
Berlin, BRD (Weltexpress). Papst Leo XIV. hat den Heiligen Franz von Assisi zum 800. Todestag als Vorbild der Liebe und des Friedens gewürdigt. Wie „Vatikan News“ berichtete, betonte er, dass das Erbe des heiligen Franziskus bis heute reiche Frucht bringt und dass seine vielen Anhänger in verschiedenen Ordensgemeinschaften das feiern und die Gaben seines geistlichen Erbes im Volk Gottes verbreiten. Er erinnerte an dessen bleibende Bedeutung für die Kirche, die darin bestehe, dass er die Kirche durch seinen Glauben an Christus und durch gelebte geschwisterliche Liebe wieder aufgebaut habe.
Um welches Erbe geht es?
Franz von Assisi wird zu den großen Kirchentheoretikern gezählt. Bereits zwei Jahre nach seinem Tod am 3. Oktober 1226 wurde er Heilig gesprochen. Schauen wir uns an, welche Kirche er aufbaute, welches Erbe für die Gegenwart bewahrt werden soll.
Franz von Assisi war der Begründer des Ordens der Franziskaner, der sich binnen weniger Jahre in ganz Europa ausbreitete und gegen Ende des 13. Jahrhunderts in verschiedenen Ländern Europas über 1000 Klöster zählte. 1230 gründete er im Herrschaftsgebiet der
Deutschordensritter eine Niederlassung in Riga. Er trug die Christianisierung/Eroberung der Ostgebiete durch den Deutschen Ritterorden, die unter dem Motto „Taufe oder Tod“ erfolgte, mit. Während die Deutschritter ihre Herrschaft mit dem „Schwert“ durchsetzten, bestand die Aufgabe der Franziskaner darin, die Macht der Feudalherrscher und des Papstes zu sichern, indem sie „den Volksmassen Demut, Ergebenheit und Leidensliebe“ predigten. Franz von Assis lehrte, dass der Mensch sich zu seinem Körper verhalten solle wie zu einem Esel und ihn deshalb „einem strengen Joch unterwerfen, häufig peitschen und mit schlechter Speise nähren müsse“. Der Mensch müsse so dahin gebracht werden, „alle Leiden und Kränkungen, und Ungerechtigkeiten und Demütigungen mit Geduld und Gleichmut zu ertragen“. Eine andere Aufgabe war, „keine Kritik an der offiziellen Kirche und ihrer Hierarchie“ zuzulassen, sondern im Gegenteil auf jede Weise die Loyalität „gegenüber dem päpstlichen Stuhl“ zu sichern. 1 Das führte zwangsläufig dazu, dass die Franziskaner neben den Dominikanern 2 sich ab der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts vor allem in Italien, Frankreich und dem Heiligen Römischen Reich auch an der Verurteilung von Häretikern im Rahmen der Inquisition beteiligten. 3 Aber der Orden nahm „nicht nur an der Unterdrückung „fremder häretischer Bewegungen teil, sondern sah sich gezwungen, auch den Aufruhr in den eigenen Reihen zu unterdrücken. Das geschah, wie gewöhnlich in solchen Fällen, mit größter Grausamkeit“. 4
Auch wenn in den letzten Jahrzehnten Autoren versuchten, der katholischen Kirche ein gemäßigteres, menschlicheres und weniger legendenhaftes Bild von der Person des Franziskus zu vermitteln, steht dem entgegen, dass Franz von Assis von Leo XIV. in einem „Vatikan News“ gegebenen Interview zu den Lehren der Kirche sagte, sie werde „so bleiben, wie sie ist“, womit er bekräftigte, auch an denen Franz von Assisis, als eines maßgeblichen reaktionären Kirchenlehrer des Mittelalters, anzuknüpfen.
Als er auf einer Messe am 3. November 2025 der verstorbenen Kardinäle und Bischöfe der Kuriengeschichte gedachte, die „neue, österliche Hoffnung gelebt, bezeugt und gelehrt“ haben, gehörte Franz von Assisis dazu und er stellte ihn an die Spitze. Und da er auch seinen Vorgänger Franziskus hier einreihte, lieferte er wieder einmal ein Beispiel seiner Sicht auf die Einheit der Kirche, die er als „Papst der Einheit“ zu verkörpern vorgibt.
