„Road Dogs“ von Elmore Leonard auf dem ersten Platz – Die KrimiBestenliste von Arte und NordwestRadio für Februar 2011

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Eichborn in Frankfurt hatte aber ein subversiveres Gesicht entfaltet, neben der Komik und dem Schrägen, auch herrlichen Lexika und außerdem immer wieder wie mit den Grimmelshausen-Übertragungen, vor allem dem „Simplicissimus“ von Reinhard Kaiser, selbst Klassik im Ton von heute fortgeschrieben. Nach den fünfzig Mitarbeitern, die nun arbeitslos werden, wenn sie nicht nach Berlin wechseln können oder wollen, fragt keiner. Und auch keiner nach denen, die nicht mit Suhrkamp nach Berlin wechselten und bei Eichborn unterkamen. Zweimal hintereinander dieselbe Situation. Die Stadt Frankfurt muß sich im übrigen etwas einfallen lassen.

Beispielsweise einen Krimi, in dem die Buchbranche gerade durch einen Mord aufgerüttelt wird. Vorzugsweise spielt der im Umfeld der Buchmesse, also wieder in Frankfurt und es könnte nicht nur um den Rechteverkauf eines internationalen Bestsellers gehen, wo Millionen im Spiel sind, sondern auch um Verlagseinkäufe im Inland. Das wäre doch was und wir müssen nun gestehen, daß wir uns auch deshalb in Mordphantasien bewegen, weil wir den Krimi von Elmore Leonard noch nicht gelesen haben, was wir umgehend tun werden. Bisher wissen wir nur, daß es eine Gaunergeschichte um den Bankräuber Foley und den Dealer Cundo Rey sei und an den mit George Clooney verfilmten Roman „Out of Sight“ anschließt. Vom Leckerbissen wird auch gesprochen.

Dafür kennen wir die Zweit- und Drittplazierten sehr gut. Ken Bruen hat mit “London Boulevard” einen Klassiker geschrieben und man kann tatsächlich dem Suhrkamp Verlag nur gratulieren, wie stark seine immer noch neue Krimireihe eingeschlagen hat. Dieser Krimi aktuell auf Platz 2 und beim Jahresrückblick der KrimiBestenliste der besten Krimis 2010 kam “Tage der Toten“ von Don Winslow aus dem Suhrkamp Verlag auf Platz 1. Wie sehr wir Fan von Altmeister John de Carré sind mit seinem “Verräter wie wir” bei Ullstein, haben wir durch eine Einzelbesprechung nachgewiesen. Er bringt es zuwege, sowohl politische Fallstricke der Beteiligten wie auch ihre individuellen Versäumnisse ins rechte Licht zu rücken, dabei private Verhältnisse genauso mit zum Thema zu machen, wie die Unfähigkeit des englischen Geheimdienstes/Regierung sich an Abgesprochenes zu halten. Kein Fair Play mehr im Agentengeschäft. Von daher ist dieser Kriminalroman auch ein Abgesang an den ehrwürdigen Spionageroman, der von Gentlemännern betrieben wurde.

Bei den vier neuen Plazierungen steht Francisco González Ledesma mit „Gott wartet an der nächsten Ecke“, herausgekommen im Ehrenwirth Verlag auf Platz 8. Auch dies ist für uns überraschend und wir können nicht alle Neuerscheinungen lesen, sondern müssen uns auf die konzentrieren, denen wir eine besondere Chance zumessen. Der 1927 geborene Ledesma ist ja nun kein junger Spund, aber eine Neuentdeckung für uns. Sein Stil soll es sein, der elegant, witzig und aggressiv sein Markenzeichen ist.

Wir freuen uns auch für Martin Suter und genauso für den Verlag Diogenes, daß der neue Roman „Allmen und die Libellen“ es beim Anhieb auf die KrimiBestenliste geschafft hat. Suter ist nämlich ein mit allen Wassern gewaschener Autor, der den Lesern ein besonders lieber ist, also auch hohe Auflagen hat, aber den Literaturkritikern wohl zu süffig schreibt. Von „Allmen und die Libellen“ wissen wir bisher nur, daß dies der erste Roman einer geplanten Serie um einen Schweizer Dandy-Detektiv ist. Klingt doch gut. Platz 10 schließlich nimmt „Blutige Schuld“ von Michael Koryta ein. „Blutige Schuld“ spielt in den Wäldern des nördlichen Wisconsin.“ Ein junger Mann kämpft, will die Ehre seines Vaters wiederherstellen – unter unwissentlich falschen Voraussetzungen. Grundsolide, spannend.“, meint dazu die Krimijury. Wir wissen das nächste Mal mehr.

