Preußisch-Stralsund und der Finowkanal – Ein kleiner uckermärkischer Wasserlauf schreibt große Geschichte

Onkel Peter mit Bootsführer Peter Snaschel am Anleger vor der Ragöser Schleuse. © 2020, Foto/BU: Dr. Peer Schmidt-Walther

Berlin, Deutschland (Weltexpress). Jeder, der über die A 11 nach Berlin fährt oder von dort kommt, braust über ihn hinweg. Für einen kurzen Augenblick blitzt er aus der Tiefe herauf: der von dichtem Wald eingefasste Finowkanal.

Auch wenn die Ostseeküste zwei Autostunden von hier entfernt liegt, hat dieser „Graben“ einiges mit Stralsund zu tun – wenn man mal in der Geschichte zurück blättert. 1814: Schweden wollte seine pommersche Provinz an Dänemark übergeben. Doch Preußen wollte seine Ansprüche nicht aufgeben, zumal seine Truppen die französische Armee aus dem Land gefegt hatten. So wurden die in den schwedischen Regimentern dienenden preußischen Soldaten schließlich auf den Preußen-König Friedrich-Wilhelm III. vereidigt und Stralsund zur Festung erklärt. Die Stadt am Strelasund musste aber auch gegen Feinde von See verteidigt werden.

Beschauliche Kanal-Fahrt durch die Naturidylle. © 2020, Foto/BU: Dr. Peer Schmidt-Walther

Also wurden sechs schwedische Kanonierschaluppen gekauft, um eine eigene preußische Marine aufzubauen. Der heimischen Schiffbaumeister J. J. Meyer wurde schließlich mit einem Neubau beauftragt. Bereits 1817 kam der Kriegsschoner „Stralsund“ in Fahrt und bewies auf der Ostsee seine Seetauglichkeit. Zusammen mit Haff- und Flusskanonenbooten entstand so eine kleine Flotte. Doch als 1848 die Dänen den Sund blockierten, wurden Stralsunder und Rüganer wütend. Sie organisierten eine Spendensammlung für den Kriegsschiffbau. Das Kanonenboot Nr. 1 „Strela-Sund“ war das erste, das dann mit dem neuen Marine-Depot und weiteren Schiffen auf dem Dänholm stationiert wurde. Die Preußische Marine war geboren. Deren Admiräle saßen in Berlin und Potsdam, von wo aus auch die Küstenstandorte wie Stralsund oder Danzig mit Waffen, Munition und Verpflegung versorgt wurden. Natürlich über den Hohenzollernkanal, wie er mal hieß. Der verband letztendlich das Zentrum des Reichs über Warthe, Netze, Weichsel und Nogat sogar mit dem fernen Königsberg. Die Wege über Land waren damals äußerst beschwerlich – und gefährlich. Straßenräuber-Banden lauerten in jedem Wald. Der Wassertransport hingegen war wegen fehlender Schleusen, Niedrigwasser und Untiefen auch nicht das Gelbe vom Ei, aber sicherer, preiswerter und unter günstigen Bedingungen schneller. Es konnten auch größere Mengen von der Havel über die Oder an die Ostsee geschafft werden. Man denke nur an schwere Kanonen, Munition und Materialnachschub. Zwischen der Marinebasis Stralsund und dem Zentrum Preußens fand so ein reger Austausch statt, zumal sich in Eberswalde Schwerindustrie entwickelte. Die brauchte Rohstoffe und lieferte Fertigprodukte. Der Wasserweg bot sich als kostengünstiger Weg zwischen Potsdam, Berlin, Stettin und Stralsund geradezu an.

Das Boot gleitet in eine Schleusenkammer hinein. © 2020, Foto/BU: Dr. Peer Schmidt-Walther

Die Abfahrt „Finowfurt“ und ein paar Altarme deuten darauf hin, dass hier vor vielen hundert Jahren das gleichnamige Flüsschen zu Fuß durchquert werden musste, wo heute eine vierspurige Brücke das Gewässer überspannt. Zwei Kilometer weiter noch ein Wasserlauf, aber breiter und gerade. „Oder-Havel-Kanal“ zeigt ein Schild an. Der Großschifffahrtsweg verläuft 54 Kilometer von der Havel südlich Oranienburg bis zur Alten Oder bei Niederfinow und ist die 1914 eröffnete moderne Version. Sein kleinerer Bruder misst zwar nur 42 Kilometer, ist aber dafür schon unglaubliche 400 Jahre alt. Damit bekam er das Prädikat „älteste noch schiffbare Wasserstraße Deutschlands“. Gebuddelt wurde per Hand seit 1603, bis ihn 1620 das erste Schiff in ganzer Länge passierte. Heute sind es überwiegend Sportboote, für die kein Führerschein vorgeschrieben ist. Freie Fahrt seit 20. April zwischen Schwerin und Niederfinow. Wenn nicht unter Motor, dann aber umso stiller per (Leih-) Kanu.