Der Kirchenhistoriker Volker Leppin 5 kritisierte zum 1. Jahrestag von Papst Leo XIV. , dass „der Heilige Franziskus – Franz von Assisi – in Italien instrumentalisiert wird“. „Domradio“ gab am 9. Mai die „FAZ“ wieder, in der er in einem Beitrag sagte, die aktuelle Franziskus-Verehrung sei „eine politische Instrumentalisierung des Heiligen von Assisi“. Ministerpräsidentin Giorgia Meloni mache den Heiligen zur Identifikationsfigur italienischer Einheit. Die Einführung des 4. Oktober als offizieller Feiertag sei „ein Baustein in Giorgia Melonis Versuch, das Land hinter sich zu einen“. Leppin ziehe dabei „eine direkte historische Linie zum italienischen Faschismus und verweise darauf, dass Meloni an Benito Mussolini anknüpfe, der den Franziskaner zu dessen 700. Todestag als nationale Ikone neben Dante, Kolumbus und Leonardo da Vinci inszeniert hatte. Auch die Ernennung des Franziskus zum Nationalpatron Italiens 1939 sei vom Druck der Faschisten begleitet gewesen. Lepin beschreibt das Franziskusbild der Gegenwart als vielfach überformte Figur. Der Heilige erscheine heute als Friedensapostel, Umweltfreund und freundlicher Tierliebhaber. Historisch sei das Bild jedoch deutlich widersprüchlicher. Der Franziskaner habe seinen Mitmenschen „mit aller Wucht Gottes Drohungen“ entgegenschleudert. Heute umfasse die franziskanische Familie weltweit rund 650.000 Mitglieder in Laienbewegungen, Bruderschaften und klösterlichen Gemeinschaften. „Domradio“ erinnerte daran, dass Giorgia Melonis rechtsradikale Partei Fratelli d’Italia (FdI), sich auf diese Massen bei ihrer Wiederwahl 2027 stützen will.
Anmerkungen:
1 J. R. Grigulevic: Ketzer – Hexen Inquisitoren, Bd. 1, Berlin/DDR 1980, S. 96ff.
2 Der römisch-katholische Orden der Dominikaner, auch Predigerorden, wurde im frühen 13. Jahrhundert von Dominikus gegründet. 1231 übertrug Papst Gregor IX. den Dominikanern die Leitung der 1183 zur Ketzerverfolgung geschaffenen Inquisition. Zu den prominentesten Opfern der Inquisition in Italien gehörte der Philosoph der Renaissance und Denker des aufsteigenden Bürgertums Giordano Bruno, der am 17. Februar 1600 auf dem Campo di Fiori, dem Platz der Blumen, in Rom, dem Feuertod ausgeliefert wurde. Galileo Galilei, der glänzende Verteidiger der kopernikanischen Lehre, entging diesem Schicksal nur, weil er 1633 diesem Weltbild abschwor. Die restlichen neun Jahre seines Lebens verbrachte er im Gefängnis, in dem er 1642 erblindet verstarb.
3 Karlheinz Deschner; Kriminalgeschichte des Christentums, Bad. 7, Hamburg 2002, S. 331.
4 Grigulevic, S. 98.
5 Leppin war von 2019 bis 2021 Dekan der Evangelisch-Theologischen Fakultät in Tübingen. Seit 2006 ist er Mitglied der Sächsischen Akademie der Wissenschaften, seit 2012 Mitglied der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, seit 2022 Mitglied der European Academy of Sciences and Arts. Von 2008 bis 2021 war er außerdem Wissenschaftlicher Leiter des Ökumenischen Arbeitskreises evangelischer und katholischer Theologen (ÖAK).
Anzeige:
Reisen aller Art, aber nicht von der Stange, sondern maßgeschneidert und mit Persönlichkeiten – auch kulturelle und kulinarische Reisen durch die Republik Italien –, bietet Retroreisen an. Bei Retroreisen wird kein Etikettenschwindel betrieben, sondern die Begriffe Sustainability, Fair Travel und Slow Food werden großgeschrieben.







