Teddy Pendergrass, der “schwarze Elvis”, gestorben

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So kennen ihn viele: Teddy Pendergrass lächelt von einem Cover.

Teddy Pendergrass, oder kurz Teddy P., TP., Teddy Bear, erblickte am 26.3.1950 in Kingstree, South Carolina, das Licht der Welt, zog aber schon recht bald mit seiner Mutter nach Philadelphia in Pennsylvania, um. Er veließ frühzeitig die Schule, um sich der Musik zu widmen. Von Kindheit an in der schwarzen Gospel Musik zuhause – mit zwei Jahren sang er erstmals auf einem Stuhl stehend in einer Holiness Church in North Philadelphia – schloss er sich verschiedenen R&B und DooWop-Gruppen an und schließlich als Drummer einer Band namen “The Cadillacs”. Die Cadillacs fusionierten dann 1969 mit der für seine weitere Karriere ausschlaggebenden Gruppe, “Herald Melvin & The Blue Notes”. Dort, so geht die Geschichte, soll er eines Tages von seinem Schlagzeugstuhl auf- und ans Mikrophon gesprungen sein. Von der Wärme und Intensitätseiner bei Bedarf rauhen Baritonstimme ergriffen machte Herold Melvin ihn daraufhin zum Sänger seiner Band.

Diese ging 1972 beim Komponisten- und Produzenten-Duo Kenny Gamble und Leon Huff, die gleichzeitig Chefs der 1970 in Philadelphia unter dem Dach der Plattenfirma CBS gegründeten “Philadelphia International Records” (PIR) waren, unter Vertrag. Unter ihrer Obhut entwickelte sich Teddy P. zum Superstar und trug gleichzeitig zusammen mit einer ganzen Reihe weiterer Acts dazu bei, den von Gamble und Huff, dann auch mit Unterstützung von Thom Bell, entwickelten “Philly Soul” zu dem erfolgreichsten Soul-Stil der 70er Jahre zu machen.
Noch als Mitglied von “Herald Melvin & Blue Notes” eroberte T.P. die Charts mit Songs wie I Miss You”, “Bad Luck” und Wake Up Everybody”. Der absolute Renner dieser Periode allerdings war das seitdem immer wieder auf Soul-Compilations zu findende “If You Don’t Know Me By Now”. Das wurde über 2 Millionen mal verkauft.

1976 allerdings trennte sich Pendergrass von Herald Melvin und machte bei PIR solo weiter . Wichtige Hits der folgenden Jahre waren “The More I Get The More I Want”, “Close The Door”, “I Don’t Love You Anymore” und “Turn Off The Lights” 1977 veröffentlichte PIR seinerstes Album unter dem Titel “Teddy Pendergrass”. Bis 1981 sollten sechs weitere folgen. Mit Whitney Houston sang er auf ihrem Debut-Album im Duett den Song “Hold Me”. Diese Aufnahme errschien auch 1984 auf seinem eigenen Album “Love Language”.

Am 18.3.1981 hatte der hochgewachsene Frauenschwarm, der zumindest in der zweiten Hälfte seiner Karriere gerne in weißer Hose und weißem Unterhemd auftrat, einen Verkehrsunfall mit seinem Rolls Royce. Von der Hüfte abwärts war er hinfort gelähmt. Nach rund einem JahrReha ging er erneut ins Studio und veröffentlichte das Album “This One’s For You”. Sein letztes Album mit vor dem Unfall gemachten Aufnahmen erschien 1983 unter dem Titel “Heaven Only Knows”. Bis 2009 spielte ermindestens zehn weitere Alben ein. Am 13.7.1985 kehrte er – nun im Rollstuhl– auf die Bühne zurück, zog sich aber 2006 aus dem Musikgeschäftzurück. Im gleichen Jahr brachte er auch das Album “Workin’ It Back” heraus, das erstmalig Songs aus seiner eigen Feder enthielt. Lediglich 2007 nahm er an dem Konzert “Teddy 25: A Celebration Of Life, Hope And Possibilities” teil, wo er ein Viertlejahrhundert nach seinem Unfall auch Geld für die von ihm 1998 gegründete “Teddy Pendergrass Alliance”sammelte, eine Wohltätigkeitsorganistion für andere Querschnittgelähmte.

Teddy Pendergrasss war der erste scwarze Sänger, der in den USA in Folge zehn Multi-Platin-Alben veröffentlicht hatte. In ihrem Nachruf zitiert die `New York Times’ am 14.1.2010 Kenny Gamble, der T.P. als den “schwarzen Elvis” bezeichnet hatte. Als solcher konnte Teddy schon in den späten 70er Jahren eine seitdem von andere R&B-Sängern übernommene Praxis entwickeln: er gab Konzerte nur für weibliche Fans. Viele seier Songs wurden auch von Rappern wie Ghostface Killah und KanyeWest gesampled. 2008 stellte das “Black Ensemble Theater” in Chicago das Musical “I Am What I Am” vor, das auf der Lebensgeschichte von Teddy Pendergrass basiert.

