„The Live Murder Trial“ – bloss Theater oder blutiger Ernst? – Eine mobile Show tourt durch England und macht Zuschauer zu Geschworenen in einem spannenden Mordprozess

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Justitia, Göttin der Gerechtigkeit. Quelle: Pixabay, Foto: Sang Hyun Cho

London, Vereinigtes Königreich (Weltexpress). Die Engländer lieben Blut. Dies ist das Land der gruseligsten Mordfälle und der schwärzesten Krimis – von Jack the Ripper zu Edgar Allan Poe, von Sir Arthur Conan Doyle und seinem Meisterdetektiv Sherlock Holmes zu Agatha Christie mit ihrem schrulligen belgischen Gentleman Hercule Poirot und der altjüngferlichen aber pfiffigen Miss Marple. Es gibt hierzulande nichts unterhaltsameres als Mord und Theaterstücke, in denen mysteriöse Bluttaten zelebriert werden – sehr zum Ergötzen aller London-Reisenden: Die weltberühmte „Mousetrap“ fasziniert im Londoner Westend schon seit 1952 die Theaterbesucher. Langweilig wird’s nie, solange Blut fließt. Woher das kommt? Vielleicht davon, dass große Teile Englands lange von den blutrünstigen Wikingern beherrscht wurden. Und davon, dass die britischen Inseln seit der Schlacht von Hastings 1066 nie erobert wurden. Also begnügt man sich mit fürchterlichen Bluttaten auf der Bühne, in Filmen und Krimis.

Realistischer wurde selten ein Mord inszeniert – oder war es in Wirklichkeit gar kein Mord: In einem großen schwarzen Lieferwagen werden die Requisiten durch ganz England gefahren und in Mehrzweckhallen aufgestellt: zwölf Tische, an denen jeweils zwölf Geschworene Platz nehmen. Davor: die Tribünen für Richterin, Zeugen, den Angeklagten, Staatsanwalt und Verteidigerin. Es geht um Mord. Angeklagt ist der Ehemann, der angebliche Mord an seiner Ehefrau (nach 20-jähriger zunehmend spannungsreicher Ehe) soll während eines idyllischen Weekends in einem kleinen Hotel – ausgerechnet – am Ufer des berühmt- berüchtigten Loch Ness verübt worden sein. Es gibt zahlreiche Indizien, haufenweise Verdachtsmomente – aber keine Leiche.

Alles total spannend und voll Dramatik. Nur: Angeklagter, Zeugen, Richterin, Staatsanwalt und Verteidigerin sind Schauspieler – und die 144 Geschworenen, die über Schuld und Unschuld des (ziemlich unsympathischen) Angeklagten entscheiden sind zahlende Zuschauer. Die Amtspersonen treten realistisch in den landesüblichen schwarzen Talaren und Perücken auf – die Schauspieler sind, wie hier an guten Bühnen üblich, so hervorragend, dass man sofort Partei für oder gegen den Angeklagten ergreift und Sympathien und Antipathien für die Zeugen entwickelt. Alles nur Theater – oder blutiger Ernst? In England wurde die Todesstrafe (insbesondere für Mord) im Jahr 1965 abgeschafft, hingegen ist bei Mord eine lebenslängliche Freiheitsstrafe zwingend. Es geht also um viel, in diesem Prozess.

Die Teilnehmer, die hier als Geschworene agieren – 12 pro Tisch, wie in wirklichen Gerichten – nehmen das Spiel sehr ernst. Sie notieren eifrig alle Daten und Fakten, und sie geraten sich anschließend bei der Diskussion um schuldig oder nicht schuldig sehr ernsthaft in die Haare. Am Ende muss jeder Tisch das Mehrheits-Verdikt der Geschworenen abgeben, dann wird entschieden, ob die Mehrheit aller Tische so oder so entschieden hatte. An diesem Abend lautete der Entscheid: „nicht schuldig“. Das war ganz in meinem Sinne. Die belastenden Beweise und Zeugenaussagen klangen zwar überzeugend, doch waren sie letztlich nicht wirklich genügend klar, um einen Mann für den Rest seines Lebens hinter Gitter zu bringen. Vor allem fehlte die Leiche. Trotz intensiver, weiträumiger Suche. Ist die Ehefrau mit ihrem Geliebten (den gab’s nämlich) abgehauen und hat einen Mord vorgetäuscht. Wir wissen es letztlich nicht.

Diese Show, die im Camion durch das ganze Land tourt, richtet sich nicht nur an krimibegeisterte Zuschauer (denen es jederzeit passieren kann, dass sie als Geschworene, vielleicht gar in einem Mordprozess aufzutreten haben) sondern auch an Studenten der Rechtswissenschaften, die sich auf Kriminalistik spezialisieren wollen und eine Laufbahn als Anwälte oder Richter anstreben. Die Ergebnisse sämtlicher Geschworenen-Urteile quer durch England sollen im November veröffentlicht werden. Man darf gespannt sein.

Anmerkung:

„The Live Murder Trial“ – Auskünfte unter hello@itaegroup.co.uk

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