Spindelringscheiben und Zedernmasken – Begegnungen mit der Kunst westkanadischer Ureinwohner

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© Foto: Rainer Hamberger
Mit der Zeit wachsen noch Lachs und Bär aus dem Holz. Viele Tiergestalten werden bei den Totempfählen eingearbeitet. Sie geben Auskunft über die Familie und ihre Zugehörigkeit. John ´s ethnische Gruppe, die Salish, sind an der Westküste Kanadas beheimatet. Im Native Heritage Center in Duncan auf Vancouver Island pflegen sie ihre alten Traditionen. Dabei werden auch junge Leute unter anderem in die Kunstfertigkeit des Schnitzens eingeführt. Eine langwierige Schulung die viel Geduld auf beiden Seiten erfordert.

Das leicht zu bearbeitende Holz des großen Lebensbaumes, der Zeder, welche an der Westküste weit verbreitet ist, wurde und wird heute wieder von talentierten Indianerhänden zu allerlei Gegenständen des täglichen Lebens verarbeitet. Staunend steht man in Vancouver im Museum of Anthropology vor wuchtigen Holzschüsseln, einst notwendig für die Zubereitung großer Teigmassen. Auch sie entstanden aus einem Stück Holz.

Am Anfang war das Zedernholz
Ein kurzer Abstecher vom Trans Canada Highway führt nach Duncan: City of Totems.  Mehr als 30 Totempfähle säumen die Straßen und im Museum erfährt man mehr über die Kunst der First Nations, wie sich die Indianer heutzutage nennen. Diese Pfähle stellten die Geschichte des Hauses und deren Bewohner dar anhand der verschiedenen Totem-Figuren, wie zum Beispiel Adler, Bär, Biber, Lachs oder Orca. Eine uralte Kultur konnte zum Glück in die Neuzeit hinübergerettet werden.
Petroglyphen (Felsritzungen), die an zahlreichen Stellen in British Columbia und Ontario gefunden wurden, weisen auf ein Alter von 5 000 Jahren hin. Die entlang der Westküste entdeckten Totempfähle und Totemsteine werden auf 500 Jahre datiert.

© Foto: Rainer HambergerMan nimmt an, dass bereits schon seit 5000 Jahren an der Küste Holzverarbeitung betrieben wurde. Seltsamerweise gelangten durch angeschwemmte europäische Schiffwracks Metallwerkzeuge zu den dort lebenden Haidas, welche die Bearbeitung der Holzstämme wesentlich erleichterten. James Cook erwähnte in seinem Logbuch geschnitzte und bemalte Innenpfosten von Häusern, die er bei seiner Expedition Ende des 18. Jahrhunderts im Nootka Sound und bei einem Halt auf Vancouver Island zu sehen bekam. Erst auf seiner letzten Reise 1778 hielt sein Schiffszeichner verzierte, frei stehende  Pfähle auf Papier fest. Man nimmt an, dass dies der bisher früheste Nachweis von Totempfählen ist.

Lange bevor Europäer den nordamerikanischen Raum erkundeten, wussten die dort ansässigen Indianer-Stämme das milde Klima und den Ressourcenreichtum der Küste zu schätzen. Im Vergleich zu ihren in der Prärie lebenden Stammesbrüdern welche mit dem gesamten Dorf auf der Suche nach Nahrung waren, begannen die Küsten-Bewohner feste Unterkünfte zu bauen. Nahrung lieferte  der Pazifik das ganze Jahr über. Wälder voller Wild, Beeren und andere Wildfrüchte ergänzten den Speiseplan. Die überdimensionalen Langhäuser beherbergten einst zahlreiche Familienmitglieder.

