Verleihung des 28. Friedrich-Hölderlin-Preises in Bad Homburg – Serie: Preisträger 2010 ist Georg Kreisler, endlich! (Teil 1/3)

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Das ist zutreffend gesagt, denn der Hölderlinpreis der Stadt Bad Homburg gilt eher einer Künstlerpersönlichkeit als den Gattungen und Genres, in denen diese sich ausdrückt. Beim vielseitigen Georg Kreisler hätte Korwisi sonst auch noch hinzufügen müssen: Pianisten, Dramatiker, Lyriker, Opernkomponisten wie auch Verfasser musikalischer Dramolette, Romancier und vor allem auch Unterhaltungskünstler, und was für einer!,denn seine Sachen zu lesen und ihn selbst zu hören, sind dann noch einmal verschiedene Dinge. Mit einem Wort, schauen wir uns lieber den Preisträger direkt an.

Georg Kreisler wurde am 18. Juli 1922 in Wien geboren und was aus ihm geworden wäre, hätte er sich ungehindert durch deutsch-österreichische Geschichte entwickeln können, ist müßig zu fragen, denn nach dem Anschluß Österreichs an das Nazi-Deutschland rettete sich Kreisler mit seinen Eltern in die USA, wurde 1943 Amerikaner und kehrte nach Europa erst einmal als amerikanischer Soldat zurück. Wien war nach dem 2. Weltkrieg eine, von den vier Siegermächten besetzte geheimnisvolle und virulent gefährliche Stadt, was Filme wie „Der dritte Mann“ einzufangen versuchen. Das Kabarett war einer der Möglichkeiten, dem schillernden Leben eine Interpretation zu geben und die entsprechenden Lokale waren voll und Kreisler ab den Fünfziger Jahren dort in seinem Element.

Denn, „hohe“ Kunst zu machen, war zwar sein jugendlicher Wunsch gewesen, den er ein Leben lang in sich trägt, aber die gesellschaftlichen Gegebenheiten zwangen ihn, mit Satire und in Gedichten und Liedern auf seine Zeit sprachlich und musikalisch zu reagieren und so machte er einfach diese zur hohen Kunst. Das sagen wir und die anderen, die ihm ewig zuhören mögen, denn Kreisler selbst schätzt sich in diesem Feld immer viel zu gering ein und setzt gerne abwertend das „Tingeln“ gegen das Verfassen von Poesie. Das mag sogar aus seiner Sicht zutreffend sein, aber seine ’Aficionados’ wollen ihn nicht nachlassend hören und sehen.

Spätestens seit den Siebziger Jahren waren die bittersüßen, rabenschwarzen Lieder – nein, es sind eigentlich keine Lieder, keine Chansons, doch eher Nachfolger der hinreißenden Moritaten vergangener Jahrhunderte, sagen wir also: es sind Kreislers -, waren also diese Kreislers auch in der Bundesrepublik erst durch Radio, Schallplatten und dann seine persönlichen Auftritte bekannt. Und wenn immer von „Gehen wir Taubenvergiften im Park”¦“ gesprochen wird – aus gutem Grund, denn dies Lied führte zu Aufführungsverboten und einem Gerichtsverfahren – , ist das nur die Spitze eines Eisbergs herrlich frecher, sprachlich spielerischer und im Detail menschelnder Ungeheuerlichkeiten, deren Sprengkraft geradewegs aus der Nonchalance, also dem so selbstverständlichen Vortragen kommt. Zeit, auf des Künstlers Stimme einzugehen, sanft daherkommend und mit der größten Selbstverständlichkeit die allergrößten Gemeinheiten und Schändlichkeiten so vorzutragen, daß wir uns immer hüten müssen, auf diese Ansprache: „Ja, was hätte er denn sonst machen sollen?“ laut mit „Ja“ zu antworten und damit einen kleinen Mord oder eine fiese Schweinerei zu sanktionieren. Kreisler zieht einen immer hinein in seine Fälle und deshalb wollen wir in einem dritten Teil auf seine Veröffentlichungen eingehen und diese per Buch und CD vorstellen.

Denn noch immer sind wir erst bei des Oberbürgermeisters Begrüßung, wo doch Hauptpunkt der zweistündigen Sonntagsvormittagsveranstaltung im Kurhaus die Preisrede von Eva Menasse und die Antwort des Hölderlinpreisträgers Georg Kreisler war, die darum in einem zweiten Artikel die Hauptrolle spielen. Korwisi ging auf das Fremdsein ein, das Kreisler nicht fremd ist und folgert: „Auch deshalb hat er immer wieder Grenzen überschritten. Das gilt für Kreisler Leben – wie übrigens auch für das von Hölderlin, der ebenfalls viele Ortswechsel vollzogen hat – genau so wie auch für sein künstlerisches Schaffen”¦2007 war Kreislers Schaffen übrigens Gegenstand eines Symposiums an der Freien Universität Berlin, bezeichnenderweise stand dies unter dem Titel ’Grenzgänger’.“

Zur Vorbereitung der damaligen Tagung waren in der Akademie der Künste noch nie aufgeführte Kompositionen von Georg Kreisler entdeckt worden, die er von 1947 bis 1953 in New York geschaffen hatte. Die Pianistin Sherri Jones, auch als Weill-Interpretin hervorgetreten, brachte aus den Klavierstücken und Bagatellen einige zu Beginn, Mitte und Schluß der Preisveranstaltung zur Aufführung. Diese musikalischen Zäsuren waren wichtig, weil mit dem Hauptpreis, dem Hölderlinpreis ein Förderpreis verbunden ist. Den erhielt Eva Baronsky für ihren Roman “Herr Mozart wacht auf“, erschienen im Aufbau Verlag. Nach der Laudatio durch die Kulturdezernentin Beate Fleige las die Preisträgerin aus ihrem Roman vor, wobei – bei dem Thema sachnotwendig – Andreas Hertel die im Roman angesprochene Musik am Flügel intonierte.

Fortsetzung folgt.

Bisherige, uns bekannte Kreislers in Buch-Form. Eine vollständigere Version einschließlich der CD-Aufnahmen folgt in Artikel 3/3.

Georg Kreisler, Der Schattenspringer, Edition DIA 1996

Georg Kreisler, Ist Wien überflüssig? Satiren über die einzige Stadt der Welt, in der ich geboren bin, Ueberreuter 1987

Georg Kreisler, Mutter kocht Vater und andere Gemälde der Weltliteratur, Buch- und Schallträger-Verlag Wien o.J.

Georg Kreisler, Zufällig in San Francisco. Unbeabsichtigte Gedichte, Verbrecher Verlag 2010

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