„Violently Happy“ oder lustvoll selbst Leid erleben – Der Dokumentarfilm von Paola Calvo

Szene aus "Violently Happy". © luethje schneider hoerl - FILM

Berlin, Deutschland (Weltexpress). Berühren ist out. Ein Smiley vom Smartphone ist besser als jeder Kuss. Cool, weil clean. Und wenn schon berühren dann gerade mal die Oberfläche – der Haut. Alles was tiefer geht könnte ja nicht nur schöne Gefühle wecken. Sondern auch Schmerz. Also Lust ohne Leid, bitte, denn Lust mit Leid überlassen wir liebend gerne Sadisten und Masochisten und so Leuten. Sehen, aber selbstverständlich! nur angeekelt weg. Wie widerlich! Paola Calvo, die junge Berliner Regisseurin, dagegen blickt in ihrem neuen Dokumentarfilm „Violently Happy“ ganz genau hin.

Szene aus "Violently Happy". © luethje schneider hoerl - FILM
Szene aus „Violently Happy“. © luethje schneider hoerl – FILM

Das kann auf den ungeübten Betrachter durchaus verstörend wirken. Aber zerstörend niemals. Denn Paola als mitfühlender Mensch ist immer ganz nah bei den Protagonisten. Wie lange mag es gedauert haben, bis diese Vertrautheit der Nähe zugelassen wurde – wohl auch, weil sie nicht zur plumpen Vertraulichkeit abgleitet? Felix Ruckert, Tänzer und Choreograph, trifft Mara Morgen, „gesellschaftsorientierte Kulturarbeiterin“, in der Schwelle 7. Kein dunkles Kellerverlies, sondern ein lichtes Wohnzimmer voller Buddhas. Choreographin Christine Borch und Psychologin Jana Scherle stoßen dazu. Die Gruppe lotet Grenzerfahrungen aus. In Reflexionen und Projektionen, bei Tanz und Yoga und Akrobatik, ja, mit Peitschen und Sexspielzeug, vor allem aber – mit Hingabe zueinander. In einem experimentellen Ort innerhalb einer Gesellschaft, die Experimente kaum mehr duldet. Ist die Suche nach alternativen Lebensformen nur noch beim sinnlichen Spiel mit sexuellen Phantasien möglich? Und kann bewusste Gewaltanwendung an sich selbst wie an andere, von diesen gewollt, auch freundlich sein? Gemeint – oder gar gefühlt.

Szene aus "Violently Happy". © luethje schneider hoerl - FILM
Szene aus „Violently Happy“. © luethje schneider hoerl – FILM

Zwischen Zivilisation und dessen Gegenteil verläuft wohl nur ein ganz schmaler Grat. „Das traditionelle Konzept von Familie und Beziehung funktioniert schon lange für viele von uns nicht mehr. Intimität ist trotzdem für viele andere immer noch etwas, was in einer zweier Beziehung stattfindet. Was passiert, wenn mehrere Menschen an einer intimen Situation teilnehmen? Und was, wenn diese Situation auf die Bühne gebracht wird? Kann man noch von Intimität sprechen? Was passiert, wenn die Bühne das private Wohnzimmer von jemandem ist? Schwelle 7 ist das Wohnzimmer und die Bühne von Felix Ruckert. Die Grenze zwischen Privatsphäre und Öffentlichkeit bleibt genau da, auf der Schwelle, und schafft einen neuen kollektiven Raum. In Berlin, einer Stadt überfüllt von Menschen die ständig auf der Suche sind, die nicht nur Strukturen oder Konzepte in Frage stellen, sondern Menschen die forschen und spielen. So entstehen“, sagt Paola Calvo zu ihrer Doku, „zwischenmenschliche Begegnungen, die in der Gesellschaft sonst nicht zu sehen oder erfahren sind. Weil sie nicht erlaubt sind oder nicht gesehen werden wollen. Die Protagonisten dieses Filmes sind Menschen, die Veränderungen suchen und schaffen, weil sie sich selber verändern, in dem sie ihre Komfortzone verlassen.“

„Violently Happy“, der 92 Minuten Dokumentarfilm, war 2016 die Abschlussarbeit von Paola Calvo, 1981 in Caracas geboren, als Regisseurin und Kamerafrau an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (dffb). Beim Filmfest München wurde die Doku rege Beachtung zuteil und sorgte für viel Gesprächszündstoff. Passt er auch in das Programm der diesjährigen Berlinale?

Anmerkungen:

Beitrag unter Verwendung des Director’s Statement von Paola Calvo.

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