Richard Wagners „Der fliegende Holländer“ kreuzt in den österreichischen Bergen – Serie: Tiroler Festspiele Erl 2010 mit und von Gustav Kuhn (Teil 1/3)

Oskar Hillebrandt als "Holländer" in Tirol.

Die Premiere des Holländers, der nicht durchgespielt wurde, sondern dessen drei Aufzüge sogar zwei Pausen hatten, wurde frenetisch gefeiert und insgesamt konnte das Publikum eine spannende, hochdramatische, gut gesungene, vom Chor (Chorakademie der Tiroler Festspiele unter Marco Medved, unterstützt von der Capella Minsk) sogar  hinreißend gebrachte, zudem hervorragend musizierte Aufführung (Orchester der Tiroler Festspiele) mit einer ausgesprochen intelligente Inszenierung (Dramaturgie: Andreas Leisner) sehen. Das ging schon mit dem spärlichen und völlig ausreichenden Bühnenbild (Walter Schütze)  los, das eines der Geheimnisse von Erl ist,  denn wir sind im Passionsspielhaus in Erl, also nicht auf einer herkömmlichen Opernbühne, wo alle sechs Jahre die 1613 gelobte Passion wiedergegeben wird, und wo Gustav Kuhn seit 1998 in den Zwischenjahren die Erler, heute die Tiroler Festspiele Erl veranstaltet.

Im hinteren Bereich der Bühne steht gestaffelt das Orchester und vorne sind beidseitig zwei Stufen postiert, die ein Gelände mit Seil tragen, wobei wir sofort an eine Reeling denken. Die linke Seite ist dem Schiff und der Mannschaft des norwegischen Kapitäns Daland (Liang Li) eigen, der infolge eines Sturms eine Bucht angesteuert hat. Mit Schutzanzügen, Rucksack und Hallo strömen die zwanzig Mannen ins Freie, froh dem Unheil entronnen zu sein, und gehen anschließend brav wieder ins Schiffinnere, während der Steuermann (Andreas Schager) die Wacht hält. Allerdings legt er sich dazu hin, singt diese berückende, in jedem zweiten Wunschkonzert geforderte Melodie vom Südwind und seinem Mädel und schläft vor lauter Glück und Entspannung ein.

Diese zärtliche, lieblich Musik ändert sich jäh, wenn der Auftritt des Holländers bevorsteht und diese starke inszenatorische Idee mit dem roten Segel, für das das Schiff des Holländers bekannt ist, die Bühne verdeckt und gleichzeitig alles in ein rotes Licht taucht. Der Holländer (Oskar Hillebrandt) taucht auf und erzählt singend seine Geschichte, die ihm alle sieben Jahre des Umherirrens auf dem Meer an Land erneut die Chance gibt, durch die Treue einer Jungfrau von seinem Fluch erlöst zu werden. Die Szene spielt wie das bisherige im Heute, denn auch der auftauchende Daland ist zeitgenössisch gekleidet und geht gerne auf die Bitte des Holländers ein, ihm gegen fürstliches Geschmeide eine Nacht zu beherbergen, und fühlt sich angesichts der Reichtümer des Holländers geehrt, als dieser bei der Erwähnung dessen Tochter Senta gleich um deren Hand anhält.

Im zweiten Aufzug ist aus der Spinnstube eine Nähstube geworden, wo siebzehn Frauen auf Nähmaschinen gleich das graue Segeltuch festzurren werden. Ihr Auftritt lässt an die Carmen denken, wenn die andalusischen Arbeiterinnen der Zigarettenfabrik Pause machen, so aufreizend, kokett und provozierend betreten die Näherinnen ihren Arbeitraum, dass Beifall aufbrandet. Zumindest das Publikum hat potentiell renitente Frauen lieber als die Opferlämmer. Die Frauen stecken in einem türkisfarbigen Arbeitskittel, sind aber trotz Uniformierung so unterschiedliche Frauentypen, dass man diese Differenzierungen richtig genießt (Kostüme: Lenka Radecky). Da erscheint Senta (Anna-Katharina Behnke) und bittet die Vorarbeiterin Mary (Ekaterina Sergeeva) um die Ballade vom fliegenden Holländer, dessen Bild auf dem Schreibpult am Boden steht.

Doch diese mag nicht, weshalb Senta selbst loslegt und sich so in der Geschichte verliert, dass sie die Frau sein möchte, die den Holländer von seinem Fluch durch ihre Treue erlöst. Was wiederum Erik (Luis Chapa) stört, der des Weges kommt, aber trotz seines aufgebracht dagegen Singens Senta nicht umstimmen kann, fürderhin für den Holländer einzustehen. Gerade in dieser Szene besteht eine außerordentliche Übereinstimmung zwischen der Musik und der Körpersprache der Senta und der Arbeiterinnen, die aufspringen, wenn die Spannung kaum mehr auszuhalten ist. Das fällt um so mehr auf, als man sich als Zuschauer hier die Gedanken machen muß, wie es Dirigent Kuhn, der ja sonst aus dem Orchestergraben heraus die Bühne im Blick hat, hier mit dem Rücken zum Geschehen gelingt, dennoch die Einsätze perfekt hinzubekommen.

