Werke von Geisteskranken als „Bibel der Surrealisten“ – Serie „Surrealismus“: „Surrealismus und Wahnsinn“ in der Prinzhorn-Sammlung in Heidelberg (Teil 3/3)

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August Natterer: Wunder-Hirthe

Hans Prinzhorn hatte von 1919 bis 1921 im Auftrag der Psychiatrischen Universitätsklinik Heidelberg die von Emil Kraeplin – dem Meister der Psychopathologie – zusammengetragene Sammlung von Bildwerken Geisteskranker deutschlandweit auf über 5 000 Arbeiten von mehr als 450 klinischen Fällen ausgeweitet. In der Spannung zwischen psychiatrischen Zeugnissen und künstlerischen Erzeugnissen, schreibt er in seinem Vorwort von „Bildnerei der Geisteskranken“ wahrheitsgemäß: „Aber die Probleme eines neuen, wenigstens nie ernsthaft bearbeiteten Grenzgebietes trotzen jeder Methodik eines Fachgebietes.“ Er mußte nämlich einigermaßen resigniert zur Kenntnis nehmen, daß trotz des reichhaltigen Dokumentationsteils mit den Abbildungen der geisteskranken „Künstler“ seine Fachkollegenmit all dem nichts anfangen konnten, ganz im Gegensatz zur Kunstszene, die seit Anfang des Jahrhunderts sich in immer neuen Wellen mit den Urformen von Kunst beschäftigt hatte, die man im Primitivismus afrikanischer Holzskulptur genauso zu erkennen glaubte, wie in den malerischen Ausdrucksformen des Expressionismus, erst recht gar der Druckgraphik und dem Holzschnitt.

Nachdem seit 1919 der in Frankreich geborene Surrealismus eine anerkannte internationale Bewegung geworden war, die nicht nur die Kunst, sondern die gesamte Lebensführung und ihre künstlerischen Produkte wie Dichtung, Film, Bühne und Kunst in einer poetischen allgemeinen Sprache zusammenführte, seit zuvor die Zerteilung des Wahrgenommenen im Kubismus und sein erneutes Zusammensetzen auf der Leinwand die Welt aus den Angeln gehoben hatte und fürderhin Dissoziation und Einheit für die Moderne zum Thema machte, hatten die sich zur Avantgarde stilisierenden surrealistischen Künstler, vorneweg ihr Anführer André Breton, mit den Werken der Geisteskranken endlich den ’Missing link` gefunden, der den klinischen Wahnsinn zur künstlerischen Inspirationsquelle erklärte, dem die ’normalen` Surrealisten mit ihrem ’normalen` Wahnsinn nun nacheifern sollten, auch wenn sie an die psychischen Grenzsituationen der Kranken nie heranreichen könnten.

Vorbild blieben diese und auch ähnlich gestalterische Verfahrensweisen. Die rund 120 Bilder, Zeichnungen, Druckgraphiken und Schriften, die in der Heidelberger Ausstellung zusammengetragen sind, geben Zeugnis ab vom prägenden Einfluß der Kunst der Geisteskranken auf die surrealistischen Künstler in Paris. Die unmittelbare Folge waren die Versuche der écriture automatique, der wichtigsten surrealistischen Technik. Was beim Schreiben durch Assoziationen hervorgerufen, einen freien Verlauf nehmen sollte, hat dann vor allem André Masson für die automatische Zeichnung fortgesetzt. Ohne Kontrolle des Bewußtseins sollten die künstlerischen Prozesse ablaufen, so wie man es sich auch bei den Geisteskranken vorstellte. Zu sehen sind Massons Zeichnungen von 1924, 1925 und 1926 mit Titeln wie „Die erotischen Vögel“, denen einige Blätter aus der Prinzhornsammlung gegenübergestellt sind, die zumindest das Flutende und Ausufernde, sich der Form Entziehende und doch eine eigene Fisch- und Vogelform Findende sehr eindrücklich ausweisen, wie das undatierte und titellose Blatt der Kranken namens Kölla (Kat. 11). Gespenstisch.

Körperverschmelzungen heißt ein weiteres gestalterisches Verfahren, das der Surrealismus analog geisteskranken Werken als Methode verwendete. Hier wird vorwiegend auf Hans Bellmer verwiesen, dessen Puppen alptraumhafte Gestalt gewinnen, wenn aus dem Kopf der Hintern erwächst oder die Beine aus den Ohren staken. Sexualität ist immer im Spiel, denn die runden Formen, das Wuchern und Ineinanderverschlingen hat organische Kraft. In der Ausstellung finden sich hier die stärksten Parallelen mit den Prinzhornwerken. Schon die geschnitzten Kopffüßer von Karl Genzel finden für sexuelle Anspielungen eine konkrete Form, auch wenn die Titel wie „Jesus auf dem Schiff“ oder „Die Frau mit dem Storch“ neutral klingen. Joseph Schneller steuert eine Sadomasovariante bei, die aber auch einem Haushaltsbuch für die Technik der modernen Hausfrau entsprungen sein könnte, die ein Roboter in Betrieb hält. Mehrdeutigkeit bleibt auch bei den „Wahnsinnskünstlern“ auf der Palette.

