„Otto IV. – Traum vom welfischen Kaisertum“ im Braunschweigischen Landesmuseum – Von der Helle des Mittelalters zeugen zwei eindrucksvolle Ausstellungen in Braunschweig und Magdeburg, die beide das Stichdatum 1209 tragen, Teil II/III

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Gedächtnistafel Heinrichs des Löwen, Ottos IV. und ihrer Gemahlinnen

Wenn wir unsere Normalbürgerexistenz in ein kaiserlichen „Wir“ kleiden, hat das nur damit zu tun, daß auch Kaiser Menschen waren, weshalb sie in mittelalterlicher Auffassung auch zwei Körper hatten, den unvergänglichen des Kaisers und den sterblichen des Rollenträgers Mensch. Eigentlich hatte der Kaiser immer Recht. Aber als Handelnde der Geschichte waren auch Kaiser gesellschaftlichen Mächten ausgesetzt, die sie zu Handlungen zwangen oder sie zwangen, diese zu unterlassen. Was solche Geschichtsausstellungen, die uns ja das Leben und die Strukturen einer vergangenen Zeit vorführen, die ihre Triebe bis in unser Jahrhundert treiben, was also solche Ausstellungen so wertvoll macht, ist, daß wir – wissenschaftlich auf den Schultern von Riesen sitzend – mit deren Erkenntnissen einfach weiter blicken, auch weiter zurückblicken können, als alle anderen Generationen zuvor. Hinzu kommt, daß die modernen Möglichkeiten des Kunsttransports, solche Ausstellungen nicht auf papierene und pergamentene Dokumente beschränken, sondern was an Kunstgegenständen oder Überbleibseln der damaligen Wirklichkeit noch transportfähig ist, nach Braunschweig geholt wurde, so daß auch ein sinnliches Erleben der Zeit von vor 800 Jahren versucht werden kann.

Wie zum Beispiel der tolle Aufgang zur Ausstellung, wo mit einem roten Vorhang die imperiale Geste inszeniert wird, hinter der dann Otto IV. als 3. Sohn Heinrich des Löwen – der bekannteste Welfe und Herzog von Sachsen und Gegenspieler des siegreichen Friedrich I. Barbarossa, mit dem er um den Kaiserthron stritt, die wichtigste Fehde im Mittelalter und in der Kunst des 19. Jahrhunderts als Wiederaufguß deutscher Fürstenherrlichkeit auf viele Bilder und Fresken gebannt – und seiner Frau Mathilde 1175/76 zum Vorschein kommt. Man braucht sie einfach, die Familienstammbäume, weil da kreuz und quer geheiratet wurde, auch länderübergreifend, denn eine geschickte Heiratspolitik war die Voraussetzung, Macht zu vermehren und zu sichern. Mit den Plantagnenets und damit mit Richard Löwenherz und den englischen und französischen Königen verwandt, mit den Staufern, den Saliern, ja selbst den Karolingern verwandt, am wenigsten allerdings mit den Welfen selbst. Denn die waren 1055 in der männlichen Linie ausgestorben. Auch eine der Überraschungen, die solche Geschichtstafeln bereit halten, die hier in sehr ansprechender Weise über mehrere Räume ausgebreitet das Durcheinander auf den Herrscherthronen zeigen und mit Ausstellungsstücken wie Evangeliaren und auch deren Faksimiles sowie Bildnissen angereichert sind, die dem gedanklichen Verfolgen immer auch noch die ästhetische Dimension hinzugeben.