Was Touristen heute als Indianer-Kunst bewundern entstand ursprünglich aus Gebrauchsgegenständen des alltäglichen Lebens oder ritualen Handlungen. Soviel Mühe aufzuwenden für etwas das nicht den Alltag erleichterte, dafür hatte man weder Zeit noch Interesse. Außer die Tradition oder Rituale erforderten es, wie dies bei Totempfählen und Masken der Fall war. In zahlreichen Museen sind diese zu bestaunen. Sie wurden mit größter Sorgfalt und spezifischer Auswahl von Naturmaterialien gestaltet. Die oft furchterregenden Masken dienten während der Zeremonien und Tänze der mentalen Verbindung mit den Ahnen und übersinnlichen Mächten. Der Niedergang der indigenen Bevölkerung mit Ankunft der Weißen ist hinreichend bekannt. Damit geriet auch ihre Kunst in Vergessenheit. In den 50er Jahren entstand eine Bewegung welche den alten Handwerken wieder Beachtung schenkte und sie förderte. Neu eingerichtete Zentren vermittelten der nachkommenden Generation die Kunst ihrer Vorfahren. Über die Jahre entwickelte sich ein starkes Interesse der weißen Bevölkerung an Kunstwerken der Urbevölkerung. Liegt es am wachsenden Selbstbewusstsein der First Nations oder am schlechten Gewissen der Weißen? Oder, was man hoffen möchte, auf einem besseren Verständnis der unterschiedlichen Kulturen?

Wolljacken für Abenteurer und Adelshäuser
© Foto: Rainer HambergerNina ist in ihre Arbeit vertieft. Fast kann das Auge dem schnellen Spiel der Stricknadeln nicht folgen. In ihrem Schoß liegt das bereits fertige Teil der Jacke in braunen und beigen Farbtönen. Ein klar erkennbarer Adler prangt auf dem Rücken, eingestrickt mit dunklerer Wolle. Nina strahlt: „Soon I can finish the sweater.“ Bald ist die Jacke fertig. In welchem Teil der Erde sie mal getragen wird erfährt Nina wohl nicht.

Diese Kunst der First Nations ist weniger bekannt, obwohl sie eine wichtige Rolle im täglichen Leben spielte. Im Cowichan-Valley, südöstlich auf Vancouver Island, pflegt der gleichnamige Stamm schon lange die Tradition der Wollverarbeitung und des Strickens. Präsidenten und selbst Königin Elisabeth und ihre Familie wurden mit Jacken ausgestattet, gestrickt von der einheimischen Bevölkerung. Ursprünglich waren die aus dicker Wolle hergestellten Bekleidungsstücke wegen ihres Lanolin-Gehaltes Schutz für Fischer gegen das nasskalte Wetter der Küstenregion. Bevor Europäer die Gegend eroberten wurden Hunde- oder Ziegenhaare und andere Fasern zu Beinkleidern und Decken verarbeitet. Erst ab 1850 gab es Schafe auf Vancouver Island und damit eine wesentlich ergiebigere Wollquelle. Aus Walknochen und Holz formte man einfache Stricknadeln. Die Jacken wurden mit mehreren Nadeln in einem Stück gestrickt. Motive des indianischen Lebens flocht man in die Kleidungstücke mit ein. Vom Scheren der Schafe bis zur Herstellung der Wolle erfolgt auch heute noch jeder Arbeitsvorgang von Hand. 

Am Strand brennt ein Lagerfeuer. Geschickt wendet George das in Metallgittern eingespannte Lachsfleisch. Die Fische haben eine beachtliche Größe. Heute gibt es diese Spezialität zubereitet wie ursprünglich bei den Küstenindianern. 
Lange bevor europäische Forscher ihren Weg in den pazifischen Nordwesten Kanadas fanden, nannte man Cape Mudge auf Quadra Island, nur wenige Fährminuten von Campell River entfernt, „Tsa-Kwa-Luten“: in der Sprache der Laichwiltach Indianer ein Platz wo man zusammen kommt.

Die an dieser landschaftlich wunderschönen Lage erbaute Lodge wird von den First Nations betrieben. Sie ist eine der wenigen im authentischen Stil erbauten Unterkünfte am Pazifik, die in Architektur und Kultur auf den historischen Werten der Kwagiulth beruht.