Die Kombination von Heterogenem ist ein dritter Schwerpunkt, der Max Ernst auf Seiten der Surrealisten in den Mittelpunkt rückt, der diese Gestaltungstechnik aus der dadaistischen Collage entwickelt hatte. Schon 1974 hatte Werner Spieß nachgewiesen, daß dessen Collage aus dem Jahr 1931 „Ödipus“ in „morphologischer Verwandtschaft“ auf zwei aquarellierte Zeichnungen von August Natterer zurückgehen, die einen anderen Inhalt haben, aber dieselbe Haltung und Starrheit, die Körperlosigkeit suggeriert, obwohl man die Umrisse des Körpers sieht. „Der Sturz des Engels“ allerdings, den Max Ernst 1923 malte, gehörte eher in die Abteilung „Körperverschmelzungen“. Das ist übrigens in unseren Augen ein wunderschönes Bild, das unheimlich anmutet, aber etwas sinnlich Körperhaftes behält, was in keiner der Prinzhornvorlagen auftaucht, obwohl sich Karl Genzel und andere bemühen.

Fehlt noch die paranoisch-kritische Methode des Salvador Dalí­, von ihm selbst so genannt und als Wahnsinnsmethode bezeichnet. Es geht schlicht um das visuelle Phänomen, daß bei Annäherung an und Entfernen von einem Gegenstand Wahrnehmungsveränderungen im Sinne von Vexierbildern eintreten, visuelle Doppelterminierungen genannt. Aus der Prinzhornsammlung wird oft „Hexenkopf“ von August Natterer als Belegbeispiel für Dalí­ herangezogen, ein beeindruckendes Beispiel, nur war es weder in Prinzhorns Buch abgedruckt, noch in der 1929 stattgefundenen Ausstellung von Werken der Prinzhornsammlung in Paris dabei. Eine Dokumentation, welche Arbeiten der Geisteskranken damals den Surrealisten visuell zur Verfügung standen, rundet die Heidelberger Ausstellung ab, in der unter dem Thema „Surrealismus und Wahnsinn“ der Besucher froh ist, nicht entscheiden zu müssen, was und wer jeweils ’surreal` oder ’wahnsinnig` sei. Eine Ausstellung, die noch lange nachgeht.

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„Surrealismus und Wahnsinn“ in der Sammlung Prinzhorn in Heidelberg, bis 14. Februar 2010

Surrealistenausstellung in Ludwigshafen bis 14. Februar 2010

Zu den Ausstellungen gibt es umfangreiche Begleitprogramme

Katalog: „Surrealismus und Wahnsinn“, hrsg. von Thomas Röske und Ingrid von Beyme, Verlag Das Wunderhorn, Heidelberg 2009, der es genau nimmt, was es mit der Kennzeichnung des Prinzhornbandes als „Bibel der Surrealisten“ auf sich habe, die Unterschiede des Umgangs mit Irrenkunst und den Irren selbst durch den deutschen Expressionismus und den französischen Surrealismus deutlich vorführt und in vielen klugen Essays die im Katalogteil aufgeführten Bildnisse der Geisteskranken künstlerisch analysiert.

Katalog: „Gegen jede Vernunft. Surrealismus Paris-Prag“, hrsg. von Reinhard Spieler und Barbara Auer, Belser Verlag Stuttgart 2009, in dem grundlegende Essays zu den historischen Abschnitten folgen, aber auch die künstlerischen Prinzipien wie Collagen u.a. geklärt werden. Das Wichtigste bleiben die Bilder, die einen guten Abdruck erfahren und durch das Querblätternkönnen einfach noch einmal einen ganz anderen Eindruck vom Zusammenhalt der surrealistischen Bewegung erzeugen.

Eine weitere Literaturhilfe ist Karoline Hille, Spiele der Frauen. Künstlerinnen im Surrealismus, Belser Verlag 2009, was hier bewiesen wurde.

Tip für Ludwigshafen: die Ausstellung ist viel gehaltvoller, als man vom Umfang her zuerst annimmt. Eine Pause tut gut. Erst recht, wenn man sich auch die Fotografien im Kunstverein anschaut, was man tun sollte, wir aber nicht schafften. Gegenüber vom Museum um die Ecke im Turm 33, einer Cafedrale in der Maxstraße 33, haben Sie die seltene Gelegenheit einen Kaffee, eine Schokolade oder sonstwas in einer aufgelassenen Kirche zu sich zu nehmen, bei einem herrlichen weiten Blick über die Stadtlandschaft. Wirklich etwas Besonderes. Wie die Ausstellung auch.

Tip für Heidelberg: Wir befinden uns mit der Ausstellung in der Prinzhornsammlung im Universitätsklinikum. Auch dort gibt es schräg vom Eingang ein Café. Ein Patientencafé? Ein Mitarbeitercafé? Ein Besuchercafé? Auf jeden Fall eines, in denen Ihnen liebenswürdig fast jedes Getränk zubereitet wird und Plunderstückchen diverser Art angeboten werden.

Internet: www.surrealismus-ludwigshafen.de, www.prinzhorn.uni-hd.de

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