Vier Mann in einem Boot – „BALTIC SAIL“ – schnelle Langsamkeit zwischen Müritz und Strelasund

BALTIC SAIL 4.4.2007 einlaufend HST Nordhafen

Voraussetzungen für eine Bootsüberführung: Zeit, Wetterglück und die Führerscheine „See“ und „Binnen“ sowie demnächst das UKW-Sprechfunkzeugnis. Dann können sie von der firmeneigenen Werft in Rechlin, auf der über 100 Boote alljährlich fit gemacht werden, zu ihren Liegeplätzen starten.

Ein weiter Wasserweg – knapp 500 Kilometer – liegt vor der Crew des 12,80 Meter langen Kormoran-Hausbootes „Baltic Sail“. Erste Amtshandlungen: den Papierkram erledigen und Verpflegung samt Gepäck für eine knappe Woche an Bord verstauen. Nicht zu vergessen die Seenotausrüstung, Bootsdokumente, See-, Fluss- und Kanalkarten, Zirkel, Dreiecke sowie das GPS. Am Ende der Prozedur steht die obligate Einweisung durch einen Techniker.

Ungewohnte Frischluftkur

High noon: Gegen Mittag legt die „Baltic Sail“ ab. Hinter dem von Ferienhäusern gesäumten Hafenkanal weitet sich der Schlauch zur Müritz, Deutschlands größtem Binnensee. Fahrwassertonnen weisen den Weg. „Baltic Sail“ schiebt ihre bullige Nase ins mecklenburgische Meer. Der Skipper navigiert der besseren Übersicht halber vom luftigen Aussensteuerstand. Durch die Müritz-Havel-Wasserstraße auf die Schleuse Mirow zu. Das Einfahren und Anlegen klappt reibungslos. Auch in den nächsten Schleusen Diemitz und Canow, die wir gerade noch erreichen. Ab 16.00 Uhr schalten an diesem Streckenabschnitt die Lampen im März auf Rot, ab April zwei Stunden später.

Über mehrere idyllische Seen steuern wir unseren geschützten Ankerplatz an. Feierabend um 19.00 Uhr vor dem Dörfchen Strasen. Nach traditionellem Einlaufbier und Abendessen verlöschen die Kerzen im gemütlichen Salon mit Seeblick. Wir kuscheln uns, müde von der ungewohnten Frischluftkur, in die Kojen. Leise an der Bordwand gluckernde Wellen sorgen schnell für Tiefschlaf.

Schon um sechs Uhr dreißig reißt uns der Wecker aus süßen Träumen. Morgenstund ´ hat Gold im Mund! Bei einem Bilderbuch-Sonnenaufgang hebelt Gerd den Anker aus dem eiszeitlich tiefen Grund. Nach einer Tasse Kaffee und frisch gebackenen Brötchen dieseln wir auch schon los. Vor uns liegen am zweiten See-Tag sieben Schleusen. Das kostet Zeit, denn wir sind sozusagen im Dienst: auf Überführungstörn und um einen Film über unsere Reise an die Ostsee zu drehen.

Segeln im Sauseschritt

Eine stille Ehrenrunde vor dem ehemaligen Konzentrationslager Ravensbrück bei Fürstenberg muss sein. Himmelpfort, das bekannte „Nikolausdorf“ mit seinem Zisterzienser-Kloster, bleibt etwas später fern an Backbord. Wie eine Feder werden wir vom achterlichen Wind über den blauen Stolpsee-Spiegel in die Haveleinmündung ein paar Kilometer vor Bredereiche gepustet. Satte sechs Knoten zeigt das GPS. „Baltic Sail“ segelt im Sauseschritt.

Unterwegs treffen wir die Kuhnle-Boote „Hanse Sail“ und „Neunauge“. Kurzer Erfahrungsaustausch mit den Besatzungen und weiter geht ´s: im Zehn-Kilometer-„Tempo“ über die mecklenburgische Seenplatte und gedrosselt auf der idyllischen, stark gewundenen Steinhavel mit seinen digitalen Selbstbedienungsschleusen durch die Wälder der Schorfheide bis kurz vor Zehdenick, dem historischen brandenburgischen Schifferstädtchen. Die Nachmittagssonne vergoldet das Gewässer. In einem alten Torfstich neben dem Fluss fällt der Anker.

Am nächsten Tag liegen rund 90 Kilometer Fahrt auf Voss- und Oder-Havel-Kanal vor uns, gespickt mit vier Schleusen, reger Berufsschifffahrt und einem Highlight der Strecke, dem Schiffshebewerk Niederfinow. Ein stark frequentiertes Nadelöhr, vor dem man sich auf Wartezeit gefasst machen muss. Doch, Glück gehabt, schon nach insgesamt einer halben Stunde ist das Spektakel mit Fernblick auf das Oder-Tal gelaufen, wovon die eigentliche 36-Meter-Fahrstuhlfahrt auf das untere Kanal-Niveau nur fünf Minuten dauert.

Wer kennt Fiddichow?

Feierabend im Dämmerlicht im Dörfchen Stolpe an der Hohensaaten-Friedrichsthaler-Wasserstraße, die strömungsfrei durch den Naturpark Unteres Odertal verläuft. Der Mond lugt neugierig durch das Oberlicht-Fenster auf unseren reich gedeckten Abendbrottisch.