Einen interessanten Überblick über das Leben und die Kunst der in Cape Mudge lebenden Indianer gibt dort das Nuyumbalees Cultural Centre. Es wurde nach Umbauarbeiten 2007 neu eröffnet. Einst entführte kulturelle Schätze wurden dorthin zurückgebracht und ausgestellt.
Ein Flughafen als Botschafter
© Foto: Rainer HambergerDer Blick vom Fenster aus dem Flugzeug ist faszinierend. Das braune Wasser des Fraser River schlängelt sich durch die Landschaft. Gebunden zu riesigen Flößen treiben Stämme auf dem Wasser. Vororte, geprägt von Reihenhäusern mit grünen Rasenflächen ordnen sich in kleine Quadrate. Dann die City mit Hochhäusern und dem auch aus der Luft klar erkennbaren Canada-Place mit seinem Segeln nachempfundenem Dach. Ein Geschenk des Staates an die Provinz British Columbia zur Expo 1986.

Sicher gelandet auf dem Vancouver Airport erwartet den Reisenden ein Flugplatz, welcher zu den schönsten Nordamerikas gehört. Dank einer viele Jahre fälligen Airport-Improvement-Fee, einer Gebühr die jeder Transatlantik-Reisende bezahlen musste, entstand ein architektonisches Meisterwerk. Große Fenster sorgen für natürliches Licht. Farben vom Meer, Land und Himmel dominieren die Inneneinrichtung. Die Fliesen im Graham Clarke Atrium symbolisieren Flüsse der Provinz. Das gleichmäßige Plätschern des künstlichen Wasserfalls schafft eine entspannte Atmosphäre. Holzschnitzereien der First Nations sind allgegenwärtig. Im internationalen Terminal begrüßen fast vier Meter hohe „Welcome Figures“ des indigenen Künstlers Joe David die Ankommenden. 

