Parallelwelten und Frauenmangel – Serie: Internationales Symposium zur Frankfurter Buchmesse 2009 „China und die Welt. Wahrnehmung und Wirklichkeit“ (Teil 4/4)

Eine gewisse Absurdität war der Veranstaltung nicht abzusprechen. Da wurden auf dem Podium in der ersten Sitzung des Sonntagvormittags unter der Thematik „Industrialisierung und gesellschaftlicher Wandel“ unter der Moderation des Journalisten Oliver Jungen und Huang Ping vom Institut für Amerika-Studien, Chinesische Akademie für Sozialwissenschaften, ausgerechnet von der deutschen Autorin und Journalistin Susanne Messmer die lebenspraktischsten Beispiele für die pausenlosen und rasanten Veränderungen Chinas aufgeführt: „Wenn man drei Wochen weg war aus Peking, findet man beim Heimkommen am Bahnhof meist seinen Heimweg nicht mehr. Weil soviel Neues entstanden ist, soviel gebaut wurde“ und fügte hinzu: „Wir leiden an den Schwierigkeiten, das System China zu verstehen“

Li Qiang von der Akademie für Sozialwissenschaften, brachte witzige Beispiele über die Mischung von Imitation und Innovation, indem die Chinesen zwar westliche Produkte aufgriffen, die aber technisch so intelligent aufrüsteten, daß diese neuen Produkte besser würden als die Originale und sprach damit die wundersame Fähigkeit der Chinesen an, einen blühenden Markt zu gestalten, wo man ihn nicht vermutet. Auf dem Podium, zu dem noch Carsten Herrmann-Pillath von der Frankfurt School of Finance and Management gehörte, herrschte Einigkeit über die Schattenseite der überbordenden Konsumsucht: die nicht hinnehmbare weitere Belastung der Umwelt. Dazu wurden katastrophale Zahlen über die Verschmutzung von Flüssen und sonstigem genannt, wenn man Nachhaltigkeit thematisiert.

Weitere Fragen, auch aus dem Publikum, galten: „Wie ist es mit der Veränderung der gesellschaftlichen Struktur Chinas, Veränderungen der Identität? Dem galten Antworten wie: China verändert sich pausenlos, heute gibt es die plötzlich Reichen, die Neureichen, es gibt eine große Immigrationsbewegungen innerhalb des Landes, die soziale Mobilität wurde noch gesteigert, Ende der 90 war die Mobilität geringer; am Anfang der Reformen konnte ein Armer reich werden. Heute eher nicht.

Wenn in einer Gesellschaft die Ordnung sich so plötzlich und gravierend verändert und damals einer sagte: „Ich werde jetzt Immobilienhai!“, dann war das möglich, was heute nicht mehr gilt. Für die Zukunft erwarte man, daß die heutige zahlenmäßig kleine Mittelklasse diejenige sei, die zukünftig groß wird. Angesprochen wurde die extreme Wasserknappheit in Peking wie die Probleme in ganz China, für 7 Millionen Einwohner in Peking wäre Wasser vorhanden, aber es strömen mehr in die Stadt. Israel habe vorgemacht, wie man Wasser leitet, aber in China bleibe das ein großes Problem. Ein weiteres sei, daß die rund 700 000 Dörfer, die China aufweist, für statistische Erhebungen kaum zu durchforsten seien. Statistische Erhebungen werden alle zehn Jahre in China durchgeführt, aber schon mit der Erhebung habe sich die Situation fließend weiter verändert.

Deutsche Unternehmer seien sehr zufrieden in China, Stichwort: Siemens und die Mittelschichten, im Vergleich mit Japan ist dort der Markt sehr viel schwieriger als in China. Einer aus dem Publikum wollte Herrmann-Pillath nur darauf hinweisen, daß unsere Informationen über China geringer seien, als das Wissen Chinas, die sich sehr informierten. Andererseits sei es sehr schwierig in China zweisprachiges hochqualifiziertes Personal zu bekommen. Die Diskussionsleitung machte für diese Sitzung eine gute Stimmung fest mit dem Hinweis, die Geschichte habe eine lange Kontinuität. In China bestünde sie schon ununterbrochen 3 000 Jahre.

Herbert Wiesner, Geschäftsführer des P.E.N.-Deutschland, leitete die abschließende Sitzung, in der es nun endlich um Literatur ging, – bei einem Buchmessenauftakt des Gastlandes durchaus zu erwarten, – mit einer beliebten Wertung deutscher Literatur ein, diese sei zu unpolitisch, stelle sich nicht den Themen der Zeit und sei nicht weltoffen und wollte von den Mitdiskutanten wissen, wie es um die chinesische Literatur bestellt sei. Mitmoderator Kuan Yu Chien, Schritsteller und Hochschullehrer an der Universität Hamburg überließ Mo Yan das Feld, der auch in Deutschland durch seine Bücher bekannt ist und dessen Verfilmung des Roten Kornfelds auf der Berlinale in Berlin einst den Goldenen Bären erhielt. Auch er sprach aus: „Nach zwei Tagen endlich Literatur.“ Dann brachte er eine dermaßen absurde Geschichte, von seiner Krankheit und seiner Frau, die ihn vor allem deshalb nach Deutschland schickte, einen Dampftopf erwerben, was ihm gelang. Die wichtige Aufgabe seines Aufenthaltes sei damit erledigt. Es hätten aber einige Medien den anwesenden Chinesen einen schwarzen Topf aufgeladen, so ist die chinesische Redensart, wenn man eine zu schwere und zu schwierige Bürde tragen muß.

