Wiedergutmachung an der tschechischen Pionierin Toyen und an Prag – Serie „Surrealismus“: „Gegen jede Vernunft. Surrealismus Paris – Prag“ im Wilhelm-Hack-Museum in Ludwigshafen am Rhein (Teil 1/3)

0
261

Absurd oder unwirklich oder irreal hätte man die Bewegung genauso nennen können wie surreal, was poetischer klingt. Ausstellungen über den Surrealismus gibt es öfter, die in Verbindung mit dem Namen Salvador Dali, das Publikum anziehen. Aber die Schau in Ludwigshafen ist unter kunsthistorischen Gesichtspunkten eine sensationelle, weil sie für die Bundesrepublik die Bedeutung der Surrealistenhochburg Prag herausstellt und die pionierhafte Rolle der hierzulande fast unbekannten Künstlerin Toyen hochhält.

Deshalb sollte man in der Ausstellung gleich auf die Galerie gehen, wo ein Bild nach dem anderen hängt von dieser Frau aus Prag, die als Marie Cerminova 1902 dort geboren wurde, sich den Kunstnamen Toyen verpaßte, und die so eigenständig und hermetisch abgeschlossen ein eigensinniges Werk schuf, daß man allein durch ihre Bilder einen Überblick über die surrealistische Gesamtbewegung erhält. Zu ihren Bildern äußerte sie nie ein einziges Wort und antworte nicht auf die Bitte um Kommentierung, womit sie völlig singulär in der reichlich verschwätzten Welt der Surrealisten existierte, aber auch deshalb unbekannter blieb. Ihren Lebensweg wollen wir im zweiten Artikel verfolgen und hier nur auf das berühmte Bild „Der Paravent“ verweisen, das sie erst 1966, also 64jährig malte, als der Surrealismus als Bewegung schon tot war, genauso wie Freund André Breton, der im selben Jahr starb.

Aber dieses Bild einer weiblichen Silhouette, die durch eine Türöffnung schimmert und an der Stelle der Scham einen Wildkatzenkopf zeigt, mit rundem geschminkten Mund, dessen Raubtierkörper auch elegant als Damenbein durchgeht, während rechts und links der Türöffnung schemenhaft rundköpfige Männerschatten gesichtslos bleiben, wobei auch die weibliche Silhouette kein Gesicht trägt, dafür eben den Katzenkopf an der weiblichsten Stelle und dadurch gleichermaßen Gesicht und Geschlecht erhält. Ein tolles Bild und mit all den psychoanalytischen Deutungsmustern versehen, wie auch den beiden Schmetterlingen, die sich im Strahl des Lichtes paaren, nachtfalterhaft oder sind es Fische, die dasselbe tun? Das ist so recht ein Bild, das fließt und in dem man selber hin und herschwimmt. Ein im besten Sinne beispielhaftes Bild für die Bewegung des Surrealismus, als es ihn schon nicht mehr gab: als zufälliger Traum oder traumhafter Zufall von der Lust an der Frau im männlichen Blick, gespiegelt durch die grünen Handschuhe, die die weibliche Silhouette geradeüberstreift und damit sich nicht zum Objekt macht, sondern zur handelnden Figur, die dem Tiger/Leoparden, Geparden in ihr gleich Futter geben wird. Schließlich stehen genug Männerschemen rum.

So geht es uns mit jedem Bild der Toyen, das wir beim Anblicken ins Erzählen kommen, obwohl – besser, weil – sie überhaupt keine menschlichen Erzählsituationen abbildet, sondern wie in „Die verlassene Höhle“ irgendwelche blauen Korsette (Frida Kahlo läßt grüßen) vor verwitterten Kalksteinhöhlen hängen, rätselhaft und deshalb den Drang, sich diese Welt zu erklären, fördernd. Magisch nennt man solche Welten, in denen Attribute die menschliche Existenz vertreten, aber Toyen hat sich nicht später dem magischen Realismus zugewandt, sondern ist explizit eine Vertreterin des Prager Surrealismus, den sie mit ihrem Lebensmenschen und Maler Jindrich Styrsky begründete und als tschechische Avantgarde treu blieb. Auch in Prag war die Einheit von Poesie und bildender Kunst Ausgangspunkt des Weltverständnisses, zu dem Technik als modernes Erfordernis hinzukam.

Beide Künstler versuchten in ihren Bilderfindungen, die sie „Artifizialismus“ nannten, poetische Gegebenheiten in Malerei umzusetzen, wobei sich bald ihre Wege im Kunstausdruck trennten. Während Toyen ihre abstrakte Phase zugunsten von Unterwasserphantasien mit Krakenarmen und fleischlichen Pflanzen in eine saftig-lebendige biomorphe Unterbewußtseinsebene verschob, hatte Styrsky – schon 1942 verstorben – einen intellektuelleren Überbau beibehalten, der sich in Titeln wie „Der Traum von der Weste auf dem gepfropften Baum“ oder „Emilie kommt im Traum zu mir“ widerspiegelt. Auch er kommt in Ludwigshafen ausdrücklich zur Wirkung wie seine tschechischen Kollegen Jindrich Heisler, Frantisek Hudecek und Karel Teige.

