Wirklich ein Leidensweg: die sphardischen Juden aus Spanien – „Die Türken in Wien. Geschichte einer jüdischen Gemeinde“ im Jüdischen Museum in Wien

In dieser Ausstellung erhalten Sie tatsächlich so viele Informationen, die den normal Gebildeten zu einer Überprüfung seines Geschichtsbildes zwingt. Für Deutsche ist eine solche Ausstellung wieder einmal eine immer noch notwendige Aufarbeitung der Verbrechen, die in deutschem Namen von den Nationalsozialisten verübt wurden. Für Österreicher eigentlich auch, nur gibt es dort die feinsinnig und hinterfotzige Ausrede von der Opferrolle, weshalb alle diese Naziverbrechen mit den Österreichern nichts zu tun hätten. Wie sehr das eine Geschichtslüge ist, zeigt diese Ausstellung so nebenbei auch und sie zeigt, daß nicht überall der Naziterror widerstandslos befolgt wurde. Zum Beispiel nicht in Bulgarien, wo sowohl die politische Führung wie auch das Volk die von den Nazis angeordnete Menschenjagd auf Juden, die in den Konzentrationslagern endete, unterlief. In den bulgarischen Städten durften sich Juden nicht mehr aufhalten, wurden also hinaus aufs Land ausgewiesen, was ja erst einmal negativ klingt, aber den positiven Effekt hatte, daß Juden nun verstreut waren, nicht mehr durch eine Quatierabriegelung in einem Stadtviertel auf einen Schlag verhaftet, deportiert und ermordet werden konnten.

Diese Strategie konnte aber nur aufgehen, weil die Bevölkerung auf dem Land tatsächlich jüdische Flüchtlinge nicht verriet, ja sie sogar versteckte, wenn es Not tat, wobei die fehlende Denunziation durch die Bevölkerung schon das Wichtigste war. Das hat uns mit Bewunderung und Sympathie erfüllt. Hauptziel der Ausstellung ist ein anderes. Es geht um den Aufbruch der ursprünglich in Nordafrika und Spanien beheimateten Juden, den – im Gegensatz zu den ost- und mitteleuropäischen und deutsch geprägten Juden, den Aschkenasim, – Sephardim genannten, die diesen gen Nordeuropa, vor allem aber in die asiatischen und afrikanischen Welten unternehmen mussten, als Spanien zuerst Stück für Stück und dann massiv die „Reinigung“ Spaniens von den Juden durchführte, die noch im Mittelalter als Mittler zwischen Kleinasien, Nordafrika und Europa genau diejenigen gewesen waren, die die philosophischen, medizinischen und naturwissenschaftlichen arabischen Errungenschaften dieser Gegenden nach Europa transportiert hatten, aber auch durch die jüdische Mystik und die spanisch-jüdische Poesie den Kontinent bereichert hatten.

Hintergrund der Vertreibung war der endgültige Versuch der spanischen Krone 1492 , sich in einer Art christlicher Nationalstaatsidee von den Folgen der arabischen Eroberung zu befreien, die als Reconquista seit 711 als politisches Programm erst durch Isabel von Kastilien und Ferdinand von Aragon, den Katholischen Königen, politisch abgeschlossen wurde, im selben Jahr als Christoph Columbus für Spanien die Neue Welt entdeckte und mit Waffengewalt unterwarf. Die Ausstellung folgt nun den Wanderungs- und Ansiedelungsbewegungen der sephardischen Juden, die längst so Spanier waren wie im 20. Jahrhundert Deutsche und Österreicher, und die ihre Sprache, Ladino oder Spaniolisch, genauso mitnahmen wie ihre Kultur. Die eigentliche historische Ausstellung führt durch die aufgestellten Objekte auch zu einer Wiedergabe der kultischen Grundlagen, in dem beispielsweise die Tora betreffenden Geräte aus allen Zeiten und Gegenden ausgestellt werden. Man ist froh und wundert sich fast, wie viel erhalten ist, denn die Tora, das erste Buch der hebräischen Bibel mit den fünf Büchern Moses (Pentateuch) ist Zentrum der jüdischen Religion. So sieht man Tora-Kronen – wir schrieben bisher immer Thora, passen uns aber hier der in der Ausstellung vorgeführten Schreibweise an -, erhalten ist auch ein prächtiger Tora-Vorhang aus Samt, Tora-Aufsätze aus Silber, verschiedene Tora-Mäntel aus Samt und Seide, wundervoll bestickt, Tora-Rollen, silbern gefasst, herrliche Gebetsbücher, jeder Gegenstand zeigt, wie wichtig, wie heilig er den Gläubigen war.

