Wie der Fußball nach Deutschland kam – Serie: Die heute anlaufenden Filme in deutschen Kinos vom 24. Februar 2011 (Teil 1/2)

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Mit dem „Kantersieg“ des iranischen Films „Nader und Simin, eine Trennung“ vom iranischen Regisseur Asghar Farhadi durch den Goldenen Bären und den beiden Silbernen Bären für die weibliche und die männliche Besetzung, ist schon das Thema angeschlagen, mit dem wir diese Kinowoche beginnen: Fußball. Und weil der Film wirklich so ansehenswert ist, wird er länger besprochen und die Kinowoche hat diesmal zwei Teile.

Der ganz große Traum

Man muß zum Titel den Untertitel jeweils hinzufügen, damit die Leute überhaupt wissen, um was es geht. Denn bei „Wie der Fußball nach Deutschland kam“ weiß jeder, um was es geht. Aber manche sind erstaunt, daß es Zeiten ohne Fußball hierzulande überhaupt gab. Und so gibt es nicht wenige Mittelalterspiele, wo lustig Fußball eine Rolle spielt, was man den Germanen zutraute, die im Mittelalter als Volk gar nicht mehr existent waren. Der Fußball nämlich wurde exakt erst im Jahr 1874, drei Jahre nach der Staatsgründung des Deutschen Reiches erst als Ding, als Ball nämlich von Konrad Koch, der in England studiert hatte, als Geschenk seiner dortigen Kommilitonen mitgebracht. Wie aus dem Ball dann die erst einmal pädagogische Aktion des Fußballspielens wurde, erzählt dieser Film.

Es ist ein richtig schöner Film, der Sebastian Grobler als Regiedebüt gelungen ist und es spielt weiter keine Rolle, daß er sich beim Kultfilm des Peter Weir „Club der toten Dichter“ dramaturgisch bediente und auch keine Rolle, daß dieser Konrad Koch niemals in England war. Hier geht es nicht um geschichtliche Wahrheit im Detail, sondern um die filmische Umsetzung von Geschichte im Kino. Die Substanz stimmt also und ohne den Mann, der glaubwürdig den Pädagogen Konrad Koch verkörpert, Daniel Brühl, wäre der Film nur die Hälfte wert. Das gilt für das gesamte Schauspielensemble, denen man direkt anmerkt, welchen Spaß ihnen diese Paraderollen gemacht haben: Burghart Klaußner, Jürgen Tonkel, Thomas Thieme, Kathrin von Steinburg.
Am Martino-Katharineum in Braunschweig wird eher widerwillig der Pädagoge Konrad Koch beschäftigt, der seine exklusiven Schüler – wer ging damals schon auf das Gymnasium – Englisch lehren soll, die ungeliebte Sprache der nach Frankreich zweitverhaßten Nation: England. Geschichts-, Literatur- und Frauenkenner wissen, daß Riccardo Huch zehn Jahre zuvor in Braunschweig geboren wurde und in jungen Jahren in die Schweiz ging, um dort Abitur zu machen und zu studieren, was in Deutschland damals noch verboten war. Das nur als Hinweis darauf, daß die im Film angewandten Erziehungsmethoden der herrschenden Klasse wirklich so altertümlich und den Untertan heranziehend waren, wie sie in vielen Details uns eher als Klamotte erscheinen. Deshalb, weil man über diese Berserker, die glauben, junge Menschen durch Verbote vom Denken und Fühlen abbringen zu können, wirklich existierten und viel Reformer, wie diesen Koch, im wirklichen Leben kaputt machten.

Das nur als Hinweis zur generellen Richtigkeit der filmischen Vorlage, zu der übrigens am 3. März das entsprechende Buch kommt: „Rainer Moritz, Der ganz große Traum ”¦ oder wie der Lehrer Konrad Koch den Fußball nach Deutschland brachte”¦Das Buch zum Kinoereignis!“ Das ist eine neue Spielart der Filmbücher, die nämlich nicht die Vorlagen liefern zu den Filmen, sondern die Filme, die auf Drehbüchern basieren, nacherzählen. Das gilt auch für „True Grit“ der Brüder Coen, dem ein ’richtiger` Roman als Vorlage dient, der schon 1968 bei Rowohlt erschien und nun als rororo Taschenbuch erneut gedruckt wurde.

