Wissen wird zu Geld – Das Buch »Die Charité« von Ernst Peter Fischer weist den neoliberalen Weg vom Krankenhaus zum gewinnorientierten Unternehmen

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Ernst Peter Fischer: Die Charité

Berichtet wird von großen Leistungen und Entdeckungen: Rudolph Virchows Gewebelehre, der von Robert Koch etablierten Bakteriologie, von seinen Forschungen zur Bekämpfung der Tuberkulose, von der Entwicklung des Augenspiegels durch Hermann von Helmholtz, der Entdeckung der Röntgenstrahlen und der Entwicklung moderner chirurgischer Verfahren durch Ernst von Bergmann und Ferdinand Sauerbruch.

Ihren besonderen Charakter erlangte die Charité durch enge personelle Verflechtung mit der Medizinischen Fakultät der Berliner Universität, was eine fruchtbare Verbindung von Forschung, Lehre und Patientenbetreuung möglich machte. Grundsätzlich nahmen die Ordinarien der Fakultät Chefarzt- oder Direktorenposten der Charité-Kliniken, der Institute und Laboratorien ein. Heute verfügt die Charité über 3500 Betten, 14.000 Beschäftigte, darunter 2000 Ärzte und 450 Professoren. Sie bildet 8000 Studenten aus.

Zur Geschichte der Charité in der Nazizeit stützt sich Fischer im Wesentlichen auf den von Alexander Mitscherlich und Fred Mielke herausgegebenen Band »Medizin und Menschlichkeit« mit Dokumenten der Nürnberger Ärzteprozesse und auf das von Sabine Schleiermacher und Udo Schagen herausgegebene Buch »Die Charité im Dritten Reich – Zur Dienstbarkeit medizinischer Wissenschaft im Nationalsozialismus.« Ersteres hat seinen Autoren in der Altbundesrepublik massive Anfeindungen eingebracht. Beim zweiten – ein ehrliches, schonungsloses Buch – wäre zu fragen, warum erschien es erst 63 Jahre nach der Befreiung? Wichtig sicherlich für die Reputation, dass beide Bücher über die Charité das peinliche Kapitel vor dem großen Jubiläum erledigt haben. Fischer kann Wertungen über die Täter übernehmen wie zum Beispiel über den Pathologen Robert Rössle, den Psychiater Karl Bonhoeffer, den Anatom Hermann Stieve sowie Ferdinand Sauerbruch.

Die Unterwerfung unter die Nazis begann mit der in vorauseilendem Gehorsam beschlossenen Entlassung der jüdischen Ärzte und Mitarbeiter im März/April 1933. Schirrmacher/Schagen nennen es Selbstindienstnahme und Kollaboration. Fischer konstatiert, dass es keinen Widerstand gab, folgt aber der Meinung von Max Planck, dass man nichts machen konnte. Festzuhalten ist, dass es kein medizinisches und biopolitisches Naziverbrechen gab, an dem führende Mediziner der Berliner Medizinischen Fakultät und der Charité nicht direkt oder indirekt beteiligt waren: Zwangssterilisationen (Walter Stoeckel, Georg A. Wagner, Günter K.E. Schultze, als Theoretiker Bonhoeffer) auf der Grundlage des Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses vom 14. Juli 1933, Zwangsabtreibungen an Zwangsarbeiterinnen, Euthanasie (Karl Brandt, Leonardo Conti, als Theoretiker Stoeckel, Rössle, Maximinian de Crinis), Sektionen ohne Einwilligung der Angehörigen (Rössle), Forschung an den Leichen hingerichteter Antifaschisten ( Stieve), tödliche Versuche und Impfungen an behinderten Kindern (Georg Bessau), Menschenversuche an Behinderten, Kriegsgefangenen, Kz-Häftlingen und Juden (Otmar Freiherr von Verschuer,Josef Mengele, Brandt, Karl Gebhardt, Gerhard Rose, Joachim Mrugowsky, Robert Neumann, Kurt Blome, Paul Rostock), Unterdruckkammer-Experimente im Kz Dachau (Siegfried Ruff), Rassenhygiene (Fritz Lenz, Heinz Zeiss), Generalplan Ost (Mrugowsky) sowie biologische Kriegsführung (Blome). Nicht vergessen werden dürfen die ideologischen Scharfmacher, z.B. der Medizinhistoriker Paul Diepgen. Die Namen der prominenten Täter werden im Buch »Die Charité im Dritten Reich« genannt. Mitwisser, Helfershelfer und Profiteure bleiben unerwähnt. Bei Fischer kommen die Täter nur unsystematisch und lückenhaft vor. Er diskutiert empörende Einzelfälle, aber nicht die systematische und freiwillige Kollaboration – vor allem führender Mediziner – mit den Nazis.

Den Gynäkologen Walter Stoeckel, der Zwangssterilisationen befürwortete und durchführte, zählt Fischer zu deren gemäßigten Vertretern, weil es in seiner Klinik »nur« 50 Fälle waren. Andere Universitätskliniken wären eifriger gewesen. Fischer ignoriert, was er bei Schleiermacher/Czarnowski nachlesen könnte, dass Stoeckel in den von ihm herausgegebenen Fachzeitschriften und in Schulungen der exponierte Propagandist der gesetzlichen Unfruchtbarmachung war. In Stoeckels Klinik wurde auch die Röntgenkastration praktiziert. Seine Empörung über Stieves Forschungen relativiert Fischer unter Hinweis auf dessen Wissenschaftsbegeisterung, auf Grund deren es Stieve »nicht ganz unterlassen (konnte)«, seine »Chancen« zu nutzen.