Dennoch geht es – und nun beginnen wir den Ausstellungsgang ordentlich – erst einmal mit den Großmeistern los: mit Chirico („Piazza d’Italis Metafisica von 1921 etc.) und René Magritte („Die gigantischen Tage“ von 1928. Ein tolles Bild!) als den Vorläufern und Vollendern. Obwohl das ja richtig bleibt, kennt man diese Bilder einfach zu gut, genauso wie „Die schwankende Frau“ von Max Ernst von 1923, so daß es erst Josef Simas von 1929 „Porträt von”¦“ ist, das seine Kenntnis der Malerei von Klimt und Schiele so deutlich werden läßt, das zusammen mit Styrskys „Schlafwandlerin“ von 1926 uns den Surrealismus neu befragen läßt. Zumal ein weiterer neuer Name hinzukommt: Freddie Wilhelm aus Kopenhagen. Ebenfalls eine Entdeckung. Der neun mal vierzehn Meter große Riesenschinken von Salvador Dalí­ „Bacchanal“ war ein Bühnenvorhang zu Richard Wagneraus dem Jahr 1939. Na klar, denkt man, der Schwan da vorne, also „Lohengrin“. Aber das wäre zu real gedacht, surreal wird daraus „Tannhäuser“. Fragezeichen. Historisch dann leicht zu deuten, denn aus der Brust des Schwans entfleucht eine Dame, die Lola Montez darstellt, die spanische Tänzerin und Favoritin König Ludwig II. von Bayern, der wiederum Wagner förderte, was der Bühnenvorhang in einem Aufwasch erledigte, während der Monarch auf der Bühne erschien. Auf jeden Fall hat Dali sein Arsenal dabei, die Schubladen genauso wie die Skelette oder deren Einzelteile. Aber auch noch lebende Körperteile wie Lippen, Fuß oder dessen Bekleidung als Schuh. Sie finden auf dem Bild, das verwelkend und vergehend erscheint, eigentlich alles, was sie als Sinnbild des Vergänglichen brauchen.

Die rund 300 Kunstwerke, die den Surrealismus vor seinen Anfängen bis weit hinter sein Ende, sogar bis 1969 begleiten, geben nicht nur eine gute Übersicht über die beiden P-P-Zentren, Paris und Prag, sondern klären eben auch die Querverbindungen, die nur zuerst in Paris hergestellt wurden, aber hernach die Pariser Avantgardevertreter direkt nach Prag führten. Und weil diese künstlerische Bewegung nicht auf Museen zielte, sondern darauf, wo die Menschen der Moderne sich aufhalten, kommen auch Filme zu Wort und Bild. Erst einmal der berühmteste Augenschnitt der Geschichte, aus Bunuels „Der andalusische Hund“, der so grauslich und unheimlich bleibt, auch wenn man ihn hundertmal anschaut, oder schlimmer noch: immer schlimmer wird. Nachdem man sich auch die Werke von Hans Beller, dem Rumänen Victor Brauner, Meret Oppenheim, dem psychoanalytisch geschulten André Masson und Salvador Dali angeschaut hat, überrascht ein Nachbau der großen Surrealistenschau von 1938 in Paris, die mit den Namen Marcel Duchamp und Man Ray als Inszenatoren verbunden ist. Eine Ausstellung im Surrealismusreigen, die man sich nicht entgehen lassen sollte.

* * *

Ausstellung: bis 14. Februar 2010

Zur Ausstellung gibt es ein umfangreiches Begleitprogramm

Katalog: Gegen jede Vernunft. Surrealismus Paris-Prag, hrsg. von Reinhard Spieler und Barbara Auer, Belser Verlag Stuttgart 2009, in dem grundlegende Essays zu den historischen Abschnitten folgen, aber auch die künstlerischen Prinzipien wie Collagen u.a. geklärt werden. Das Wichtigste bleiben die Bilder, die einen guten Abdruck erfahren und durch das Querblätternkönnen einfach noch einmal einen ganz anderen Eindruck vom Zusammenhalt der surrealistischen Bewegung erzeugen.

Eine weitere Literaturhilfe ist Karoline Hille, Spiele der Frauen. Künstlerinnen im Surrealismus, Belser Verlag 2009, auf die wir im zweiten Teil eingehen wollen.

Tip: die Ausstellung ist viel gehaltvoller, als man vom Umfang her zuerst annimmt. Eine Pause tut gut. Erst recht, wenn man sich auch die Fotografien im Kunstverein anschaut, was man tun sollte, wir aber nicht schafften. Gegenüber vom Museum um die Ecke im Turm 33, einer Cafedrale in der Maxstraße 33, haben Sie die seltene Gelegenheit einen Kaffee, eine Schokolade oder sonstwas in einer aufgelassenen Kirche zu sich zu nehmen, bei einem herrlichen weiten Blick über die Stadtlandschaft. Wirklich etwas Besonderes. Wie die Ausstellung auch.

Internet: www.surrealismus-ludwigshafen.de

Anzeige