Silvio Berlusconi warnt vor Migranten – Die soziale Zeitbombe tickt vor den Parlamentswahlen in Italien am 4. März 2018

0
559
Albergheria in Palermo auf Sizilien.
Elend in Italiens Hinterhof wie hier in Albergheria in Palermo auf Sizilien. © 2018, Foto: Claudio Michele Mancini

Rom, Italien (Weltexpress). Am 4. März wird in Italien gewählt und viele erwarten einen Erdrutsch. Es kann durchaus sein, dass das Ergebnis zur Ohrfeige für Europa wird. Wie von vielen Italienern befürchtet, von noch mehr Bürgern erwartet und von der überwiegenden Anzahl Einheimischer im Mezzogiorno, Sizilien aber auch in Mittelitalien erhofft: Silvio Berlusconi mischt im Wahlkampf ordentlich mit, auch ohne Amt. Gestern zeigte er sich auf dem berühmten Markt in Palermo, dem Ballarò. Dort wurde er gefeiert wie ein Heilsbringer, wie einen auferstandenen Erlöser.

Italien ist gespalten und wie es scheint, gibt es in Italien kein anderes Thema als die Flüchtlingskrise. Es dominiert die Gespräche auf den Straßen, in den Bars, Ristoranti und die Titelseiten der Presse. Der Tonfall im laufenden Wahlkampf hat sich dramatisch verändert, zumal Silvio Berlusconi die Finger in eine klaffende Wunde legt. Sizilien, die Hauptleidenden jener Entwicklung sind für seinen Slogan: Migranten sind eine soziale Zeitbombe“ besonders empfänglich.

Wer da glaubt, Berlusconis Bemerkungen seien rassistischer Natur, der darf unserem ehemaligen Bundeskanzler Schmidt (SPD) Gleiches unterstellen. In seiner Rede zur Ausländerpolitik am 04.02.1982, also vor genau 36 Jahren, tickte bei uns nach seinen Worten eine „soziale Zeitbombe“. Heute würde man hierzulande für diesen Hinweis von den Medien gesteinigt werden. Niemand sprach damals von einer Spaltung der Deutschen. Zwei Monate später setzte Schmidt in einer Debatte noch einen drauf, indem er massiv die Integrationsfähigkeit der Türken anzweifelte.

Die Gewalt in Macerata, bei der vor drei Wochen ein Italiener auf Menschen mit dunkler Haut geschossen und dabei sechs Einwanderer teils schwer verletzt hatte, kann man von sozialem Frieden nicht mehr reden. Spontan versprach Berlusconi, 600.000 Migranten abzuschieben, sollte seine Wahlallianz aus rechten Parteien an die Macht kommen. Das Bündnis, dem neben der konservativen „Forza Italia“ auch die rechtsextreme „Lega“ und die „Brüder Italiens“ angehören, konnte daraufhin in den Umfragen seinen Vorsprung leicht ausbauen.

Doch zurück zum Ballarò, der exemplarisch für die gesamte Region steht. Bunte Markisen überspannen den Markt und die Gassen wie Zeltdächer. Wie auf einem farbenfrohen Basar sind die Straßenzüge mit Ständen und Geschäften durchzogen, die schon Goethe einst auf seiner Reise nach Palermo beschrieben hatte. Hier im alten arabisch-jüdischen Viertel, zwischen arabischen Viertel Albergheria, der Piazza Carmine und der Piazza Ballarò drängen sich hunderte von Gemüseständen. Jeder Winkel, jede noch so kleine Nische, Kirchenportale, Ruinen, Treppenaufgänge und Hinterhöfe werden als Verkaufsplätze genutzt. Es gibt Astratto di pomodoro, wilden Fenchel, Rosinen, Pinoli, Chili und Olivenöl zu kaufen. Es gibt Stände, dort bereiten Händler frischen Polpo zu und servieren den Passanten den zubereiteten Tintenfisch mit Zitrone.

Doch nachts sollte sich dort niemand auf die Straße wagen. Wenn die Gemüse- und Fischverkäufer ihre Marktstände abgebaut haben, wird das Ballarò-Viertel zum Schauplatz krimineller Geschäfte. Drogen, Waffenhandel, Raubüberfälle und sogar Morde sind an der Tagesordnung. Markenfälschungen und Hehlerware werden hier en gros verkauft. Die sizilianische Mafia mischt dabei kräftig mit. Und wehe, es mischt sich einer der Fremden in ihre Geschäfte ein. Maghrebiner haben sich inzwischen zu gefährlichen Banden und Clans zusammengeschlossen und machen auch den normalen Palermitern das Leben schwer, zumal in den Häfen immer noch täglich mehr als 1.000 Menschen aus Afrika anlanden.

»Chi vive di speranza muore cantando«, so tönen die zynischen Refrains der Mafia – „wer voller Hoffnung lebt, stirbt singend.“ Denn in Palermo, Siracua, Agrigento oder Catania hofft niemand mehr. Niemand will hier noch etwas von Europa wissen, keiner hat für Frau Merkel etwas übrig und selbst der Bürgermeister kann der Entwicklung in seiner Stadt kaum etwas entgegensetzen. Silvio Berlusconi, Medienmogul und viermaliger Premierminister des Landes, darf zwar nach einer Verurteilung wegen Steuerhinterziehung nicht wieder kandidieren. Trotzdem blieb er der Vorsitzende der von ihm gegründeten Partei „Forza Italia“, für die er aktuell die Werbetrommel rührt. Und die Süditaliener setzen auf ihn, sie werden am 4. März Berlusconis Partei wählen, die „Forza Italia“.

Unter den Verkäufern des Ballarò-Marktes kommt Silvio Berlusconis Rückkehr und dessen Ankündigungen gut an. „Als Silvio an der Macht war, lief es besser“, so die einhellige Meinung auf der Straße. „Da gab es mehr Arbeit“, sagt einer der Verkäufer. „Berlusconi wird uns retten. Ich stimme sicher für ihn. Wer schon genug hat, der stiehlt weniger, wenn Sie verstehen, was ich meine.“

Anmerkungen:

Vorstehender Beitrag von Claudio Michele Mancini wurde unter dem Titel „Berlusconi warnt: Migranten, eine soziale Zeitbombe“ im „Scharfblick“ am 1. März 2018 erstveröffentlicht.

Anzeige