Ein besonderer Fall ist Ferdinand Sauerbruch. Der machte sich selbst die Hände an Menschenversuchen nicht schmutzig, aber als Reichsgutachter befürwortete und förderte er die Experimente von Mengele und Verschuer in Auschwitz. Seine Stellung brachte es mit sich, dass er von den Experimenten in den Konzentrationslagern wusste. Aus gutem Grund betrieb der Professor die Streichung seines Namens aus den Nürnberger Protokollen. Mit keiner Silbe erwähnt Fischer Sauerbruchs emphatische Radioansprachen für Hitler und für den Austritt aus dem Völkerbund. Indem Fischer Sauerbruchs Pauschalrechtfertigung von 1933, dass »Ärzte frei von zeitgebundenen Kräften ihr Werk tun«, nicht hinterfragt, lässt auch er die Ikone der deutschen Ärzteschaft unangetastet, was auch den weniger bekannten Tätern im Arztkittel erlaubt, ihre Beteiligung zu leugnen oder zu verharmlosen.

In Schwung kommt Fischer bei der Beurteilung der Geschichte der Charité während der sowjetischen Besatzung und in der DDR. Obwohl einzelne medizinische und Aufbauleistungen dieser Zeit genannt werden – z.B. die Forschungen des Gerichtsmediziners Otto Prokop und der Biochemiker Samuel Mitja Rapoport und Karl Lohmann sowie die Polikliniken oder das Niveau der Studentenausbildung – wird die Gesundheitspolitk der DDR als aufgezwungen und verfehlt hingestellt. Das antifaschistische Konzept des Neugründungsrektors Theodor Brugsch und des Staates sei »unvernünftig« gewesen, weil es »auf nationalsozialistische Pervertierung eines freien akademischen Lebens die keinesfalls bessere kommunistische Variante einer ideologiereichen Ausrichtung folgen lassen« wollte. Die Politik der Kommunisten – reine Propaganda; sie verordneten einen erhöhten Anteil von Arbeiter- und Bauernkindern unter den Medizinstudenten, weil kommunistische Funktionäre vor allem das »Wohl der Partei im Auge« gehabt hätten, statt Patienten medizinisch zu versorgen.

Die Charité in der DDR wird dargestellt als von Zwang und Krisen bestimmt, deren hervorstechendes Kennzeichen die massenhafte Abwanderung von Ärzten und Pflegepersonal in den Westen gewesen sei. Nach Fischers Lesart bestimmten Mangelwirtschaft, Unfreiheit und ideologischer Druck die Lebenswirklichkeit der Mediziner. Dazu passt freilich nicht, dass Charité-Mitarbeiter nach dem 17.Juni1953 den Schutz der Kliniken organisierten. Dazu zitiert Fischer aus einer Geschichte der Charité von 1985, die seltsamerweise im Literaturverzeichnis nicht erscheint. Fischers Urteil: »Das sozialistische Gesundheitssystem hat in der Praxis zu keinem Zeitpunkt so funktioniert, dass die Patienten davon unmittelbar entscheidend profitiert hätten« (S. 202). Augenscheinlich kann im vereinten Deutschland Wissenschaftsgeschichte nur nach antikommunistischem Muster geschrieben werden.

Die Periode nach 1990 hingegen erzählt Fischer als Erfolgsgeschichte der Eingliederung der ehrwürdigen Institution in die bundesdeutsche Wissenschafts- und Gesundheitspolitik. Die Fragwürdigkeit der Evaluierung durch den westdeutschen Wissenschaftsrat wird nicht einmal in Erwägung gezogen. Gnädigerweise erlaubten die Evaluierer die Fortführung der Medizinischen Fakultät der Humboldt-Universität. Die neuen Vorstände kamen sämtlich aus dem Westen. Was wurde aus den Gelehrten und Ärzten der DDR? Wie viele Hochschullehrer wurden vertrieben und arbeitslos? Unerwähnt bleibt, welche Probleme, Belastungen und Konflikte sich für die Belegschaft ergaben. Gegen die Charité und ihre Mitarbeiter wurden vom »Spiegel« haltlose Vorwürfe – Menschenversuche, Organraub – erhoben, und eine Stasihysterie wurde erzeugt. Umfang und Wahrheitsgehalt hat der Autor nicht hinterfragt.

Im Schlusskapitel kriegt Fischer die Kurve zum neoliberalen Kurswechsel vom Krankenhaus zum gewinnorientierten Unternehmen. Die Charité solle als Motor einer Gesundheitswirtschaft unternehmerisches Handeln entwickeln und Gewinne erzielen. Mit diesem Ziel wurde mit der Milliardärin Johanna Quandt (BMW) an der Spitze 2003 die Stiftung Charité gegründet. Ihre Grundidee: »die Verbindung von Wissenschaft und Wirtschaft als Hauptelement der modernen Wissensgesellschaft« zu fördern mit der Maxime, »Geld wird zu Wissen, und Wissen wird zu Geld«. Dazu habe die Charité ein großes ökonomisches Potenzial. Es geht nicht um Menschen, sondern um Konkurrenz, um nicht weniger, als Europa seine frühere »führende Rolle in der Gesundheitsentwicklung wieder zuzuweisen.« Gesundheit ist vorrangig ein Geschäft. Fischer wagt die Prognose: »Wer auf die Charité und die Gesundheit setzt, könnte erstarkt aus der augenblicklichen Krise hervorgehen.« Schon bald an der Börse?

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Ernst Peter Fischer, Die Charité. Ein Krankenhaus in Berlin 1710 bis heute, Siedler Verlag, Berlin 2009, 288 Seiten, 19.95 €

Erstveröffentlichung in junge Welt (www.jungewelt.de) vom 14.10.2009

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