Aber schon 1492 war nicht der Glaube der casus belli, sondern die vorgehaltene Judenschaft als Volk. Denn auch die ehemaligen jüdisch Gläubigen, die unter Druck oder schon lange aus eigener Überzeugung Christen geworden waren, die sogenannten Conversos/Maranen, wurden von der spanischen Inquisition tödlich erfasst – genauso übrigens wie die Mosricos, zum Christentum übergetretene Muslime – , die denen noch den Garaus machte, die nicht abgewandert waren. Diese Fluchtbewegung stellt die Ausstellung in sechs Stationen nach, wobei mit Nordwesteuropa die Städte Amsterdam, Hamburg und London vorgestellt werden, dann Italien als Aufnahmeland gezeigt wird, vor allem aber das osmanische Reich, das den Hauptstrom der Flüchtlinge aufnahm, der Balkan und schließlich Wien, wo die türkisch-sephardische Gemeinde entstand. Das alles aber war nicht gleichzeitig, sondern folgte auf neue Vertreibungen, aber auch neue liberalere Zustände. So gingen erst ein großer Teil der Spaniolen nach Griechenland und von dort nach Nordwesteuropa, die in das Osmanische Reich geflüchteten und dort wohlaufgenommenen Sephardim hatten durch den Friedensvertrag zwischen den Habsburgern und den Osmanen in der ersten Hälft des 18. Jahrhunderts nun auch Religionsfreiheit im Habsburgerreich.

Viele Sephardim zogen deshalb nach Wien. Ihr wirtschaftliches Motiv war der Handel – so handelten die ersten lange Zeit nur mit türkischen Waren, die in Wien Mode waren – und ihre zentrale Ansiedlung war der 2. Bezirk, wo auch 1887 ein sefardisch-türkischer Tempel gebaut wurde, der in maurischen Stil in der Zirkusgasse so eindrucksvoll gewesen sein muß, daß er als touristisches Ziel schon damals angepriesen wurde. Wie immer sind die großen historischen Linien da ans Herz greifend, wenn man individuelle Zeugnisse sieht, wie hier der Reisepaß von Salomon de Majo, der in Wien am 11.9. 1813 ausgestellt wurde, vor einem legt wie auch eine Aufenthaltskarte für Aron de Majo für Wien im Jahr 1828. Die Erlaubnis- Unterschrift im Reisepaß lautet übrigens „Im Rahmen seiner Österreichischen-kaiserlichen zu Ungarn und Boheim königlichen und apostolischen Majestät.“

Die Ausstellung vermittelt auch die Konflikte, die das Zusammenleben der beiden Teile der jüdischen Gemeinde – der Sephardim und Aschkenasim – auszuhalten hatten und worin die Unterschiede lagen. Einzelne Bilder setzen im eigenen Kopf Geschichten fort, wenn dort beispielsweise die Mutter der Geschwister Zemlinsky, Clara, abgebildet ist, von ihrem Schwiegersohn Arnold Schönberg gemalt, der nicht nur Komponist war, als der er berühmter wurde. Seine Frau Mathilde war auch die Schwester von Alexander Zemlinsky, einem genialen Komponisten, der erst berühmt und bis heute nicht wieder in den Ehren steht, die ihm gebühren. Mathilde nun wiederum hatte erst einen Skandal produziert, als sie ihren Ehemann Arnold Schönberg und die Kinder für den ganz jungen Maler Richard Gerstl – dessen wunderbare Selbstporträts und die unschönen von Familie Schönberg sind im Museum Leopold zu bewundern – verließ, der sich flugs umbrachte, als Mathilde an den häuslichen Herd zurückkehrte, ein Ereignis, das das Leben der Familie für immer prägte.