Blut war ein ganz besonderer Saft und natürlich hatten die Stammbäume die Herrschaft zu sichern, was die hinreißende „Historia Welforum und Stammbaum der Welfen aus dem Kloster Weingarten“ von 1185/1191 auf Pergament und in Buchmalerei und kolorierter Federzeichnung als tatsächlich erste Herrschergeschichte schriftlich festgehalten hat und mit Welf I., einem Zeitgenossen Karl des Großen beginnt. Dann geht es treppauf, treppab durch teilweise winzige Kemenaten, alle in einem leuchtenden Rot gehalten, die auch die wohnliche Enge des Mittelalters zeigen, aber auch den Besucher wach halten, weil er nicht mit Großem übertölpelt wird, sondern durch stetige Veränderung der Ausstellungsarchitektur die Aufmerksamkeit wachgehalten wird. Zu diesem Konzept gehört auch, daß nun archäologische Funde präsentiert werden und aus den Grablegen uns die Krone der Kaiserin Richenza und der Reichsapfel Kaiser Lothars III. bleischwer anstarren und in der „Narratio de Electione Lotharii“, wohl nach 1150, das Durcheinander bei der Wahl des deutschen Königs, die Voraussetzung für die römische Königs- und Kaiserkrone, zum allerersten Mal schriftlich festgehalten wurde. In dieser Handschrift ist zu lesen, wie der Staufer, der Babenberger und der Sachse Lothar dem Wahlgremium als König vorgeschlagen waren, Lothars Mannen aber handstreichartig die Königsausrufung vornahmen. Ob das als Augenzeugenbericht gesichert ist? Auf jeden Fall wird so die Darstellung als angebliche Wahrheit’abgesichert`.

Zeit, sich um Otto IV. zu kümmern. Kurzfassung: Vater Heinrich der Löwe, der Friedrich Barbarossa den Thron streitig machen wollte, mußte – in Ungnade gefallen – ins Exil, ging nach England, wo Otto Lieblingsneffe des Richard Löwenherz wurde und für den englischen Thron vorgesehen war, was schief ging. Dafür aber wurde er 1198 zum deutschen König gewählt. Allerdings gab es mit dem Staufer Philipp von Schwaben schon einen. Zehn Jahre lang wiederholte sich der Machtkampf Welfen gegen Staufer, den Philipp gewonnen hätte, hätte ihn nicht kurz zuvor ein Wittelbacher ermordet. Feine Sitten. Aber Otto IV. war nun der einzige Gewählte und wurde 1209 in Rom von Papst Innozenz III zum Kaiser des Heiligen Römischen Reiches gekrönt. Aber Otto meinte es ernst mit Italien, was dem Papst als Einbruch in sein Herrschaftsgebiet nicht gefiel, Otto wurde 1211 exkommuniziert, gleich 1212 führten die Reichsfürsten eine neue Königswahl durch, die auf den Staufer Friedrich II, einem Neffen des ermordeten Philip von Schwaben fiel, und erneut gab es Zwietracht und Kämpfe, die mit der Niederlage Ottos endeten, der sich 1215 in seine braunschweigischen Stammlande zurückzog und schon 1218 starb.

Erwähnen wir kurz die bedeutendsten Ausstellungsstücke. Aus der Wiener Antikensammlung kommt der Ptolemäer-Kameo, den Otto einst für den Kölner Dreikönigsschrein gestiftet hatte. Es gibt das Originaltestament und den Kaisermantel, der genauso imponierend ist wie die Tatsache, daß er sich erhalten hat. Es gibt Kirchenschätze, illuminierte Handschriften und Reliquienbehälter, kostbar und schön, die es schon für sich, ganz ohne Interesse an Geschichte, lohnend machen, nach Braunschweig zu kommen. Wir aber haben an dieser Ausstellung noch etwas ganz anderes genossen. Es wird eine kluge Aufbereitung der Zeit um 1200 vorgenommen, in der anhand von Zeugnissen wie Texten, aber auch Schleudern, Küchengeräten, Schließen, Türgriffen, Schmuck, Kämmen, Zimmermanns- und Steinmetzwerkzeugen und ihren Produkten das Alltagsleben auf solch einer Burg erfahrbar gemacht. Das ist das eine.