In seiner launigen Ansprache, in der man als Deutsche das Symbolische und die Metaphern aus seinen Worten mehr ahnte, als wirklich verstand, taugt doch der Dampftopf für vieles, sprach Mo Yan auch von sich und seiner Provinz: „Wir sind Machos, von den anderen Provinzen verachtet, meine Frau hat mir gesagt, was ich machen soll, denn sie will ja nur das Beste für mich.“ Galt der ständige Hinweis auf seine Frau dem Westen: „ Kann von meiner Frau lernen. SMS. Ich habe alles erledigt. Kauf noch einen Dampftopf.“. Fühlt sich der gemeine Chinese von den Anforderungen des Westens überfordert, indem von ihm so viele Schritte auf einmal gefordert werden? „Sind schwer diese Töpfe.“, habe er sich gedacht und seiner Frau vorgelogen: „ Kriege ich nicht durch den Zoll.“ Das war eine Notlüge. Die Deutschen müßten nun aber keine Angst haben, daß die Chinesen nun alle Dampftöpfe hierzulande aufkaufen“, was aus dem Publikum ergänzt wurde mit: „Die sind sowieso alle aus China importiert.

Dann ging es um Literatur. Gute Literatur müsse sich über Landesgrenzen hinwegsetzen. Literatur gehört den Menschen, allen Menschen. „Gothe und Hoffmannsthal, Böll und Grass und Martin Walser, Siegfried Lenz, das habe ich alles gelesen, alles von ihnen, das sind Werke, die sich mit allgemeinen Werten beschäftigen“, fuhr Mo Yan fort. „Sie erzählen deutsche Geschichten, das typisch Deutsche, aber auch allgemein Menschliches. Es ist deutsche Literatur und Weltliteratur“. In China seien seit dem 2. Weltkrieg solche Werke nicht verbreitet gewesen. In den 80 Jahren gab es Veränderungen in der Literaturszene und sehr große Fortschritt in der Literatur Chinas. Heute konstatiere man: „Wir haben viel vom Westen gelernt, aber wir wollen es nicht einfach kopieren, so wie am Anfange der 80er Jahre. Einfache Imitation ist eine Sackgasse. Du bist der chinesische Günter Grass, ist sinnlos und blöd. Wir müssen das finden, was unsere Werke eigenständig in der Weltliteratur macht und müssen gleichzeitig unsere eigenen chinesischen Spezifika haben. Einzigartig in ihrer Welt. Die klassische chinesische Literatur hatte das, wir müssen unseren Weg finden.“ endete er seinen humoristisch angehauchten Beitrag, voll von geradezu philosophischer Weisheit, in der es um Töpfe ging. Zum Schluß kam aus dem Publikum der entscheidende Hinweis: „Dampftöpfe kann man in Serie herstellen, Literatur nicht.“

Der deutsche Autor Tilman Spengler verwunderte sich über eine Kollegin, die sich nicht mehr einkriegte, weshalb ihr verboten wurde, einen roten interessanten Ballon zu filmen, weil dieser über dem Eingang zum einem Militärbereich hing. „Schon wieder eine Verletzung von Menschenrechten“, meinte diese, was Spengler sich nicht mehr so dauernd anhören kann. „Der Anlaß ist mir zu wichtig und wir müssen uns die Umstände, die einzelnen Verletzungen genau anschauen. Die Waffe der Geschichte, die ihre eigene Logik hat, ist das einzige für uns Schriftsteller, wo wir uns retten können.“ Dann befrug er die anwesenden Chinesen:“Warum ist der Chinese gelb?“, was hermeneutisch überaus wichtig sei, denn der Chinese sei noch nicht sehr lange gelb. Als 1508 Kaiser Maximilian I. nach Lissabon kam und fragte, wie sehen denn Chinesen aus?, hörte er: „Weiß wie Porzellan und sie haben gute Manieren“, was er zurück in Wien verbreite, weshalb im 16. Jahrhundert und auch noch im 17. der Chinese ein Weißer war. „Nur nach Linée aus der Systematisierung der Botanik nach Aristoteles heraus, sind Sie Gelbe geworden.“

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Spengler fragte angesichts der geforderten Offenheit und Kommunikationsfähigkeit nach allen Seiten: „Wie verhindern wir, daß wir uns immer ähnlicher werden. Wie bewahren wir die kulturell hochwertige differenzierte Literatur, die sich immer ähnlicher wird?“ Er hält nichts von den Urteilen, die sich glauben anmaßen zu können, global abfällig zu reden, auch vom wiederkehrenden Wilhelmismus, was er nicht goutiere.