Solche Dinge gehen einem durch den Kopf, weil Jude zu sein in Wien eben auch immer hieß, in viele Kreise eingebunden zu sein, die erst in der Zeit des Nationalsozialismus in einen einzigen tödlichen Weg mündeten, es sei denn es gelang rechtzeitig die Flucht, wie dem späteren Nobelpreisträger und wunderbaren Autoren, aber seiner Frauenskandale wegen rabiaten Ehemann Elias Canetti. Dieser war Spaniole aus Rutschuk und im ersten Teil seiner Autobiographie „Die gespaltene Zunge“ schildert er bewegend deren Sprachenvielfalt, schreibt aber auch, warum er zeitlebens auf Deutsch schrieb, auch im Exil in England, weil das für ihn die Sprache der Liebe war, da die Eltern, die sich in Wien kennengelernt hatten, so miteinander sprachen, wenn die Kinder sie nicht verstehen sollten.

Daß sich in Wien und Südosteuropa so viele Juden im Osmanischen Reich angesiedelt hatten, wurde ihnen im zweiten Weltkrieg und den deutschen Besetzungen zum Verhängnis. Man kann die Zahlen nicht fassen, die man dort liest, die aber Wahrheit sind: ab August 1943 wurden aus Saloniki 46 000 Juden von den einst 53 000 nach Auschwitz deportiert, in Ungarn durften 25 00 durch diplomatischen Schutz – auch sephardische Juden durch Spaniens Botschaft veranlasst – überleben, aber von einst 725 00 ungarischen Juden sind 564 500 auf den Todesmärschen oder in den Konzentrationslagern umgekommen. Diese Zahlenreihe kann man verlängern. Und gerade weil diese Ausstellung in keiner Weise anklägerisch oder plump propagandistisch ist, geht sie um so mehr unter die Haut. Und gleichzeitig lernt man sehr viel über Geschichte und Religion. Sehr zu empfehlen.

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Ausstellung: bis 31. Oktober 2010

Katalog: Die Türken in Wien. Geschichte einer jüdischen Gemeinde, hrsg. Von Felicitas Heimann-Jelinek u.a., Wien 2010. Auf dem Katalog findet sich die Zeichenverbindung, die schon in der Ausstellung das Auge verblüfft, nur um 90 Grad gedreht. Dort nämlich findet sich der türkische Halbmond auf der linken Seite und hat das jüdischen Symbol auf der Rechten, umschlossen, also von den Enden des Mondes beschützt. Hier auf dem Katalog liegt der Mond auf dem Rücken und trägt den Judenstern über seinen spitzen Enden, beide Fassungen eine innigliche Unterstützung der Ausstellung, die dokumentiert, welchen Schutz den Juden tatsächlich von Türken widerfahren ist.

Der Katalog hat eine andere Systematik als die Ausstellung, was sinnvoll ist. Viele Texte, die man im Museum liest, sind auch hier abgedruckt, aber darüber hinaus wird folgendes erfolgreich versucht: Die in der Ausstellung gezeigten Gegenstände werden im Buch in den Kontext durch ausführliche Texte einbezogen. Damit gewinnt der Katalog die Funktion eines Lesebuchs. Außerdem sind die Objekte sehr ausführlich beschrieben und im Bild gezeigt.

Internet: www.jmw.at

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