Warum das wichtig ist – Serie: „Byzanz. Pracht und Alltag“ ist eingezogen in die Bundeskunsthalle in Bonn (Teil 3/3)

Kugelspiel, Konstantinopel, 6. Jahrhundert Marmor, Skulpturensammlung und Museum für Byzantinische Kunst, Berlin

Dennoch sind es die Bilder: die Ikonen auf Holztafeln, die Mosaike und gemalten Darstellungen in den Kuppeln der Kirchen sowie die Statuen, die uns fragen lassen, weshalb ihre so immense Bedeutung für das Byzantinische Reich so unterbemittelt in der Ausstellung erscheinen. Denn der Bilderstreit hat gemäß der älteren Literatur zwischen 726 (Beginn: Kaiser Leon II. ohne Quelle) und 843 (Ende: Dekret der Kaiserinwitwe Theodora) dafür gesorgt, daß dies das allesbeherrschende Thema von Byzanz war und Schlachten um das Abkratzen oder Übertünchen von Fresken und Heraushauen oder Übermalen von Mosaiken sowie das Vernichten von Holtafeln geschlagen wurden. Ideologischer Hintergrund der Ikonoklasten ist die Angst, daß man einerseits das Heilige nicht im Bild darstellen könne, ja gar nicht dürfe (vergleiche Judentum und Islam, aber auch dort nicht lupenrein durchgeführt), andererseits die Furcht, daß das Abbild selbst statt des Abgebildeten dann verehrt würde, weshalb Bilder grundsätzlich verboten wurden, während die Befürworter, die Ikonodulen, Bilder als Annäherung an Gott und Repräsentation des Göttlichen in der Materie als glaubensfördernd ansahen.

Wenn nun der Bilderstreit in der Ausstellung vollends ausgespart bleibt, an einer Wandschrift taucht nur einmal der Begriff auf, so bleibt uns das bei einer Ausstellung über Byzanz fremd. Zwar glaubt die heutige Forschung, daß der Streit nicht so fundamental ausgetragen wurde, wie früher angenommen. Aber man hat keine Belege, da die Ikonodulen nach ihrem Sieg, alle Begründungen und Belege der Ikonoklasten vernichtet haben sollen. Eine sehr zweifelhafte Lage. Da aber die orthodoxe Kirche bis heute das Dekret von 843 jährlich als Festtag am 1. Sonntag der Fastenzeit als Fest der Orthodoxie feiert, hat der Sachverhalt eine hohe Bedeutung für Byzanz, die in einer Ausstellung über das Reich schwerlich fehlen kann.

Wir machen das Beste draus und erklären es uns und anderen mit den ungeheuren Materialmengen, die aus 81 Museen aus aller Welt nach Bonn gekommen sind und unter dem Thema „Pracht und Alltag“ diesen irrlichternden Staat von Byzanz unseren Besucher näherbringen sollen und können. Denn in der Ausstellung geht es auch um die Vergnügungskultur, wo besagtes Hippodrom als Modell steht, aber auch ein Kugelspiel zu bewundern ist, das wir gerne bespielt hätten, um die Funktion dieser geradezu ulkig aussehenden Skulptur aus prokonnesischem Marmor auszuprobieren. Unten auf dem 77 cm hohen, 55 cm breiten und 55 cm tiefen Stein sind Jagdszenen aus Niederbayern, sprich: Motive eines Renntages im Hippodrom als Halbrelief geschildert. Da sieht man, wie das Zelt des Präfekten aufgespannt wird, die Rennbahnen werden mittels Urne ausgelost, es gibt nämlich vier Parteien, die Blauen, Weißen, Roten und Grünen, die jeweils ein Gespann haben, das man mitten im Rennen abgebildet sieht. Der Sieger wird durch den Präfekten geehrt, darf herumreiten und sich feiern lassen.

