„Vorbilder für die Zukunft“ – Gabrielle Alioth legt mit „Gallus, der Fremde“ einen hinreißenden Zukunftsroman aus dem 7. Jahrhundert vor

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"Gallus, der Fremde", ein Roman von Gabrielle Alioth. © Lenos

Berlin, Deutschland (Weltexpress). Wir befinden uns im Präsens eines Jahrhunderts, das am Beginn seiner Christianisierung durch zwei Wandermönche, Columba und Gallus, steht. Ihr Ausgangspunkt ist die Abtei Bangor an der nordirischen Küste, ihr Ziel wird die heidnische Region um den Bodensee sein. Columba wählt elf Gefährten unter den Mönchen. Gallus folgt, noch minderjährig, als Diener.

Die Erzählerin, die Gallus, längst hochbetagt, eines Gespräches wegen aufsucht, wie es denn so gewesen ist, folgt ihm, kurzhaarig, mit Kladde und Stift. Auf der Reise ohne Rückkehr behält Gallus den Abt von Bangor im Ohr, Gott schicke „die Kranken, um uns zu prüfen“, und begreift, dass sein Amt vom Eintreten gegen die Hoffnungslosigkeit geprägt sein muss, damit keiner seinen Glauben verlieren muss.

Einige Gefährten sehen sich selbst bald auf der Reise verloren, wissen nicht, wohin rudern, ärgern sich über Hunger und Durst. Als das Boot unterzugehen droht, retten sie die Evangelien. Doch der früheste Bericht vom Leiden Christi, auf den die Evangelisten sich berufen, geht verloren.

In jener Zeit ist die Buße, das Fasten, das Bindeglied zur Vergebung und neuen Hoffnung. Das Abschätzige kommt aus der Moderne, von uns, die wir das Vergangene im Nachhinein besserwisserisch betrachten anstatt vor dem Zweifeln erst einmal darüber zu staunen, was es alles einmal gab. Bei Gabrielle Alioth klingt das so: „… wenn ich mir auch nicht vorstellen kann, auf welchem Weg die Reliquie ausgerechnet an diesen Ort gelangt sein sollte“, sagt die Frau mit einer abschätzigen Geste.

Zu Beginn des 7. Jahrhunderts sieht Gallus auf den Abt Columba zurück, der 590 das Kloster Luxeuil in den Vogesen gründete, wo Gallus zu seinen Schülern zählte und von wo sie um 610 mit anderen Mönchen weiterzogen nach Alemannien, die Menschen in gut und böse zu teilen. So segnet Columba die Söhne der Königin Brunhild nicht, weil sie in Sünde gezeugt seien, zugleich erschüttert ein Beben den Boden unter den Füßen, dass alle erschrecken außer der Königin, die mit dem Teufel im Bunde stehen soll.

Was nun geschieht gehört zu den vorzüglichsten Stellen dieses sehr lesbaren Romans: die Gegenwart komplettiert der Vergangenheit ihre Geschichte. Und die Vergangenheit liefert den nötigen O-Ton für den Turning Point, der Geschichte erst interessant macht. Gallus weiß nicht, was am Hof geschah, aber er erfährt es ja von seiner Interviewerin. „Ich weiß nicht, wer mit dem Teufel im Bunde stand“, antwortet darauf Gallus. „Aber ich weiß, dass unser Leben sich änderte, als Columba zurückkam.“

Das Leben als ständige Auseinandersetzung mit dem Unvorhergesehenen: Soldaten vollziehen herabwürdigende Befehle des erzürnten Königs, die Mönche dürfen fortan weder Kranke noch Pilger aufnehmen und niemand „soll“ ihnen helfen.

Die Furcht, die nun statt der Freude sich verbreitet, hallt als Methode in der Gegenwart nach. Anstatt der einstigen Zuwendungen folgen Untaten und viele schließen sich aus Abhängigkeit, Eitelkeit oder Neid an. Auch alle Äbte und Bischöfe verweigern fortan jede Korrespondenz und schweigen.

Columba aber eilt von Verhör zu Verhör zum König und kehrt mit den Zügen der „Genugtuung“ zu den seinen zurück, da er sich nicht aus Reue stellt, sondern um dem König zu „drohen“. Dabei stellen ihm die seinen schon die richtige Fragen: „Welche Sinn konnte es haben, das, was sie in Luxovinum aufgebaut hatten, wegen der Unarten eines Königs aufs Spiel zu setzen? Hatten ihre eigenen Väter nicht auch Konkubinen gehabt?“ Und schon ein anderer Heiliger wurde von der Königin „gesteinigt“, weil er sie „tadelte“. Wie aus Ungnade aber wieder Gnade wird, gehört bis heute zu den rätselhaften Dingen, die das Leben aus unerfindlichen Gründen erneut erträglich machen.

Wie die Autorin, übrigens in ausgezeichneter Erzählkunst, im weiteren Verlauf Licht in diesen helldunklen Vorgang bringt, soll hier nicht weiter ausgeführt, sondern den Lesenden ans Herz gedrückt und empfohlen, empfohlen, empfohlen werden.

Nur so viel noch: die Reise geht spannend weiter, es geschehen noch Wunder und mit dem Gallustag wird der Hauptprotagonist noch heute geehrt und verehrt. Die Autorin erklärt nichts und das macht sie stark.

Bibliographische Angaben

Gabrielle Alioth, Gallus, der Fremde, Roman, 246 Seiten, Hardcover, mit Schutzumschlag, Verlag: Lenos, 1. Auflage, Basel, September 2018, ISBN 978-3-85787-489-5, Preise: 22 EUR, 29,80 sFr, auch als E-Buch erhältlich, Oktober 2018, ISBN 978-3-85787-969-2, Preis: 15,99 EUR

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