Vierschanzentournee: Weitenjäger Kobayashi – ein Gegenentwurf zum aktuellen Trend

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Bretter, die für Skispringer die Welt bedeuten. Quelle: Pixabay

Berlin, Deutschland; Innsbruck, Österreich (Weltexpress). Knapp eine Woche und vier Wettkampfsprünge durfte Markus Eisenbichler vom großen Triumph träumen. Da lag der Deutsche bei der 67. Vierschanzentournee der Skispringer nach zwei zweiten Plätzen nur rund vier Punkte und etwas mehr als einen Meter hinter dem Tourfavoriten Ryoyu Kobayashi zurück.

Doch nach der dritten von vier Stationen, am Freitag in Innsbruck, vergrößerte sich der Rückstand auf den 22-jährigen japanischen Überflieger auf rund 45 Punkte!

Bei der letzten Flugschau dieses
prestigeträchtigen Spektakels am Sonntag in Bischofshofen dürfte
dem Saison-Dominator, der in Innsbruck seinen sechsten Weltcup-Erfolg
verbuchte, unter normalen Umständen der Gesamtsieg nicht mehr zu
nehmen sein. Er könnte sich im schlimmsten Falle sogar einen Sturz
leisten. Eher aber dürfte sein, dass Kobayashi auch hier der
Gegnerschaft davonspringt. Und damit als dritter Akteur nach dem
Deutschen Sven Hannawald 2002 und dem Polen Kamil Stoch im Vorjahr
mit einem Tournee-Grand-Slam, der Vierfachsiegesserie, in die Chronik
eingeht.

Eisenbichler nicht
unglücklich über Platz 13

Der 27-jährige Oberbayer Markus
Eisenbichler ist am Berg Isel mit Platz 13 drittbester Deutscher nach
Stephan Leyhe (4.) und Richard Freitag (8.) geworden. Eine Rangfolge,
die vor der Tournee als normal eingestuft worden wäre. Aber nach
Eisenbichlers beiden Podiumplätzen in Oberstdorf und
Garmisch-Partenkirchen von Medien und Zuschauern als enttäuschend
wahrgenommen wurde.

Nicht aber vom Mann aus dem
beschaulichen Siegsdorf, der vor gut einem Jahr bei den Olympischen
Winterspielen in Pyeongchang nicht einmal zum vierköpfigen Aufgebot
gehörte, das Bundestrainer Werner Schuster für das
Mannschaftsspringen nominierte. Und so die olympische Silbermedaille
verpasste.

Eisenbichler hat auch nach dem
Innsbrucker Ergebnis nicht vergessen, wo er herkommt. Er sei
insgesamt nicht unglücklich, sagte er. Sein Sprung sei einfach zu
schwach gewesen, um das zu beherzigen, was ihm der Bundestrainer
aufgetragen hatte. Dranbleiben, möglichst lange dranbleiben am
schier übermächtigen Kobayashi. Bis jener sich vielleicht einen
Fehler erlaube, eine Schwäche zeige.

Die ausbalancierte Gemütslage von
Eisenbichler, der mit 27 noch immer auf seinen ersten Weltcupsieg
(die Tournee-Wettkämpfe werden auch als Weltcups gewertet) wartet,
hängt damit zusammen, dass es bisher für ihn „eine geile Tounee“
war und er ja in der Gesamtwertung auf dem zweiten Platz liegt. Rund
vier Punkte vor dem Norweger Andreas Stjernen, der am Freitag hinter
Kobayashi und dem Österreicher Stefan Kraft Dritter wurde.

Eisenbichler ist nach der misslungenen Qualifikation in Innsbruck (32.) nicht der Versuchung erlegen, dem „brutal guten“ (so Eisenbichler) Kobayashi mal mit einem brutal agressivem Gewaltversuch auf den Leib zu rücken. Das unternahm Kraft, immerhin Tourneegewinner 2015, Weltmeister 2017 und Skiflug-Weltrekordler mit fantastischen 253,5 m, jedoch auf der zweiten Station in Garmisch. So schnellte er sich bei seinem Absprung mit aller Gewalt und zu früh nach oben und fiel viel zu früh auf den Hang. Rang 49, den zweiten Durchgang verpasst, alle Tourneechancen verloren…

Kobayashi
profitiert von einer Regeländerung vor der Saison

Bleibt das Phänomen Kobayashi zu
beschreiben. Befragt, wie er sich bei etlichen wenig japanischen
Eigenschaften selber sehe, kam mit Hilfe des Übersetzers die
Neuschöpfung „Neo-Japaner“ zustande. Auf nachfragen dann ein
etwas „verrückter Japaner“!

Die Erläuterung für in Japan
unübliche Jubelreaktionen nach einem gelungenen Sprung schon im
Auslauf. Das Bad in der Menge. Die Geduld beim Frage-Antwortspiel mit
den Medien. Seine Aktivitäten in den sozialen Medien mit allerlei
Fotos und Momenten als DJ. Dazu passen Armbänder, wie sie überall
auf der Welt als Glücksbringer gelten.