Dieses Kugelspiel ist wie Glücksspielautomat, mittels dessen Wetten abgeschlossen werden konnten, die nicht manipulierbar seien. Sagt der Text. „Über die Kugelbahn und durch die innen liegenden Kanäle rollten vier Kugeln in den Farben der Zirkusparteien herab, die sich unentwegt vermischten, wodurch Manipulationen ausgeschlossen waren. Die zuerst eintreffende Kugel bezeichnete denjenigen als Sieger, der auf ihre Farbe gesetzt hatte.“, schreibt Arne Effenberger im Katalog dazu. Ihn kennen wir als ausgewiesenen Byzanzkenner nicht nur von seiner Museumstätigkeit in Berlin her, sondern zusätzlich durch viele Publikationen. So kann man immer wieder die Ausstellung hindurch auf Dinge stoßen, die man noch nie gesehen hat, deren Bedeutung und Funktion sich aber im Kontext dann erschließen.

Aber das Entscheidende der Ausstellung bleibt die überreiche Ausstattung durch Schmuck und Elfenbein, die die Höhe des Kunsthandwerks demonstrieren, wie auch die fast nicht überschaubare Anzahl an Solidi, den Münzen, die oft aufs Jahr genau durch die Abbildungen bestimmbar sind, einer der Anziehungspunkte für Numismatiker, denn da bleibt man selten im Vagen und Unbestimmbaren wie vielfach in der Kunstgeschichte, sondern hat es so schön wirklich und genau. Dazu gehört die Unterteilung des byzantinischen Münzwesens als eines trimetallischen, das sowohl Gold wie auch Silber wie auch Kupfer verwendet. Letzteres war die Alltagsbezahlung. Die genauere zeitliche Bestimmbarkeit der Objekte gilt auch für die Menge an ausliegenden Gürtelschnallen und Öllämpchen. Selbst die kostbare Seide, von denen so viele Stücke, zumindest Fragmente erhalten sind, lassen durch Machart und Dekor den Herstellungsort und die Zeit als wahrscheinlich bestimmen, die Keramiken sowieso.

Unglaublich dann wieder, daß solche Fitzelchen von Papyri überlebt haben. Auch wenn wir kaum etwas entziffern können, sind es solche Gegenstände, die eine Aura erzeugen und auch einen Schauer, wie die sich über die Jahrhunderte gerettet haben, aber ihre Erzeuger, die sie beschriftet haben, nun genauso lange tot sind. Daß die Schrift, daß Literatur und Wissenschaft ernstgenommen auch durch Dokumente vorgestellt werden, ist das Plus dieser opulenten Schau, die also nicht nur Schätze vom Geldwert her zeigt oder vom Schönheitssinn, sondern kulturelle Wurzeln ebenfalls. Manche der Blätter sind kurios, wenn man sich erst einmal damit beschäftigt, wie mit „122: Diktat mit der Geschichte vom ’Vatermörder`“, aber auch die Nachschrift des Peloponnesischen Krieges von Thukydides aus dem 11. Jahrhundert, die von Johannes Tzetses (ca.1110-1180) um 1150 textkritisch angemerkt wurde, eine Handschrift, diei heute in Heidelberg aufbewahrt wird.

So sind wir also am Ende eines mehrfachen Ausstellungsrundganges angelangt, der noch immer so viel nicht berücksichtigt hat, vor allem aus den Satellitenorten rund um Byzanz, die viel zu kurz kamen, wie das filmische Material und die 3D Computer Rekonstruktion von Ephesos, die wieder von der TU Darmstadt, Fachgebiet Information- und Kommunikationstechnologie kommt. Sie können das alles besichtigen, Sie können sich auf Einzelthemen konzentrieren, Sie werden aber auf jeden Fall immer wieder feststellen: Das ist eine Ausstellung, die in Ihnen erst die Neugierde auf mehr weckt, auf die Wirkungsweise dieses Staates, auf die unterschiedliche geschichtliche und moralische Bewertung seiner Strukturen und seiner Gesellschaft und insofern am Schluß mehr Fragen stellt als Antworten da sind. Auch keine schlechte Ausgangslage für neugierige und kulturkritische Menschen.