Über Nacht hat uns Oder-Nebel eingehüllt. Bei Sonnenaufgang wird gestartet. Gerd holt fröstelnd die Leinen ein, während Christoph und Dirk noch schlafen. Die morgendliche Landschaft präsentiert sich wie von dem Greifswalder Romantiker Caspar-David-Friedrich gemalt.

In der Schwedter Querfahrt passieren wir die Schleuse Nummer 15, die uns den Weg zur Ostoder öffnet. Die führt Hochwasser und macht uns fast so schnell wie ein Speedboot. Wir passieren an Steuerbord Widuchowa, das frühere pommersche Dörfchen Fiddichow.

Kurzer Halt in Gryfino, bis 1945 Greifenhagen. Christoph und Dirk gehen Einkaufen, um die inzwischen geschrumpften Vorräte aufzufrischen.

Stralsund zeigt Flagge

20 Kilometer weiter: Die markanten Türme der alten pommerschen Hauptstadt Stettin kommen in Sicht. Historisch sehenswert wird es querab der berühmten Hakenterrasse. Altstadt, St.-Jakob-Kirche, Meeresmuseum und Pommernschloss gleiten an Steuerbord vorüber. Dann hat der Skipper nur noch Augen für je eine Hub- und Drehbrücke. Ziemlich eng und niedrig, so dass Gerd den Mast mit der weiß-roten polnischen Gastland- über der roten Stralsunder Bestimmungsort-Flagge umlegen muss. Zentimetergenaues Fahren ist jetzt gefragt. An Backbord passieren wir dicke Neubau-Pötte der ehemaligen Vulkan-Werft, an Steuerbord den Dammschen See.

Wo sich die jetzt windbewegte Oder zum Großen Haff weitet, liegt am westlichen Ufer Trzebiez, das frühere Fischerdorf Ziegenort. Richtfeuer und Tonnen geleiten uns durch die Kaiserfahrt mit Großschifffahrt, gegen die wir uns ameisenhaft klein vorkommen, bis zur Pier der Grenzkontrollstelle. Es ist 19 Uhr und wir sind heute acht Stunden unterwegs gewesen. An der einzigen Tankstelle weit und breit werden noch 50 Liter Diesel gebunkert, zur Sicherheit. Dirk versucht sich als Angler, aber statt frischen Fisch gibt es wie gehabt nur Kost aus dem Kühlschrank.

Schaukelfahrt über Haff und Peenestrom

Von Nordwest brist es spürbar auf. Unsere wackere „Baltic Sail“ zerrt an den Leinen. Beängstigend klappert das Geschirr. Überzählige Kissen, in die Geschirrschränke gestopft, schaffen Abhilfe. Beim Ausklarieren warnt der polnische Grenzer vor Wind und Seegang. Mehr als fünf Windstärken sind für die Haff-Passage nicht erlaubt. Also warten wir noch ab, bis der Skipper das Signal gibt. Stampfend und schüttelnd erkämpft sich das Boot seinen Weg nach Nordost. Spritzwasser kommt immer häufiger über. Die Fahrt wird zum Ritt über die kurzen, steilen Wellen. Im Tiefflug jagen uns graue Wolken entgegen. Erhöhte Vorsicht: Die Fahrrinne ist stellnetzgespickt. Fernglas, GPS und Seezeichen leiten uns.

Gelbe Tonnen, aufgereiht wie an einer Perlenkette, markieren zwischen Swinemünde und Alt-Warp die deutsch-polnische Grenze. Hinter dem Stahlgerippe der Karniner Brücke drehen wir in den Peenestrom ein. Der empfängt uns mit Schaumköpfen und Wellen von der Seite. „Baltic Sail“ schaukelt sich auf. Eine andere Crew hinter uns soll seekrank geworden sein, hören wir über Handy.

Atemberaubende Sicht

Nach einem kurzen Einkaufsstopp in Wolgast unterfahren wir das „Blaue Wunder“, Brücken-Wahrzeichen der Peene-Stadt. Dirk möchte für unseren Film unbedingt noch eine Rundfahrt durch den Peenemünder Hafen. Nördlich davon wird angelegt und übernachtet. Der Wind brist bis zu neun Beaufort-Stärken auf, aber wir sind in Sicherheit. Und genießen das Captains dinner.

Um sieben Uhr am nächsten Morgen steht der Hafenmeister auf der Pier, um sechs Euro Liegegeld zu kassieren. Doch die Sonne lacht dazu, und der Wind ist – Gott sei Dank! – eingeschlafen. Auf geht ´s – zur letzten Etappe! Vor der Fahrt über den Greifswalder Bodden wird noch mal in der gegenüber liegenden Marina Kröslin nachgebunkert. Für alle Fälle, denn der Tankanzeiger tendiert schon wieder verdächtig in den roten Bereich.

Die Sicht an diesem klaren April-Tag ist atemberaubend. Schon bei Palmerort, der südlichen Spitze von Rügen, recken sich die hellblaue Halle der Stralsunder Volkswerft und der Turm der Marienkirche über die Kimm.

Nachmittags tuckern wir unter Ziegelgraben- und Rügenbrücke in den Nordhafen mit einer Ehrenrunde vor der „Gorch Fock“ (I) zur Kuhnle-Marina. Nach rund 41 Stunden reiner Gesamtfahrtzeit in schneller Langsamkeit schreibt der Skipper ins Logbuch: 15.15 h fest in Stralsund. Oder anders ausgedrückt: Ende eines erlebnisreichen Vier-Mann-ein-Boot-Abenteuers.

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