner Erde beschmiert. Sie ist die Erde, die in einer bewegenden Tanzpantomime Kontakt zu den Menschen aufzunehmen versucht. Die Erde ist stumm, unfähig auf die Unterstellungen und Vorwürfe der Menschen zu antworten. Die Menschen nehmen die Erde nicht einmal wahr. Sie haben ihr eigene, von sexuellen Phantasien geprägte Vorstellung von der Erde. Und so flieht die verlorene, von den Menschen nicht beachtete Erde in ein erotisches Pas de deux mit dem Wasser (Krzysztof Raczkowski) und endet ertrunken in einem Wasserloch.

 

Der dreieinhalbstündige Theaterabend wurde auch im Haus der Berliner Festspiele mit großer Begeisterung aufgenommen.

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