Der nächste auf dem Podium, Lu Jiande von der Chinesischen Akademie für Sozialwissenschaft ging kurz auf Tilmann Spengler ein, daß Literatur eine Pluralität ausdrücken müssen. „Ich bin Leser und nicht Autor, ich liebe die Literatur und am gestrigen Tag war hier Literatur marginalisiert. Zwei deutsche Experten haben gerade Spezifika von China angesprochen, was sehr interessant war, die aber in unseren, den chinesischen Medien überhaupt nicht vorkommen.“ und wunderte sich, welche Vielfalt China hat, ohne sie zu kennen, wahrzunehmen oder gar zu reflektieren. Werbung sei ein Thema, das zeigt, daß die Kinder und Jugendlichen diese nachahmen. „Alte Leute machen Theater, tanzen nach der Rente, das ist mir alles neu, wir stehen vor einer riesigen Herausforderung, was China angeht. Als Leser weiß ich, daß nichts so gut die Lebenswirklichkeit von Menschen in China darstellt wie die Literatur. Und das heißt, ohne Scheuklappen, ohne political correctness sich alles anzuschauen. Die Literatur ist kein guter Freund der Demagogen, sie hat einen anderen Tiefblick.“ Weltliteratur sei von Goethe abgeleitet – was während des Symposiums immer wieder gesagt wird, was wir doch eher Herder zueignen – , aber er, Lu Jiande, finde Goethe einen ausgesprochenen Skeptiker mit der literarischen Figur des Faust gegenüber den Idealen, gegenüber der Französischen: Revolution Freiheit, Gleichheit Brüderlichkeit. Goethe war antidemokratisch, in einer Gesellschaft, die sich nur mit sich beschäftigt, hat er Kritik angemeldet, das sei interessant. Da gibt Goethe viele Anregungen, wir sind nie am Ende und brauchen die neuen Augen, die uns die Literatur verleiht.

Als Letzter kommt Xu Xing, 1956 geboren und für uns der interessanteste chinesische Kopf, wie er sagt, mit kurzem prägnantem Ende: „ Will zuhören, rede nicht gut, bin etwas verwirrt, weiß auch nicht, was ich sagen soll.“ Am meisten stört ihn der Eurozentrismus: „Der Westen kreist um sich. Von China und den Westen und den entwickelten Westen haben wir geredet, aber nicht von China und die Welt.“ Das stimmt!! „Nicht Afrika, nicht Asien.“, fährt er fort. Er reise viel und hatte dem Westen gegenüber eine indifferente Haltung, die aus der Schwierigkeit des Eurozentrismus herrührt, wozu er was geschrieben hat. „Ich erfahre den Westen als jemanden, der sich zum Maß der Dinge macht. Sich selbst als starke Kultur sieht und mit dieser Haltung wird alles betrachtet. Was ist Dein Chinesischsein?“, wurde er befragt und antwortete: „ Ich esse mit Stäbchen.“ Dies allein bleibt, denn: Ich habe moderne westliche Möbel, ich habe moderne Kleidung, alles westliche Sachen, und diese westliche Kultur, wie ich es erlebe, ist im Unterbewußtsein der Europäer drinnen, bei Chinesen ist es inzwischen auch so.

„Als ich ein Jahr in den USA war, fragte ein Reporter, der noch nie in China war: ’Du bist aus China hierher gekommen, hast du das Gefühl, daß Du im Garten Eden angekommen bist?` Ich war perplex und erwiderte: ’Ej, komm Du doch erst mal nach China, dann beantworte ich Dir, ob hier das Paradies ist`.“ Für ihn, XU Xing gäbe es kein Paradies auf Erden, das nebenbei gesagt. „In China lebe ich in einer schlechten Wohnung, dunkel, feucht seit 30 Jahren, aber den Freunden gefällt es.“ Er wendet sich gegen den vorgebrachten Vergleich, mit dem Europa Geduld gegenüber China von Europäern gelehrt werde, mit dem am Vortage vorgebrachten Beispiel, das für ihn typischer Eurozentrismus sei, als nämlich ein Gutmeinender und für ihn Unverschämter sagte: Von der Magna Charta 1225 aus habe es auch 800 Jahre gedauert, bis in England der Frauenwahlrecht eingeführt worden sei. Das sei eine Frechheit, das heutige China mit dem hiesigen Mittelalter zu vergleichen. Eurozentrismus eben. Der gierige Kapitalismus sei nach China gekommen, ohne zu warten, habe sofort alles ausgepreßt und dicke verdient.

Daran schloß sich eine lebhafte Fragerunde mit dem Publikum an, die jedoch – wie oben erwähnt – durch den Moderator Herbert Wiesner mit dem Argument, „Die Zeit ist abgelaufen. Wir müssen hier raus.“, jäh unterbrochen wurde und auch verhinderte, daß die den chinesischen Autoren gestellte Fragen, wie die nach dem immer noch ohne Anklage inhaftierten ehemaligen P.E.N.-Präsidenten Liu Xiaobo noch beantwortet wurden.

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Das komplette Programm der Frankfurter Buchmesse 2009 auf www.buchmesse.de/veranstaltungskalender

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