Wie im Politbüro des Weltexpress – Annotation zum Buch „Die schönsten Cafés in Europa“

© Edition Panorama
Keine Frage, dem Kaffeeklatsch im Politbüro, im Grunde einem Wohnzimmer, das wir – nebenbei bemerkt – redaktionelle Wärmestube nennen, fehlt das Ambiente, kurz: dem Kaffee fehlt das Café. Ja, das hatte er mal, als der Philosophische Salon noch den Salon Philosophique unterhalten konnte. Schön war die Zeit.
Doch weg vom gestern, von mir und dem Politbüro des Weltexpress, hin zum Buch und einem Beitrag von Adonis Malamos und seinem Werk. Er schreibt: „Dieses Buch ist das Ergebnis einer sehr langen Reise, die mich über 60.000 Kilometer in über 20 Länder und fast 100 Städte geführt hat – ein fotografisches Mammut-Projekt, an dessen Ende ich mehr über Menschen, Architektur und Geschichte gelernt habe, als ich jemals erwartet hätte. Wenn ich die Motivation für meine Reise erklären müsste, so würde ich den Anfang im Nord-Westen Griechenlands machen, wo ich in einem kleinen Dorf aufwuchs. Mein Großvater gründete hier das erste Café, das mein Vater später übernahm. Irgendwann durfte ich selbst Gäste bedienen. Das Café wurde mein Lebensmittelpunkt und damit eine entscheidende Weiche für mein späteres Leben. Als ich nach Deutschland kam, eröffnete ich schließlich selbst ein Café in Mannheim. Durch meine Arbeit wollte ich mit der Zeit mehr über dieses gastronomische Phänomen erfahren und beschäftigte mich fortan nicht nur mit der Zubereitung des Kaffees selbst. Ersten Reisen nach Italien folgten andere in verschiedene Länder Europas. Mich interessierte dabei, welchen Stellenwert das jeweilige Café in seiner Stadt noch hat, seine architektonischen Besonderheiten, seine Tradition und nicht zuletzt auch die Welt der Rituale, denn ein Kaffeehaus-Besitzer ist nicht nur Gastronom, er ist auch Beobachter und Soziologe.

Wer sich mit Kaffeehäusern und ihrer Geschichte befasst, wird schnell erkennen, dass es hinter ihren verschiedenen Erscheinungsweisen eine gemeinsame Genuss-Kultur gibt, egal ob das Getränk nun „Bica“, „Espresso“ oder „Einspänner“ heißt. Wer sich auf dieses Thema einlässt, wird auch verstehen, dass es sehr viele Menschen gibt, die eine große Tradition liebevoll pflegen, denn die einstige gesellschaftliche Bedeutung vieler Häuser ist unumstritten. Zudem ist der Weg der Kaffeebohne, sei es, dass sie aus Brasilien, Kolumbien, Indonesien oder Äthiopien kommt, weit und ihre Produktion aufwendig. Von der Frucht über die Ernte zum Zwischenhändler über den Transport in die Rösterei in das Café und schließlich in meine Tasse wird viel Zeit und Arbeitskraft investiert. Der Kaffee hat es verdient, dass er in einem bestimmten Ambiente getrunken wird, das ihn als besonderes Getränk würdigt. Daher ist ein echtes Kaffeehaus auch ein Ort, der dem Gast Zeit gibt, ein Ort der Muße und der Flaneure, der Schriftsteller, der Künstler und der politischen Debatten – kurz: ein Ort der Entschleunigung. Es verwundert daher nicht, dass das Wiener Kaffeehaus, von Einheimischen auch „erweitertes Wohnzimmer“ genannt, mittlerweile zum immateriellen Kulturerbe der UNESCO gehört. Es ist eine Institution, die fast schon ein Gegengewicht zum Zeitgeist darstellt und sich auch heute noch einer hektischen „Coffee to go“-Kultur verweigert. Oder, um es mit dem Schriftsteller und Kritiker Hans Weigel zu sagen: „Kaffee ist im Café nicht Zweck, sondern Mittel.“

Das ist ja wie im Politbüro des Weltexpress!
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Adonis Malamos, Die schönsten Cafés in Europa, Format: 31 x 25 cm, Hochwertiger Leinenband mit Schutzumschlag, 320 Seiten mit über 300 Fotografien in Farbe, mit Texten von Eckhart Nickel, Imre Török und Christophe Klimmer, Verlag: Edition Panorama, ISBN: 978-3-89823-461-0, Preis: 39.90 Euro (D)