Sidi Bou Said: Das steinerne Märchen

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Cafe des Nattes

Rhythmisch abgestuft sind die einfachen Kuben der Häuser, ineinander geschachtelte weiße Wände, blau gestrichen die Türen, die Erker, die bauchig geschwungenen, schmiedeeisernen Fenstergitter… Alles ist Fläche, selten nur geht der Blick in die Tiefe, Helligkeit, offene Formen, Licht des Südens, kleine Blumengärten in den verwinkelten Gassen der Stadt, Vogelbauer an den Wänden der Häuser, in Sidi Bou Said stoßen Kulturen aufeinander: westlicher Chic und islamisches Gewand.

Hart umkämpft: das „Cafe des Nattes“. Die Kellner sind wahre Artisten. Schlangenmenschen gleich winden sie sich um die Leiber der Urlaubsfranzosen, der TUI-Deutschen, der Afrikatrip-Amerikaner. Hoch über dem Kopf, ein Balance-Akt, das Tablett mit Getränken. Cola, Fanta, Kaffee, besonders beliebt bei den Touristen: die Wasserpfeife. Wenigstens einmal nuckeln dürfen an diesem Requisit aus Tausend-und-einer-Nacht. „Ziehen, nicht pusten“, lacht der Kellner. Feiner, wassergekühlter Rauch steigt auf, streng riechend, herb, der Geist aus der Wasserpfeife gaukelt den Touristen ein Stückchen Orient vor. Natürlich kostet das Vergnügen, schlau sind die Tunesier, wer verdient schon mit Dampfablassen sein Geld!?

Kein Cafe ist in Tunesien so oft fotografiert und gemalt worden wie dieses. Auch die berühmten drei Freunde malten es 1914: Paul Klee, August Macke und Louis Moilliet. Die legendäre Tunesienreise des Maler-Trios ging in die Kunstgeschichte ein. Überwältigt schrieb Paul Klee in sein Tagebuch: „Den Kopf noch voll von den nächtlichen Eindrücken des gestrigen Abends. Kunst – Natur – Ich. Sofort ans Werk gegangen und im Araberviertel Aquarell gemalt. Die Synthese Städtebauarchitektur – Bildarchitektur in Angriff genommen. Noch nicht rein, aber reizvoll, etwas viel Reisestimmung und Reisebegeisterung dabei, eben das Ich. Das wird später schon noch sachlicher werden, wenn der schöne Rauch etwas verrauchen wird. Dann in den Souks etwas eingekauft. Macke lobt den Reiz des Geldausgebens. Dann eine Autofahrt in die Umgebung der Stadt gemacht. Heftiger Schirokko. Bewölkung, zarteste Bestimmtheit der Farben. Nicht wehtuend Helles wie zu Hause. Etwas Wüstenstimmung, bedrohlich…“

Alles ist im „Cafe des Nattes“ noch so, wie die drei Freunde es 1914 erlebten. Die lange Treppe, die zum Eingang führt, die beiden Balkone mit dem blauen Holzgeländer, Theaterlogen gleich blicken sie auf den Platz. Dahinter erhebt sich das Minarett der Moschee. Nur die lärmenden Touristen fehlten damals. Die Geldbringer. Mit Wohlgefallen blickt der Besitzer des Cafes auf sie herab. Auch der Jasminverkäufer lebt von ihnen. Jasmin ist die Nationalpflanze Tunesiens. Elegant hat er die Blüten in einem großen, flachen Korb arrangiert. Jede ist einzeln auf eine Piniennadel gezogen, zu einem Sträußchen gebunden, Jasmin, flüchtig wie der Duft einer Liebesnacht, so preist der Händler seine Ware an. Die Touristen greifen zu, das überzeugt sie. Vielleicht klappts ja doch noch mit der Nachbarin, wenn nicht heute, so dann morgen. Wie ein Hoffnungsträger wird der zarte Duft ins Knopfloch gesteckt, das Subjekt der Begierde kichert. Auch tunesische Männer schmücken sich mit Jasmin. „Er schmiegt sich wie eine romantische Haarlocke an ihre Wangen und verleiht ihrem Gesicht den Ausdruck wollüstiger Träumerei“, schrieb einer, der es wissen mußte: André Gide. 1896 verliebte er sich unsterblich in Sidi Bou Said.

Langsam verebbt der Trubel im „Cafe des Nattes“. Reisebus um Reisebus verläßt die Stadt, das nahe Tunis wartet mit nächtlichen Attraktionen. Ohne großes Zögern bricht die Dunkelheit herein. Sie verschluckt die Wärme des Tages, Sidi Bou Said, die weiße Stadt am Meer, atmet auf. Noch sind die Häuserwände sonnenwarm, es wird nur noch Minuten dauern, dann ist Pullover-Time. – Im „Cafe des Nattes“ gehen die Lichter an. Endlich wird Platz in der Theaterloge. Ich setze mich, der Ober kommt mit Thé í  la menthe. Heiß, bittersüß, Pinienkerne schwimmen im Sud. Gedankenverloren schaue ich auf die abendliche Stadt…

Info: Fremdenverkehrsamt Tunesien, 60329 Frankfurt/Main, Am Hauptbahnhof 6, Telefon: (069) 23 18 91/92; Fax: 23 21 68

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