Mit Neo-Japaner dürfte er wohl einen
modernen jungen Mann gemeint haben. Auch mit einer Vorliebe – wie
auch fast alle deutschen Springer – für schnelle Autos. So konnte
der Sohn eines Sportlehrers, dessen Schwester und zwei Brüder
gleichfalls dem Skispringen frönen, vor allem dank des Gehalts als
Angestellter eines Springer-Firmen-Teams bereits früh mit einem
Porsche Cayman durch die Gegend kutschieren. Obwohl damals noch ohne
einzigen Weltcup-Punkt auf dem Konto. In dieser ersten
Wettkampf-Kategorie folgte er vor zweieinhalb Jahren seinem fünf
Jahre älteren Bruder Junshiro.

Im Frühjahr 2017 kam Ryoyu unter die
Fittiche des finnischen Trainers Janne Väätäinen. Der 43-Jährige
steht seit 2010 im Wintersport-Zentrum Sapporo in Diensten des
japanischen Verbandes. Väätäinen überzeugte den jungen
lebensfrohen Schützling, der heute zugesteht zeitweise faul im
Training gewesen zu sein und sich zu viel hat ablenken lassen von
sportlichem Streben nach Höchstleistungen, dass Porsche-Fahren ihn
auf der Schanze nicht weiterbringen würde.

Also trainierte Kobayashi fleißiger
denn je. Und profitierte in dieser Saison von einer Regeländerung
des Weltverbandes FIS. Zur Ermittlung des Bodymassindexes BMI, der
das Verhältnis von Körpergewicht zur Körpergröße beinhaltet und
gegen das gesundheitsgefährdende Gewichtemachen gerichtet ist, wird
der Sportler nun ohne Skischuhe gewogen. Das bedeutet weniger
Gewicht, einen kleineren BMI-Wert und kürzere Ski.Sein Gewicht wird
bei 1,73 m Körperhöhe mit 60 kg angegeben. Viel im Vergleich
beispielsweise mit europäischen Konkurrenten. Da fallen im geheizten
Wartezimmer vor dem Sprung die überaus dünnen Ärmchen ins Auge.
TV-Bilder vom Sommertraining bestätigen den Eindruck von einem Trend
seit dem damals der Magersucht verdächtigen Hannawald „Leicht
fliegt weiter“.

Toni Innauer, Österreichs
Skisprung-Übergröße und heutiger ZDF-Experte, hat bei Kobayashi
festgestellt, dass jener durch den Wegfall des Schuhgewichts mit
seinem höheren Körpergewicht und dem entsprechenden BMI-Wert mit
2,45 m deutlich längere Ski als die Gegnerschaft benutzen darf. Das
wiederum ergibt eine größere Tragfläche. Und erklärt in
Verbindung mit seinen Vorteilen bei Absprung und Tempomitnahme in die
Fluglage seine teilweise die Gegner deklassierende Dominanz.
Kobayashi sei, so Innauer, sei deshalb eine Art Gegenentwurf zum
aktuellen Erscheinungsbild in der Weltspitze.

Im Februar bei den olympischen
Wettbewerben kamen seine Qualitäten mit den Rängen 7 und 10 in den
Einzelkonkurrenzen und dem 6. Platz im Teamspringen noch nicht so
wie heute zum Vorschein.

Seine Bestwerte im Absprung (weil er
nicht über den Ballen, sondern über den ganzen Fuß abdrücke?!?)
sowie das blitzesschnelle Heranbringen der Ski unter den Körper sind
kein Resultat sportwissenschaftlicher Tüfteleien
oderComputersimulationen, sondern intuitive Begabung. Sicherlich
befördert dadurch, dass er in jüngeren Jahren ganz viel von
kleineren Jugendschanzen gehüpft ist. Da sind Absprung und Übergang
binnen Hunderstelsekunden in die Vorlage die Grundvoraussetzungen für
erfolgreiche Weiten.

Ein Fingerzeig möglicherweise für die
Nachwuchsausbildung in den europäischen Springer-Hoclburgen, wo man
Talente mit 15/16 über den frühen Einsatz auf größeren Anlagen
an die emotionale Weitenjagd heranführt. Später dann, im A-und
B-Kader, wird im Windkanal, bei einem halben Dutzend verschiedener
Ski (für kalte oder warme Temperaturen, für Aufwind oder
Rückenwind, bei kalter und warmer Spur) und ähnlichem Verfahren bei
den Springeranzügen ein ausufernder Materialwettstreit betrieben.

Und die Hauptquelle großer Weiten – Absprung, Geschwindigkeitsmitnahme in den Flug – vernachlässigt.

Das aber sind die hervorstechenden
Eigenschaften eines Sportlers, von dem Trainer Väätäinen sagt, er
sei ein lebenslustiger Artist, der gern performt und den DJ spielt.
Einer, der das Fliegen mit einem Lächeln genießt. Und der die große
Chance besitzt, 21 Jahre nach Kazuyoshi Funaki den goldenen Adler für
den Gesamtsieg wieder ins Land der aufgehenden Sonne zu holen.

Eisenbichler aber wird mit eiserner
Entschlossenheit darum bemüht sein, den zweiten Rang gegen den
Norweger Stjernen, möglicherweise gegen den Polen Stoch oder den
Kollegen Leyhe zu verteidigen.

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