Das andere ist, daß viele kluge Texte die gesellschaftlichen Verhältnisse und ihre Veränderungen erklären. Wie war das mit den sieben Reichsfürsten und der goldenen Bulle von 1356? Was war mit Aachen und dann Frankfurt als Wahl- und Krönungsort? Und warum sind hier die doch nachweislich echten, weil von Otto benutzten Reichsinsignien wie Krone, Apfel, Schwert und Heilige Lanze als Nachbildungen? Nein, nicht aus versicherungstechnischen Gründen und der Tatsache, daß die Österreicher nie wieder diese Reichskleinodien nach Deutschland geben, sondern weil tatsächlich schon Otto mit den Nachahmungen leben mußte, da Philip die Originale nicht hergegeben hatte, was ein schwerer Legitimitäseinbruch für die Königs/Kaiserwürde Ottos bedeutete. Ein besonderes Lob für die Ausführungen zur Magna Charta 1215 und 1225 in England erlassen und im Zusammenhang mit der Niederlage der Engländer in Frankreich zu verstehen, was ja auch Otto schwer tangierte und ein Machtverlust für den englischen König im eigenen Land bedeutete. Uns wurden diese Freiheitsrecht noch als Weihegeste der ’demokratisch` gesinnten Könige verkauft. Erfolgreiche Erpressung durch den Adel waren diese Rechte, gegenüber einem schwach gewordenem König, der seine Macht teilen mußte, wollte er diese behalten. In Schüben setzte sich das fort und die Rechte der besitzenden Klasse wurden unaufhörlich weiter ausgebaut und haben im englischen Bürgerkrieg zwischen Krone und Parlament letztendlich zur konstitutionellen Monarchie Englands geführt, während in Mitteleuropa die Kaiser- und Königshäuser abdanken mußten. Es gibt also auch viel für heute zu lernen. Wann man besser teilt und noch manches mehr.

Es gibt ein reichhaltiges Begleitprogramm und die Ausstellungsorte sind auf den Dom St. Blasii und die mittelalterliche Burg Dankwarderobe mit ihren zeitgenössischen Fresken ausgedehnt, was man dringend mitmachen sollte, weil es wesentliche Ergänzungen der im Landesmuseum so geschichtlich fundierten und mit Kostbarkeiten angereicherten Ausstellung sind, die man auf dem Weg nach Magdeburg oder von dort und notfalls auch allein nur in Braunschweig sich dringend anschauen sollte. Danach ist man einfach klüger und ein bißchen froh, nicht 1209 sondern 2009 zu leben und nimmt sich vor, ein noch wacherer Staatsbürger zu werden.

Info:

Ausstellung: bis 8. November, „Otto IV.- Traum von welfischen Kaisertum, Braunschweigisches Landesmuseum, Dom St. Blasii, Burg Dankwarderode

Katalog: Otto IV, – Traum vom welfischen Kaisertum, Michael Imhof Verlag 2009. Ein schöner Katalog! Handlich und aufschlußreich. Neben der Darstellung des Lebens Ottos, wird die Familiengeschichte ausgebreitet, seine Politik kommentiert und vor allem ausführlich die Kultur im Umfeld Ottos gewürdigt, was die Ebstorfer Weltkarte miteinschließt und viele Schätze, die hier nicht erwähnt wurden. Diese kann man mit Beschreibung und ihrer Provenienz im Katalogteil auf über 200 Seiten studieren. Na gut, schwer ist der Katalog schon, aber schwergewichtig auch!

Ausstellung: bis 6. Dezember 2009, „Aufbruch in die Gotik. 1209. Der Magdeburger Dom und die späte Stauferzeit“, Kulturhistorisches Museum Magdeburg

Katalog: Aufbruch in die Gotik. Der Magdeburger Dom und die späte Stauferzeit, Band I Essays, Band II Katalog, Verlag Philipp von Zabern 2009

Internet: www.ottoIV.de, www.braunschweig.de/otto, www.gotik2009.de

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