Zurück zum Fußballfilm, der auch einer ist, der alle Generationen angeht. Zwar gibt es niemanden mehr aus dieser Zeit, aber sowohl die Erziehungsmethoden wie auch die gesellschaftlichen Wertvorstellungen und Verhaltensmuster sind genau diejenigen, die in die beiden Weltkriege führten. Es ist also bei aller Harmlosigkeit, mit der hier in Braunschweig mit Hilfe des Reformpädagogen Konrad Koch nur eine Gymnasialklasse kennenlernt, sich ihres eigenen Kopfes zu bedienen, den Vorurteilen der Oberen gegen den Fußball – Fußballlümmelei, Engländerkrankheit – zu mißtrauen und ihren eigenen Gefühlen vom Spaß, den das Spielen nach Regeln macht zu trauen. Insofern ist dann wieder der Fußball nur eine Metapher für die grundlegende pädagogische Frage, ob ich Schüler motiviere und sie dann weitermachen oder als Nürnberger Trichter ihren Kopf zum Füllen dessen nutze, was der Lehrer als Agent des Staates, der Gesellschaft darinnen haben will.

Nein, nein, der Film belehrt überhaupt nicht! Im Film kommen einfach die Stationen vor, die aus konkurrenten Schülern ein Team zusammenschmieden. Natürlich ist das etwas einfach gestrickt, aber es macht Spaß die Entwicklung des Strebers zum Mitmacher und sich dem Vater Widersetzenden zu verfolgen, genauso wie aus dem armen Mitschüler, der aufgrund seiner Herkunft ausgegrenzt wird, sogar von den, die Klasse dominierenden Schülern sadistisch behandelt wird, noch dazu schäbig klein ist, aufgrund seiner Fußballbegabung der Star der Klasse wird.  Daß auch noch eine kleine Liebesgeschichte dabei ist, stört weiter nicht in einem Film, der zeigt, wie die heutige Fußballmacht, wo Spieler nicht nur das Mehrfache verdienen wie ihre Trainer und zur Millionärsklasse gehören, wie diese Fußballmacht einmal klein und widerständig und mit Reformpädagogik begonnen hat. Warum man diese etwas Rosa betünchte Vorlage so gerne ansieht, hat damit zu tun, daß das Spiel selbst noch heute Kinder und Jugendliche begeistert, wobei das Besondere ist, daß jetzt auch längst schon Mädchen mitkicken. Und Frauen auch!

True Grit

Über den Eröffnungsfilm der Berlinale, den die Brüder Joel und Ethan Coen gedreht haben, und der eine Wiederauflage eines Western ist, ist auch im Weltexpress schon viel geschrieben worden. Noch nicht aber der Zusammenhang vom ursprünglichen Buch und ursprünglichen Film. Denn die 14jährige Mattie Ross (Hailee Steinfeld), die in den Jahren rund um 1870 in Arkansas den Mord an ihrem Vater rächen will, was der Roman von Charles Portis beschreibt, ist im Film von 1969 gegenüber der Romanvorlage wesentlich verändert worden. Der neue Film bleibt in allem näher an der Romanvorlage, die düsterer und mit schwerwiegenden Folgen etwas Schreckliches erzählt. Dazu paßt gut die Wiederauflage der Romanvorlage.

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Info: Bücher zum Film

Rainer Moritz ,Der ganz große Traum ”¦ oder wie der Lehrer Konrad Koch den Fußball nach Deutschland brachte, Roman, ”¦ Das Buch zum Kinoereignis! Rowohlt Verlag 2011

Charles Portis, True Grit, rororo 25662, 2011

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