Zwei Kanuten geniessen die Kanalstille. © 2020, Foto/BU: Dr. Peer Schmidt-Walther

1540 gab es schon erste Gedanken zum Kanalbau. Nach dem Dreißigjährigen Krieg war´s vorbei mit der Kanal-Euphorie: alles lag danieder. Erst als die Bürger auf eine Revitalisierung drängten, gingen 1767 auf Anordnung von Friedrich II., dem Großen, die Arbeiten weiter. Als die dazu verpflichteten Bauern immer wieder wegliefen auf ihre Felder, setzte der „Alte Fritz“ kurzerhand Soldaten ein.

Festgemacht in einer der 13 Finowkanal-Schleusen. © 2020, Foto/BU: Dr. Peer Schmidt-Walther

„Zu dieser Zeit begann der Finowkanal aufzublühen“, berichtet Professor Hartmut Ginnow-Merkert, Vorsitzender des Fördervereins „Unser Finowkanal e.V., während einer Fahrt mit dem kleinen Boot „Onkel Peter“. Bis zu 20.000 Schiffe jährlich fuhren von der preußischen Hauptstadt Berlin über die Havel bis zur Oder und weiter nach Stettin. Und alle mussten sich durch das Nadelöhr quälen mit seinen zwölf (heute 13) Schleusen, noch mit Handkurbel-Betrieb, um den Höhenunterschied von 36 Metern zwischen Barnim-Plateau und Oder im eiszeitlichen Thorn-Eberswalder Urstromtal zu überwinden. Das erledigt bis heute das alte Schiffshebewerk Niederfinow von 1934. Demnächst soll der Neubau in Betrieb gehen: für bis zu 110 Meter lange Schiffe. Auf dem Finowkanal sind wegen der Schleusen nur 35 Meter Länge und fünf Meter Breite erlaubt. Der „Finow-Maßkahn“ hatte hier 1845 seine Premiere und war damit das erste standardisierte Binnenschiff. Der Antrieb war vielfältig: von Menschenhand oder Pferden auf speziellen Pfaden neben dem Kanal getreidelt, zur Unterstützung vielleicht noch ein Hilfssegel; sogar eine Oberleitung überspannte den Kanal, die kleinen Elektro-Lokomotiven den Strom lieferten. Später erst wurden Dieselmotoren eingebaut. Die Stadt Eberswalde profitierte vom rasanten Fortschritt und entwickelte sich zu einem Zentrum der Schwerindustrie mit Eisen- und Stahlherstellung. „Märkisches Wuppertal“ wurde sie bald genannt. Mit einem entsprechenden Warenumschlag. Selbst Stralsund als Schiffbaustandort wurde angelaufen. Der 1960 in Boizenburg gebaute DDR-Oldtimer-Binnenfrachter „Dömitz“ aus Anklam macht hin und wieder im Stralsunder Südhafen fest. Seine Reisen können lang sein: vom Sund bis zum Niederrhein. Und ein Stück auf der alten-neuen Finowkanal-Trasse entlang. Die Fahrt mit „Onkel Peter“, benannt nach seinem Kapitän Peter Snaschel, einem Fischermeister, ist mit vier Stunden wesentlich kürzer und kostet weniger: nur Fünf Euro pro Person und Stunde. Dafür bekommt man nicht nur eine prächtige Natur-Idylle, sondern auch Industrie- und Architekturgeschichte samt Schleusenwärter-Originale wie Stefan Diebetz geboten. Zuletzt mit dem Gefühl, eine ganz besondere Wasserstraße erschnuppert zu haben.

Professor Hartmut Ginnow-Merkert Vereinsvorsitzender von Unser Finowkanal e.V. © 2020, Foto/BU: Dr. Peer Schmidt-Walther

Infos:

Prof. Hartmut Ginnow-Merkert, Vorsitzender Unser Finowkanal e.V., E-Mail: info@unser-finowkanal.de

Übernachtung: in Chorin, OT Sandkrug direkt am Großen Heiligensee (herrlicher Rundweg): Seehotel Mühlenhaus: www.seehotel-muehlenhaus.de