Da kehrt Vater Daland zurück, kündigt den Holländer an, der auf der linken Seite im Gehrock auftaucht und starr die rechts stehende Senta anschaut, die genauso zurückstarrt. Geht es um Liebe? Das ist eines der Rätsel dieser Oper. Denn eigentlich steckt hinter der romantischen Schwärmerei der jungfräulichen Senta für den fluchbeladenen Holländer nicht ein persönliches Gefühl oder auch jetzt Verliebtsein, sondern ein Weltverbesserungsgedanke, der durch ihre Treue diesem Mann Erlösung verspricht, genauso wie in den Blicken des Holländers nicht ein aufkeimendes Gefühl Platz greift, sondern seine Hoffnung auf Erlösung. Dieser Erwartung genügt Senta, indem sie ihm diese Treue verspricht.

Im dritten Aufzug, der erneut die Schiffsreeling zeigt, feiert nun die Besatzung mit ihren Seebräuten die Heimkehr auf der Bühnenlinken, aber auf des Holländers Schiff auf der Rechten rumort es nur und schwarze vermummte Gestalten verbreiten Angst und Schrecken. Da tritt Senta auf, mit offenem blonden Haar und im hellen Seidenanzug schön anzusehen, was die Schmach des Erik vertieft, der sie an ihre ihm einst versprochene Verbindung mahnt. Dies nun hört der herannahende Holländer, hält sich für verraten und will Senta von ihrem Treueschwur befreien, damit er wieder hinaus aufs Meer muß, sie aber an Land weiterleben darf. Senta aber wirft sich ihm in die Arme, in denen sie stirbt, als sie ihren Treueschwur erneuert. Der musikalische Abschluß ist eine ferne Ankündigung an die letzten Töne der Götterdämmerung, die Wagner Jahrzehnte später komponiert.

Wir haben also von einer rundherum gelungenen Inszenierung mit hervorragendem Chor und Orchester zu sprechen, bei der uns nur – es muß einfach heraus – die Rollenbesetzung Probleme bereitete. Der Daland des Liang Li, nicht immer textverständlich, brachte dennoch Schwung und Zuversicht auf die Bühne, darstellerisch und sängerisch eine Augenweide. Auch Senta war eine solche, sie sah erst in den schwarzen Hosen und brav zusammengebundenem Haar und dann im weißen Seidenanzug wie eine vollendete Dame aus. Allerdings ist Senta in dieser Oper ein schwärmerisches Mädchen, was von der Darstellung und auch dem Kostüm her konterkariert wurde. Gerade in den lyrischen Partien, ganz leise und verhalten, entfaltete Anna-Katharina Behnke außerordentlichen Wohlklang. Aber ihre Mittellage kam nur dünn herüber und die hohen Töne waren sehr forciert. Stemmen musste auch der mexikanische Tenor Luis Chapa als Erik, der auch darstellerisch einfach dastand, was auch der Holländer zur Hauptbeschäftigung machte, der seine Partie statisch gab, in der Darstellung genauso wie im Gesang.

So hatten wir also zwei widersprüchliche Eindrücke. Eine außerordentlich gelungene Gesamtensembleleistung und spritzige Inszenierung, die nur zu empfehlen ist, und Defizite in der Art und Weise, wie die handelnden Hauptpersonen unser Herz, unser Auge und unser Ohr rührten. Gustav Kuhn hat mit diesem Holländer den Anfang gesetzt, die drei sogenannten frühen romantischen Opern von Richard Wagner hintereinander aufzuführen, die alle drei mit dem persönlichen Lebensweg Wagners mehr zu tun haben, als seine anderen Kompositionen. Im nächsten Jahr wird Tannhäuser folgen und 2012 mit dem Lohengrin dieser Zyklus beendet sein, der szenisch und darstellerisch eine Einheit bilden soll.

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Folgevorstellungen sind am 23. Juli und 1. August.

P.S.: Die Aufführungen der Tiroler Festspiele Erl sind sämtlich auf CD erschienen. www.col-legno.com

Gustav Kuhn verantwortet nun vom 17. bis 26. September 2010 auch noch die Festspiele in Toblach/Dobbiaco, wo Gustav Mahler sein letztes Komponierhäusl hatte und die 9. Symphonie sowie Das Lied von der Erde verfasste, die jedes Jahr diese Festspiele einleiten und ausläuten. www.festspiele-suedtirol.it