Wallfahrt ins bayerische Jerusalem – Serie: Die Passionsspiele 2010 in Oberammergau (Teil 1/3)

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Mammon oder Werte? Jesus` Entscheidung war klar. Die Vertreibung der Händler aus dem Tempel.

Oberammergau hatte für mich immer die Aura des Besonderen. Mit leuchtenden Augen erzählte mir meine Großmutter von den Passionsspielen, die dieses Jahr zum einundvierzigsten Mal aufgeführt werden. Als mir endlich verkündet wird, dass ich als Berichterstatter zugelassen bin, mache ich mich auf den Weg. Ich habe sogar noch ein Zimmer gefunden, denn Oberammergau ist nicht mehr restlos ausverkauft, wie in den vorigen Spieljahren. In München steige ich in die Regionalbahn nach Murnau, fahre am Starnberger See entlang und lasse die zusehends hügeliger werdende Bilderbuchlandschaft an mir vorbei fliegen. In Murnau besteige ich mit zunehmender Nervosität die kleine Bahn, die im beschaulichen Ort an der Ammer ihren Endpunkt hat. Ich bin angekommen.

Unter Wintersportlern wird Oberammergau gefürchtet. Es heißt, nur Profis oder Wahnsinnige trauen sich den Nordhang des Labers herunterzufahren, der mit 84 Prozent Gefälle die steilste Abfahrt der Alpen ist. Nachdem ich vom 1.684 Meter hohen Gipfel die atemberaubende Aussicht genieße, wird mir bei der Rückfahrt in tiefere Gefilde mit der nostalgischen Bergbahn von 1957 schwindelig. Unter gläubigen Christen wird Oberammergau geliebt. Zu Hundertausenden wallfahren sie in den beschaulichen Ort der Herrgottschnitzer, obwohl Oberammergau gar kein Wallfahrtsort ist. Alle zehn Jahre kommen sie, um die Oberammergauer Passionsspiele zu sehen, die seit 1634 von der Gemeinde ausgerichtet werden. Nur 1770, 1810 und 1940 konnten oder durften keine Spiele stattfinden. Was zunächst als eines von unzähligen Passionsspielen mit 70 Teilnehmern auf dem Friedhof der katholischen Pfarrkirche begann, wuchs zu einem touristischen Massenereignis an.

Das „Spui“, wie es die Einheimischen nennen, geht auf ein Gelübde aus dem Jahre 1633 zurück, mit dem sie die Pest bannen wollten. Es verhalf der Gemeinde, der drohenden Bedeutungslosigkeit zu entgehen. Im Mittelalter war die Gemeinde reich, denn auf Befehl Kaiser Ludwig des Bayern mussten auf der Rottstraße alle Waren in Oberammergau gelagert und umgeladen werden. Der alte Handelsweg von Venedig nach Augsburg verlor aber im Dreißigjährigen Krieg an Bedeutung. Heute ist der kleine abgeschiedene Ort in der Voralpenlandschaft weltbekannt, denn der Stoff ist so spannend, dass er Menschen aller Länder und Konfessionen hierher zu locken vermag.

Oberammergau 2010 hat sein Stigma des Anachronismus und der Peinlichkeit verloren. Seit den 1970ern galt die Passion als kitschig-antisemitisch und kam zusehends in die Kritik. Eine Hälfte des Passionsspielortes wollte die Reform des Passionstextes, die Traditionalisten aber sahen nicht ein, warum man das Stück so ändern sollte, dass Menschen unserer Zeit es verstehen, niemand beleidigt wird, die Zuschauer keinen Kitsch geboten bekommen und das Ganze dabei auch noch von Laien spielbar bleibt. Die Reformbestrebungen führten im Holzschnitzerort zu einem handfesten und ganz und gar unchristlichen Streit, es kam zu Boykottaufrufen. Christian Stückl, der 1986 überraschend zum mit 25 Jahren jüngsten Spielleiter der Passionsspielgeschichte ernannt wurde, reformierte das Stück und ebnete den Weg, dass der Passionstext von den schärfsten Antisemitismen befreit wurde. Ganz aufgeben wollte man „Das Große Opfer auf Golgatha“, wie der umstrittene Text des Pfarrers Josef Alois Daisenberger aus dem Jahre 1860 heißt, dann doch nicht. Jesus wird nun aber nicht mehr nur als Leidender und Verfolgter, sondern auch als entschlossener Kämpfer für den Glauben dargestellt. Und das Stück setzt nicht mehr mit der Vertreibung der Händler aus dem Tempel ein, sondern erklärt das Leben und die Botschaft Christi. Vielleicht traut man ja der Bibelfestigkeit der Zuschauer nicht mehr. Sicher aber taten die versöhnenden Worte der Bergpredigt Not, um die gespaltene Gemeinde zu einen. Als Andreas Richter als Jesus mit sanfter Stimme über die Liebe spricht, läuft mir ein Schauer über den Rücken: „stark muss sie sein [die Liebe], dass sie bestehen kann bei dem, was kommen mag.“

