Titus mal drei – Christoph Hagel potenziert im Bode-Museum Mozarts »La clemenca di Tito«

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Die Besucher stehen sich erst einmal im pompösen Vorraum des Museums die Beine in den Bauch. Das Tor zu den heiligen Hallen der Basilika bleibt geschlossen. Doch ehe Unmut sich breit macht, zieht ein Lichtband durch die Kuppel, das allen, die im Geschichtsuntericht gefehlt oder in der Lateinstunde nicht aufgepaßt haben, in Kurzfassung die Geschehnisse in Rom, 79 Jahre nach Christus und wenige Tage nach dem Ausbruch des Vesuvs bzw. dem Untergang Pompejis, ins Gedächtnis ruft. Das Ganze endet in roten Schlieren, die zu gewaltigen Lachen zusammenfließen – aha: blutrünstig wird’s zugehen. Und dann gehen endlich die Türen auf. Und auf dem weißbeschlagenen Laufsteg läuft in Nasenhöhe der Besucher der ersten Reihe im wahren Wortsinn und in 90 Minuten ein Szenario ab, von dem sich so mancher Tatort-Autor eine Scheibe abschneiden dürfte. 

Die Darsteller rennen aufeinander zu, aneinander vorbei und wieder weg, erklären ihr Innenleben per Pantomime oder in wunderschönen Arien, singen im Laufen und im Liegen, machen Luftsprünge oder wälzen sich am Boden – kurzum: sie zeigen, was sie  auf dem Konservatorium, in der Schauspielschule und im Fitnessstudio gelernt haben.  

An der Spitze Kaiser Titus, der von Vitellia, der Tochter seines kürzlich ermordeten Vorgängers, angehimmelt wird, aber mehr nach Servilia schielt. Durch die Heirat mit der Schwester des Sextus möchte er seinen besten Freund  noch enger an sich binden. Dieser wiederum, von der rachsüchtigen Vitellia im Lotterbett gefügig gemacht, trachtet dem Cäsar nach dem Leben. Der Plan wird entdeckt und Titus, der Mächtige, aber Weichherzige, ringt heftig mit sich, ehe er sich entschließt, den Freund zu töten. Der könnte sich retten, so er denn den Namen seiner Auftraggeberin preisgäbe, wovon die auch ausgeht. Selbstverständlich schweigt Sextus. Da offenbart sich Vitellia. Und Cäsar, der Gutherzige, lässt Gnade vor Recht ergehen. Ende aller Seelenqualen. Nicht ganz, denn heimlich gibt Titus dem Freund ein Messer und den Befehl: »Töte sie!« Wieder  gewinnt man Einblicke ins reichhaltige Innenleben der Protagonisten, bis  Sextus – den Titus in den Orkus schickt. Alea iacta sunt. Die Würfel sind gefallen.

Das Drama ist so mächtig gewaltig, dass Regisseur Hagel sich nicht mit der einfachen Personage zufrieden gibt, sondern die Figuren potenziert: Sextus beispielsweise wird von einem Sänger (Robert Crowe/Sopranist), einem Tänzer (Martin Boczkó) und vom Schauspieler (Constantin Lücke) verkörpert. Als Titus darf Kai-Ingo Rudolph (Tenor) singen und Matthias Unger selbstbewußt durch die Szene schreiten. Dazwischen springen Felix Reimer (kleiner Titus) und Enno Kleinehanding (kleiner Sextus)  umher –    sozusagen die Kinder in den Männern  – , wohl um zu beweisen, dass sich die beiden  schon im Buddelkasten ganz nahe standen. Und weil es ungerecht und ungerechtfertigt wäre, die Damen außen vor zu lassen, seien hier auch noch die Darstellerinen der Vitellia (Peggy Steiner/Sopran und Karolina Thorwarth/Schauspielerin), Servilia (Cristiane Roncaglio/Sopran), des Annius (Monica Garcia-Albea/Mezzosopran) und schließlich, damit er nicht weint, Publius (Bernhard Hansky/Bass) genannt. Fazit: die Aufführung gibt vielen hochbegabten jungen Künstlern Gelegenheit, ihre Möglichkeiten auszuprobieren und zu zeigen, was sie drauf haben. 

Wie immer begleiten die Berliner Symphoniker virtuos und zuverlässig Sänger, Tänzer und Hagels Intuitionen. Herausragend die Soli von Alexander Glücksmann (Klarinette) und Holger Holdgrün (Bassetthorn).
Das Publikum, das zwischen 53 und 59 Euro gezahlt hat, um dabei sein zu dürfen, applaudiert ausdauernd. Man wird zuhause viel zu erzählen haben vom munteren Kunstbetrieb in der Hauptstadt. 

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Info: Nächste Vorstellungen: Bis zum 6.12.2010 täglich – außer Montag und Donnerstag – um 20.30 Uhr. Mehr über »Titus,« Termine und Tickets unter: www.titus-im-bode.de

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