Ausstellung: bis 13. Juni 2010

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Katalog: Byzanz. Pracht und Alltag, Hirmer Verlag 2010

Falko Daim, Kurator der Ausstellung und Generaldirektor des Römisch-Germanischen Zentralmuseums in Mainz, geht davon aus, daß im Gegensatz zum zerfallenden Römischen Reich und den Barbareneinfällen in Europa und damit einem Ende der Antike, es in Byzanz eine direkte Übernahme des antiken Erbes gegeben habe, so daß bis zum Ende dieses Reiches, das mit der osmanischen Eroberung von 1453 angesetzt ist, ein Weiterleben der griechisch-römischen Welt auf nunmehr christlicher Grundlage bis zum Beginn der Neuzeit stattfand, das früh von den Karolingern und spät von der Renaissance aufgegriffen, dafür gesorgt hat, daß wir alle heute die Antike als wesentliche Grundlage der europäischen Kultur definieren. Davon ausgehend werden im Essayteil die byzantinischen Strukturen hinsichtlich Herrschaftssystem, Sozialstruktur, Kirche und Religion, Architektur, Verkehrswege, Kunst und Kunsthandwerk, Landwirtschaft und Handwerk, Sprache und Schrift sowie Literatur wie auch erläutert. Im Objektteil werden 518 Ausstellungsstücke benannt und kurz erläutert, meist auch im Bild gezeigt. Auch die in der Ausstellung gezeigten byzantinischen Satellitenorte außerhalb Konstantinopels werden angemessen berücksichtigt.

Dem Katalog liegt ein Blatt des Ikonen-Museums Recklinghausen bei, „das weltweit bedeutendste Museum ostkirchlicher Kunst außerhalb orthodoxer Länder“. Warum nicht das zweite in Deutschland existierende Ikonen-Museum, das in Frankfurt am Main, ebenfalls vorgestellt wird, haben wir nicht verstanden.

Begleitheft: Bertha in Byzanz. Ein Bilderbuch für Kinder ab 8 Jahre zur Ausstellung von Mai Ansgar und Friedrich Wilke. Natürlich schüttelt es ’richtige` Historiker, wenn Sie die Gedanken der Bertha lesen, mit denen sie den Gesandten Paulos Magisters aus Konstantinopel bedachte, als er im Namen des Kaisers Manuel um die Hand der bayerischen Prinzessin anhielt, die ihm gewährt wurde. Was in der Ausstellung sich in einem Extra-Kinderraum tut, kann hier in den Texten nachempfunden werden. Kindgemäß wird erzählt, wie das ist, wenn ein Mädchen in die Ferne zieht, dabei die Katze mitnimmt, ihr der Mann dann gottseidank gefällt – „Manuel war fesch, gescheit und lustig! -, sie sich als Kaiserin dann Irene nennen muß. Wenn Kinder sich hier wohlfühlen und das Begleitheft haben wollen, ist es gut.

Katalog einer Vorgängerausstellung: Rom und die Barbaren. Europa zur Zeit der Völkerwanderung, Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland, Bonn vom 22.August bis 7. Dezember 2008

Sehr aufschlußreich ist es, angesichts der dynamischen Entwicklung von Byzanz zu den Zeiten, zu denen im südlichen Europa das Licht ausging, sich den Katalog der damaligen Ausstellung noch einmal vorzunehmen, der zeigt, an wievielen Stellen das alte Reich, also das Römische Reich von Rom, desolat geworden war und wieso aus gutem Grund die Byzantiner sich nicht nur Römisches Reich nannten, sondern ihre Hauptstadt Ostrom. Die Benennung als Byzanz und Byzantiner ist eine Erfindung des 16. Jahrhunderts und geht auf den kleinen Ort Byzantion zurück, den Konstantin 324 nach Chr. vorfand und zur Weltmetropole ausbaute.

Literatur: 

Georg Ostrogorsky, Geschichte des Byzantinischen Staates, C. H. Beck 1963

Der klassische Ausgangspunkt für modernere Geschichtsforschung.

Mischa Meier, Anastasios I. Die Entstehung des Byzantinischen Reiches, Klett-Cotta 2009

Erstmalige ausführliche Vorstellung dieses Kaisers, dem der Autor zuschreibt, daß Ostrom das aufgefangen habe, was im Westen kaputtging.

Johannes Fried, Das Mittelalter. Geschichte und Kultur, C.H. Beck 2008

Ein Beispiel dafür, daß jede gute Geschichte des Mittelalters – und dies ist eine! – selbstverständlich die Bezüge und Wechselwirkungen von Byzanz zu Europa mitthematisiert.

Internet: www.bundeskunsthalle.de

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