Was ist kritischer Autojournalismus? – Dokumentation eines Offenen Briefes von Frank Möller (CARambolagen) an den Spiegel Online-Journalisten Thomas Geiger (alias Tom Grünweg)

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Auszug eines Screenshots der Website www.carambolagen.de vom 03.07.2013. © WELTEXPRESS

Sehr geehrter Herr Geiger (alias Tom Grünweg/Benjamin Bessinger/Tom Debus),

Ihre neueste Mercedes-Rezension bei SPON („Sternzeichen Großer Wagen“) klingt wie ein absurdes Märchen aus einer anderen Zeit, in der sich kleine Jungs wie ich, mit Hilfe vom Bertelsmann Verlag und „Futuristen“ wie Karl Radtke, die Zukunft noch irgendwie so vorstellten: www.retro-futurismus.de/radtke_zukunft.htm  (und siehe unten).

Wir ahnen heute, dass es IRGENDWIE anders kommen wird. Immer mehr Menschen dämmert die Einsicht, dass die Rechnung nicht aufgeht, dass die Brötchen in ZUKUNFT (Gott sei Dank) kleiner gebacken bleiben oder werden, oder werden müssen, wenn sie überhaupt noch gebacken werden sollen.

Das hindert den deutschen Senior-Auto-Träumer von SPIEGEL, FAZ und Springer Presse (u.v.m.) nicht daran den kleine-Jungs-Traum noch ein wenig weiter zu träumen, als ob Peak Oil (bzw. „Peak Everything“), Klimawandel, Umwelt- und Ressourcenvernichtung ein Gerücht wären.

Und damit wären wir beim eigentlichen Thema: Was ist guter, kritischer Auto-Journalismus, oder was könnte er sein?

Um einen klaren Blick auf diese Frage und ihre mögliche Beantwortung zu bekommen, möchte ich zur Veranschaulichung eine zweite Frage stellen, die ebenfalls eine Sparte des Journalismus betrifft: Was ist guter Kriegs-Journalismus bzw. was ist gute Kriegsberichterstattung?

Immerhin sind die beiden Genres ja verwandt. Sie haben viel mit Technik, Männlichkeit, Zerstörung und Opfern zu tun. Der Krieg darf zwar offiziell keinen Spaß bereiten, dafür aber die „Freude am Fahren“ umso mehr, jedenfalls denen, die die dafür notwendigen Fahrzeuge fahren und herstellen.

Im Falle Ihrer, man ist versucht zu sagen hegemonialen, Form des Auto-Journalismus, ist klar festzustellen, dass nicht das Ding an sich kritisch beleuchtet wird, sondern bestenfalls ein Produkt im Vergleich zu anderen Produkten der Autoindustrie. Es ist als würde man sich bei der Kriegsberichterstattung mit Tschingderassabumm in technischen Details ergehen und die Nachteile und Vorteile freundlicher und feindlicher Hardware präsentieren. Nicht das Leid der Menschen und die politischen Verwerfungen stünden im Vordergrund, sondern Preußens Glanz und Gloria. So wurde in der Tat in der Vergangenheit über den Krieg berichtet, vor allem so lange er „gewonnen“ wurde.

Und genau so berichten Sie in Deutschlands prominentestem Online-Nachrichtenmagazin über Autos. Der Krieg wird aus Ihrer Sicht immer noch gewonnen und wahrscheinlich haben Sie ja recht: es wird noch so manche Autoschlacht gewonnen, aber der Krieg ist nicht zu gewinnen. Das weiß, wer sich mit diesen Dingen ernsthaft auseinandersetzt – etwas, was man von einem Nachrichtenmagazin mit dem (historischen) Selbstverständnis des SPIEGEL irgendwie erwartet, auch wenn das anno 2013 vielleicht etwas naiv sein mag.

Der Autokrieg kostet jedes Jahr weltweit 600.000 Menschenopfer (die Dunkelziffer liegt laut WHO bei 1,2 Millionen). Er verschlingt zunehmend gigantische Mengen an Ressourcen, zerstört (historische) Städte und Landschaften, verpestet immer noch die Luft, verdammt viele Kinder zur Stubenhockerei und kostet die deutsche Volkswirtschaft ganz nebenbei jedes Jahr 60 Milliarden Euro – NACH allen Steuern, Gebühren und Bußgeldern, die den Autofahrern auferlegt werden. Dies sind die offiziellen Zahlen der Regierung! www.umweltdaten.de/publikationen/fpdf-l/4364.pdf (Seite 62). Und gegen diese ist ein „Drohnenskandal“ „Peanuts“.

Darüber kann kritischer Autojournalismus (immer wieder) berichten. Er kann darüber berichten, wie die Infrastruktur für Autos immer weiter wächst, obwohl die bestehende offenbar schon lange nicht mehr angemessen instand gehalten werden kann. Auch über die Fata Morgana des Elektroautos als Massenverkehrsmittel kann berichtet werden und was denn das genau bedeutet, wenn im Jahr 2100 zwei oder gar vier Milliarden Autos mit Lithium betrieben werden müssen. Wo kommt das viele Lithium her? Und so weiter und so weiter.

Aber von alldem ist Ihre Hofberichterstattung weit entfernt. Wir haben es im Endeffekt mit einer unverhohlenen und für die Autokonzerne äußerst rentablen Propaganda zu tun, also dem Gegenteil von kritischem oder gar investigativem Journalismus.

Mit freundlichen Grüßen
Frank Möller

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