Lfd.

Nr.

Rang

Vor-monat

Titel

1

1

(-)

Elmore Leonard: Road Dogs

Aus dem Amerikanischen von Conny Lösch und Kirsten Risselmann

Eichborn, geb., 304 S., 19,95 €

Miami/Los Angeles: Im Knast von Miami waren Bankräuber Foley (George Clooney in Out of Sight) und Dealer Cundo Rey Kumpel: Road Dogs. Draußen in Los Angeles wird die Freundschaft getestet. Von den Umständen. Und von Cundos Frau. Wer überlebt? Der am schnellsten redet und denkt. Super.

2

2

(3)

Ken Bruen: London Boulevard

Aus dem Englischen von Conny Lösch

Suhrkamp, TB, 264 S., 8,95 €

London: Ex-Knacki Mitchell bekämpft sich, den Alkohol und Gangster Gant. Sein schlimmster Feind ist die Sentimentalität. Er kann nicht Nein sagen. Also sagt er Ja zum Leben, verliebt sich, beschläft eine Filmdiva und geht fast drauf. Ultra-Noir-Pastiche von „Boulevard der Dämmerung.“ Hart, schnell, intertextuell.

3

3

(1)

John le Carré: Verräter wie wir

Aus dem Englischen von Sabine Roth

Ullstein, geb., 416 S., 24,95 €

Antigua/London/Paris/Schweiz: Warum sollten Perry und Freundin Gail dem von Feinden umstellten russischen Bankier Dima nicht unter die Arme greifen? Le Carré als Altmeister der Verführung: tragische Verstrickungskomödie um zornige Geheimdienstler, Romantiker jeden Alters und Finanzkrisen-Amoral. Superb!

4

4

(2)

í…ke Edwardson: Der letzte Winter

Aus dem Schwedischen von Angelika Kutsch

Ullstein, geb., 512 S., 19,95 €

Göteborg/Nueva Andalucia: Ein toter Mann treibt an Kommissar Winters Strand, Männer wachen neben Leichen auf. Albträume, Mysterien. Winter und seine Leute: irritiert, versponnen, verstört, fixiert. Verweise führen in die Vergangenheit, Erklärungen erklären nichts. Sehr stark. Edwardson auf der Höhe seiner Kunst.

5

5

(10)

James Sallis: Dunkle Vergeltung

Aus dem Amerikanischen von Kathrin Bielfeldt und Jürgen Bürger

Heyne, TB, 238 S., 8,95 €

Im Hinterwald des US-Südens: Turner, Ex-Therapeut und Ex-Cop, jetzt Deputy, entdeckt im Kofferraum eines Rasers 200.000 Dollar Mafia-Geld. Darum geht es Sallis im zweiten Turner-Roman am Rande auch. Zwischen Jetzt und Erinnerungen begreift Turner: „Wir verstehen so wenig von allem.“ Sehr hart, sehr fein.

6

6

(5)

Tana French: Sterbenskalt

Aus dem Englischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann

Scherz, geb., 612 S., 16,95 €

Dublin: Vor 22 Jahren hat Rosie das Date mit Frank verpasst. Jetzt ist ihre Leiche aufgetaucht. Frank, inzwischen Detective, buddelt nach dem Mörder im Schlamm der Familie, die er damals verlassen hat. Alk, Prügel, Lügen, Angst – die irische Unterschichtscheiße. 90 Prozent Familienroman. Der Rest ist Krimi.

7

7

(8)

Kurt Bracharz: Der zweitbeste Koch

Haymon, geb., 180 S., 17,90 €

Wien: Gourmetkritiker Xaver Ypp vermisst den zweitbesten Koch der Welt. Wie es das Glück, zwischen Essay und Spitzenkimi schwankend, will: Ypp findet ihn nach etlichen gastronomisch-erotischen Abenteuern eingelocht im Käfig. Er wollte Pandas verkochen – und wenn die globalisierte Welt in Schnitzel fällt. Hmm!

8

8

(-)

Francisco González Ledesma: Gott wartet an der nächsten Ecke

Aus dem Spanischen von Sabine Giersberg

Ehrenwirth, geb., 416 S., 22,99 €

Barcelona/Madrid/Ägypten: „Eine miese, eine wunderschöne Geschichte“. Inspektor Méndez stolpert über eine Kinderleiche, verlässt Barcelonas Barrio Chino, ermittelt in Madrid und am Nil unter Blinden, Schwerreichen und Attentätern. Abgeklärtes Wunderstück aus dem Geist katalanischer Romantik.