Wenngleich das möglicherweise eine Geschmacksfrage ist, litt m.E. seine Musik in den 90er Jahren doch deutlich unter einem Übergewicht elektronischer Sounds und des Einsatzes von zu viel Hall (s. das Album “You And I” von 1997). In der Tat konnte er in dieser Zeit auch ökonomisch nicht an seine alten Erfolge anknüpfen. Seine unverkennbaren Versuche, den wohl nicht zufällig eher sterilen Sound der Zeit zu treffen, ermöglichten es ihm auch kaum, die frühere aus der Gospel Musik stammende Expressivität seines Baritons voll zu nutzen. Die “New York Times” charakterisierte TP so: “Mr. Pendergrass brachte Gospeldynamik ins Schlafzimmer”¦ Sein Vortrag erhob sich aus einem gehauchten Flüstern hin zu schneidigen Aufforderungen, die seine Stimme zum tieferen, aggressiveren Gegenstück zum Stil der 70er Jahre Soulmen wie Al Green und Marvin Gaye machten”. Das trifft, wie die Zeitung auch vermerkte, insbesondere auf seine Zeit vor seinem Unfall zu.

Ganz wesentlich für seinen ursprünglicher Erfolg war natürlich die Zusammenarbeit mit dem ehemaligen Sänger und dann Texter Kenny Gamble und dem gleichermaßen im Blues wie im Gospel verankerten Pianisten und Komponisten Leon Huff. Zusammen mit Thom Bell, einem klassisch ausgebildeten Pianisten, der etwas später als Arrangeur hinzustieß, schufen sie mit dem sogenanntern “Philly Sound” eine der populärsten Formen des Soul in den frühen 70er Jahren.

Aufbauend auf dem stetigen Groove der Rhythmusgruppe der Memphiser “Hi Records” (s. Nachruf auf Willie Mitchell) eröffnete ihr Sound den Weg für Disco und den heutigen R&B. Instrumental zeichnet sich der “Philly Soul” gegenüber dem Memphis Sound der Hi-Records durch wesentlich opulentere Streicher- und Bläsersektionen und einer Bevorzugung von Vokalgruppen aus. Neben Teddy Pendergrass gehörten zum G&H-Stall neben den schon erwähnten “Blue Notes” vorallem Gruppen wie “The Spinners”, “The Stylistics”, “The Delfonics, “ArchieBell&The Drells” und – ganz oben – das Gesangstrio “The O’Jays”, die dem Label solche Smash Hits wie “Back Stabbers”, “Love Train”” und “Stairway To Heaven” oder “Livin’ For The Weekend” einsangen. Schon Ende der 60er Jahre hatten Gamble&Huff erste Schritte in diese Richtung getan als sie 1969 “Only The Strong Survive” von Jerry Butler, zuvor zusammen mit Curtis Mayfield zentrale Stimme der “Impressions” aus Chicago, komponierten und produzierten.

Andere Top Acts des Philly Sounds waren das weibliche Gesangstrio “The Three Degrees” (“Maybe”, “Take Good Care Of Yourself”) und der in allen bis dahin gepflegten Formen der afro-amerikanischen Musik glänzende 2006 verstorbene Lou Rawls (“You’ll Never Find Another Love Like Mine”, “See You When I Get There”). In ähnlicher Weise arbeiteten Gamble & Huff auch für die britische Soulsängerin Dusty Springfield (“A Brand New Me”), für den Atlantic/Stax-Soulstar Wilson Pickett (“Don’t Let The Green Grass Fool You”) und für die Barjazz orientierte Nancy Wilson (“More Than A Woman”). In ihrem Stil schließlich bewegte sich auch der in doppelter Hinsicht schwergewichtige Bass-Crooner Barry White. Nach einem Payola-Skandal 1985, d.h. nach dem Vorwurf, dass Gamble an Radio-DJs Geld gezahlt habe, um seine Platten gespielt zu bekommen, wurden PIR zwei Jahre später liquidiert.

Der Philly Soul ist wohl der letzte bekannte Sound, der nach einem Ort oder einer Region benannt wurde. Man kannte zuvor regionale Bluesstile vom Mississippi Delta über Chicago, von den Swamps Louisianas hin nach Texas, nach Kansas City und der West Coast, man kannte Memphis als Zentrum des 60er Jahre Souls von Stax, Goldwax und Hi Records und Tamla-Motown in Detroit. Spätestens nach dem Sound von Gamble, Huff&Bell hat sich der regionale Bezug verflüchtigt. An seine Stelle ist eine Ausdifferenzierung in eine fast unbegrenzte Menge von Stilen und Unterstilen entstanden, die möglicherweise nicht selten nur Erfindungen interessierter Medien oder Werbefreaks, aber durch die Bank “allamerikanisch” sind. Möglicherweise ist es nicht zu weit hergeholt, wenn in Hinblick auf den “Philly Soul” daran erinnert wird, dass Philadelphia nicht nur eine derart langweilige – sieht man von der hohen Kriminalitätsrate einmal ab – Stadt gewesen zu sein scheint, dass der dort geborene berühme US-Komiker W.C. Fields, der sich über seine Heimatstadt zeitlebens lustig gemacht hatte, auf seinen Grabstein schreiben ließ “Ich läge lieber in Philadelphia”, sondern auch, dass sie eine stark durch Italo-Amerikaner geprägte Stadt ist oder zumindest war – und dass die Italo-Amerikaner nicht nur neben den Südstaaten-Rednecks die eminentesten Rock `n’ Roller der 50er Jahre waren, sondern eben auch ihr Vorliebe für den Wohlklang aus ihrer alten Heimat bewahrt haben – für den Rock `n’ Roll stehen hier beispielhaft New Yorks “Dion & The Belmonts”, für den Pop Philadelphias Conny Francis. Obwohl damals ungeachtet der erwähnten musikalischen Berührungspunkte Afro-Amerikaner und Italo-Amerikaner eher schlecht aufeinander zu sprechen waren, ist es vielleicht doch kein Zufall, dass diese Art von orchestralem Wohlklang ausgerechnet in Philadelphia in den Soul geraten ist.

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