Eine Stunde vor Spielbeginn herrscht im Ort dichtes Gedränge. Auf der Suche nach einem Sitzplatz sehe ich mehrere Werbetafeln: Selbst Schwarzwälder Kuckucksuhren kann man in der Holzschnitzergemeinde kaufen. Vermutlich haben Engländer und Australier hier im bayerischen Voralpenland die irrige Vorstellung entwickelt, der Schwarzwald läge in Bavaria. Als ich nach der zehnten Gastwirtschaft noch immer keinen Platz finde und mir überlege, ob der Drogeriemarkt auch Getränke führt, sehe ich schließlich im Schatten der prächtigen barocken Pfarrkirche St. Peter und Paul doch noch einen Sitzplatz, wo ich endlich meinen Durst löschen kann. Ich habe zuvor einen Spaziergang gemacht, der mich zum Osterbichl führte, einer kleinen Anhöhe mit schönem Blick auf die Gemeinde. Dort in Sichtweite des lachsrosa-farbenen Festspielhauses steht eine monumentale, neobarocke Kreuzigungsgruppe, die Ludwig II. dem Ort zur bleibenden Erinnerung an die Passionsspiele von 1871 schenkte. Ihn hatte das Spiel, das sich wegen der Unterbrechung durch den Deutsch-Französischen Krieg über zwei Jahre hinzog, zutiefst ergriffen. Drei Jahre lang suchte der König zum stillen Gebet die neoklassizistische Kreuzigungsgruppe aus Kehlheimer Marmor auf, das mit zwölf Metern Höhe seinerzeit weltweit größte Steindenkmal, bis ihn Schaulustige vertrieben.

Die alten Hasen unter den zum Passionstheater pilgernden Zuschauern erkennt man an den Fleece-Decken, die sie lässig unterm Arm tragen. Denn trotz der seit zehn Jahren bestehenden Fußbodenheizung, kann es hier in 835 Metern Höhe recht frisch werden. Besonders in diesem Spieljahr, denn das Stück wird erstmals in seiner Geschichte am Nachmittag gegeben und erstreckt sich bis in den späten Abend. Das Festspielhaus ist zwar überdacht, damit Zuschauer und Orchester nicht im Regen sitzen, es ist aber zur Bühne hin offen. Die Oberammergauer spielen bei Wind und Wetter. Und da es in Oberammergau statistisch gesehen mehr regnet als in anderen Teilen der Republik, werden die Darsteller oft nass. Damit es nicht zu erkältungsbedingten Ausfällen kommt, ist jede der 21 Hauptrollen doppelt besetzt. Das unschöne Gebäude aus den Jahren 1890-1900 ist ein Zwitter aus Sportstadion und Maschinenhalle. Die 4.720 Sitzplätze sind bis auf den letzten Platz besetzt. Von den hinteren Rängen kann man bei klarem Wetter die Aussicht auf die Ammergauer Berge genießen, wie ich in der Pause feststellen werde.

Zu meiner Linken zwei Reporter der Mailänder Zeitschrift „Famiglia Cristiana“, zu meiner Rechten eine ältere Dame, die heimlich versucht Fotos zu schießen. Sie sei Irin und lebe in einem kleinen Dorf in der Nähe von Genf. Als Jugendliche habe sie 1950 von dem Spiel gehört und seitdem den Wunsch gehegt, es zu sehen. Da sie vor zehn Jahren keine Karte bekam, sei sie nun froh, endlich hier zu sein. Zum Glück habe ich Taschentücher dabei, denke ich mir.

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Weitere Vorstellungen des Passionsspiels bis zum 3. Oktober 2010, fünfmal die Woche, jeweils von 14:30 bis 22:30 (mit dreistündiger Pause). Die Montage und Mittwoche sind spielfrei. Es gibt zu fast jeder Aufführung noch Restkarten, sogenannte Arrangements, die eine Eintrittskarte mit Übernachtung und Mahlzeiten einschließen.

www.passionsspiele2010.de

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