9

9

(-)

Martin Suter: Allmen und die Libellen

Diogenes, geb., 208 S., 18,90 €

Bankstadt in der Schweiz: Gäbe es diese Existenzform noch, würde man den Hochstapler und Dandy Johann Friedrich von Allmen einen Wechselreiter nennen, obwohl er sogar dazu zu lethargisch wäre. Per Beischlafdiebstahl klaut er 5 Jugendstillibellen und hehlt sie der Polizei zurück. Ein PI für müde Snobs.

10

10

(-)

Michael Koryta: Blutige Schuld

Aus dem Amerikanischen von Thomas Bertram

Knaur, TB, 476 S., 9,99 €

Tomahawk, Wisconsin: Als Frank Temple III. erfährt, dass Gangster Devin nach Wisconsin kommt, heißt es: Nichts wie hin. Doch die geplante Rache für seinen Vater fällt anders aus als er gedacht hat. In der Wildnis der Wälder geraten Pläne ins Wanken. Schlichte, klare Sache: Männer, Frauen, Kampf. Rau und direkt.

Die „Bestenliste“ wird im Hörfunk immer am letzten Wochenende des Monats vorgestellt, aber diesmal am 29.1.2011 gegen 8.40 Uhr live mit Tobias Gohlis im NordwestRadio.

Das Beste vom Besten: Immerhin erscheinen übers Jahr verteilt über 800 Kriminalromane auf Deutsch. An jedem letzten Samstag im Monat geben Literaturkritiker und Krimispezialisten aus Deutschland, Österreich und der Schweiz die Kriminalromane bekannt, die ihnen am besten gefallen haben. Sie halten nach dem literarisch interessanten, thematisch ausgefallenen, besonderen Kriminalroman Ausschau. Die besten Zehn werden mit Bibliographie und Kurzbeschreibung hier veröffentlicht.

Die Jury hat sich verändert und setzt sich zusammen aus:

Tobias Gohlis, Hamburg, Kolumnist DIE ZEIT, Moderator und Jury-Sprecher der KrimiWelt VolkerAlbers, Hamburg, Hamburger Abendblatt, Herausgeber „Schwarze Hefte“
Andreas Ammer, Berg, „Druckfrisch“, Dlf, BR
Sven Boedecker, Zürich, Sonntagszeitung
Fritz Göttler, München, Süddeutsche Zeitung
Michaela Grom, Heidelberg, SWR
Lore Kleinert, Bremen, Radio Bremen
Thomas Klingenmaier, Stuttgart, Stuttgarter Zeitung
Ekkehard Knörer, Berlin, Perlentaucher, Crime Corner
Kolja Mensing, Berlin, Tagesspiegel
Ulrich Noller, Köln, Deutsche Welle, WDR
Jan Christian Schmidt, Berlin, Kaliber 38
Margarete v. Schwarzkopf, Köln, NDR
Ingeborg Sperl, Wien, Der Standard
Sylvia Staude, Frankfurt/M., Frankfurter Rundschau

Jochen Vogt, Literaturwissenschaftler
Hendrik Werner, Bremen, DIE WELT
Thomas Wörtche, Berlin, Kolumnist Freitag, Plärrer

In der Jury der KrimiWelt-Bestenliste hat es einige Veränderungen gegeben: Kathrin Fischer und Jochen Schmidt sind ausgeschieden. Neu hinzugekommen ist Jochen Vogt, einer der wenigen akademischen Literaturwissenschaftler, der den Kriminalroman schon vor Jahrzehnten erforscht hat.

Alle weiteren plazierten Krimis entnehmen Sie bitte den Krimi-Besprechungen in den vormonatlichen Artikeln, die Sie unter Kultur. Bücher oder unter dem Autorennamen im Archiv finden. Dreimal darf ein Buch einen Platz bekommen, dann scheidet es aus und hat nur noch die Chance, in der Jahresbestenliste wieder aufzutauchen, die diesmal Ende Januar herauskam.

Unter www.arte.tv/krimiwelt finden Sie die Bestenliste mit Kurzrezensionen der Juroren, Kommentaren des Jurysprechers („What’s New?“) und weiteren Informationen zu Büchern und Autoren („Krimiautoren A-Z

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