Die beiden aus gelber Zeder geschnitzten Figuren, eine männliche und eine weibliche standen ursprünglich am British Columbia Pavillion während der Expo 86 in Vancouver. Der Mann stellt eine Person von hohem Rang dar, erkennbar an dem traditionellen Hut, die Frau trägt einen gewöhnlichen hohen Hut. Beide sind mit einem schürzenähnlichen Kleidungsstück versehen, das aus der inneren Rinde einer Zeder gewoben wurde. Die erhobenen Hände symbolisieren den Willkommens-Gruß. 
„Here we are at last, a long way from Haida Gwaii, not too sure where we are or where we’re going, still squabbling and vying for position in the boat, but somehow managing to appear to be heading in some direction; at least the paddlers are together, and the man in the middle seems to have some vision of what is to come.“ Ganz treffend hat Bill Reid sein  außergewöhnliches Werk ein in Bronze gegossenes Kanu, ausgekleidet mit Jade, das sehr unterschiedliche Personen und Tiere irgendwohin bringt “The spirit of Haida Gwaii“, beschrieben. Man weiß noch nicht so genau wohin es geht und was einen da erwartet. So mag es auch manchen Reisenden gehen, der im Flugplatz staunend vor dieser Statue steht. Das in grünfarbiger Bronze gegossene typische „dug-out“ Kanu ist sechs Meter lang, nicht ganz vier Meter hoch und wiegt 5000 Kilogramm. 
© Foto: Rainer HambergerEin weiteres Kunstwerk weist auf eine alt überlieferte Fertigkeit der Salish Küsten-Indianer hin. In der Musqueam Welcome Area kann man neben zeitgenössischen Arbeiten dieser Völkergruppe auch die überdimensionale Spindelringscheibe einer Handspindel bewundern, entworfen von der bekannten Künstlerin  Susan A. Point, 1995.  Die Scheibe geschnitzt aus roter Zeder stellt traditionelle Vorstellungen vom Fliegen dar und hat einen Durchmesser von nahezu 5 Metern. Ein fliegender Adler und Lachs-Motive auf der Brust der Männer gibt Hinweis auf die an der Küste beheimateten Salish-Stämme.
Die Kunst des Webens ist eine uralte Tradition. Es heißt, schon seit über 10.000 Jahren verstanden sich die Vorfahren auf dieses Handwerk. Der Besitzer einer gewebten Decke hatte hohes Ansehen in der Gruppe. Um den Gästen bei einem Potlach Ehre zu erweisen verschnitt man Decken in kleine Stücke und verteilte sie unter den Gästen. Diese wertvollen Gaben wurden vom Beschenkten wiederum in größere Stücke mit eingewoben. Bevor die Küsten-Indianer Bekanntschaft mit den aus Wolle und Garn gewebten Decken der Hudson Bay Company Bekanntschaft machten, verwendeten sie sehr unterschiedliche Materialien fürs Weben. Hundehaare einer eigens dafür gezüchteten Rasse dienten viele Jahre als Grundmaterial. Die langen feinen Haare wurden wie bei einem Schaf geschoren. Dazu kamen Pflanzenteile von verblühten Blumen, Federn und Rinde, aber auch Wolle von Ziegen, die besonders wertvoll war. Aus diesem Gemisch entstanden Decken, Schals und Kleider. 
Der Tiefseehafen Prince Rupert auf dem Festland am Fuße des sich im Westen entlangziehenden  Küstengebirges ist im pazifischen Insellabyrinth ein Verkehrsknotenpunkt, wo 1908 der Endpunkt der Grand Trunk Railroad begann. Fähren aus Alaska und Haida Gwaii, einst Queen Charlotte Islands genannt, bringen zahlreiche Besucher in dieses Gebiet. Im Museum of Northern British Columbia ist nicht nur ein traditionelles Langhaus der Nordwest-Küsten-Indianer zu sehen sondern auch kunstvoll verzierte Holzmasken, die bei rituellen Tänzen getragen wurden. Folgt man dem Skeena River auf dem Yellowhead Highway in Richtung New Hazelton erreicht man nach ca. 4 Stunden Fahrt durch die eindrucksvolle Bergwelt im Norden British Columbiens die Gitksan-Siedlung ´Ksan. Dem Einsatz engagierter Mitglieder des Ältestenrates ist es zu verdanken, dass im Jahre 1970 mit dem Bau einer traditionellen Siedlung ihre bedrohte Kultur in die Gegenwart gerettet wurde. Heute herrscht reges Leben in den Langhäusern und Werkstätten. Es wird geschnitzt, getanzt, spannende Legenden verzaubern die Zuhörer. Besucht man diese lebendigen Plätze, wo es nach Holz und Feuer duftet, kann man sich dem Zauber dieser Urgerüche und Urtöne nicht entziehen. Auch kommt Zuversicht auf, dass Kunst und Tradition der First Nations in Zukunft trotz aller Widrigkeiten der modernen Zivilisation nicht ganz in Vergessenheit geraten.
Reisenformationen:

Reiseinformationen über Westkanada gibt es bei www.britishcolumbia.travel

Tsa Qua Luten Lodgde auf Quadra Island: www.capemudgeresort.bc.ca
Museum of Anthropology in Vancouver: http://moa.ubc.ca
Gitksan-Siedlung ´Ksan bei New Hazelton: www.ksan.org
Totempfähle in Duncan, Vancouver Island: http://duncan.ca/totems/index_totems.htm
Reisebeispiel: Auf eigene Faust lassen sich in einer Rundreise die wichtigsten Indianerkultstätten der Provinz erkunden, zum Beispiel bei CRD International mit der vorbereiteten Reise „Die Indianer der Westküste“; ab/bis Vancouver, 18-tägige Mietwagenreise pro Person im Doppelzimmer ab EUR 1.839,-. Hier können auch die Flüge gebucht werden.
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