Ohrenbetäubende Trauer – Eine süditalienische Banda im Kammermusiksaal der Philharmonie

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In seiner Konzertreihe »Unterwegs – Weltmusik« präsentiert Willemsen in dieser Spielzeit Musik aus dem Mittelmeerraum. Man konnte in der Reihe zum Beispiel die Weisen und Gesänge der Tuareg kennenlernen, die in der Sahara- und Sahelzone zahlreich als Nomaden den Weidegründen ihrer Herden nachziehen. Ihre Musik ist still, verhalten, nachdenklich. Ihre Lebensweise und Kultur werden noch immer vom französischen Imperialismus unterdrückt. Ganz im Gegensatz zur Musik der Nomaden steht die Musik der Trauerrituale in Süditalien, die Willemsen vergangene Woche im Kammermusiksaal vorstellte.

Es ist dies die Musik einer Region – Apulien. Dort werden sowohl die Prozessionen in der Karwoche als auch Leichenzüge von Blaskapellen begleitet, genannt Bandas. Ihre Spielweise ist streng reglementiert. Da die Religion in der Karwoche Settimana Santa Musik und Glockenklang verbietet, darf die Banda im Rhythmus des Schreitens 50 Schläge in der Minute spielen. Sie darf nicht schnell sein, aber laut – schließlich muß ja die Klage um den Toten (Jesus oder der Verstorbene) möglichst exzessiv sein. Je mehr die Klage durch Mark und Bein geht, desto überzeugender die Suggestion des Glaubens. Eine ähnliche Funktion haben in Apulien die Klageweiber. Gegen Bezahlung klagen sie steinerweichend. Wer noch nicht traurig ist, muß es werden.

Willemsen brachte die Banda di Ruvo di Puglia mit, eine in der Gegend berühmte Formation. Auf der Bühne des Kammermusiksaals drängten sich 42 schwarz gekleidete Männer mit Pauken und Trompeten. Allein vier Tuben machten die Wände wackeln. Wo, außer im Konzertsaal, findet man noch eine so große Formation gereifter Männer? Halb Laien, halb Profis, überzeugen sie mit dem Ernst ihrer Musik. Ihre Trauermärsche sind mal dramatisch, mal romantisch. Längen liegen in der Natur der Sache – die Prozession hat Zeit, der Weg ist lang. Hinzu gesellten sich die Sängerinnen des Quartetto Vocale Faraualla mit Klagegesängen oder Liedern der Heilerinnen aus vorchristlicher Zeit, die in der Suite »Madonna nera« von Pino Minafra schnell ausbrechen in Blues, Tarantella und Free Jazz.

Die Bandas, die in Apulien berühmt und verwurzelt, aber über ganz Italien verbreitet sind, verkörpern einen eigenartigen Widerspruch. Entsprungen dem revolutionären Geist der Französischen Revolution, entwickelten sie sich in Italien zu Mitgestaltern der nationalen Einigungsbewegung. Sie sammelten um sich das Volk auf Strassen und Plätzen und erfüllten zugleich eine kulturrevolutionäre Mission, indem sie Opernmusik, Sinfonien und Sonaten aus den Opernhäusern und Konzertsälen für alle gratis auf die freien Plätze holten, ähnlich den »Harmoniemusiken«, wie sie unlängst von der Orchesterakademie der Berliner Philharmoniker sehr lehrreich vorgestellt wurden. Die Bandas wurden ob ihres rebellischen Geistes im 19. Jahrhundert vom Papst bekämpft und verboten. Heute nun dienen sie der Kirche und sind für ihre Prozessionen unentbehrlich – stets auf dem Grat zwischen echt empfundenem Glauben und Pflichtübung.

Das mag für Riten und Musik vieler urwüchsiger Kulturen zutreffen. Volkskultur ist es allemal und Pflege verdient es allemal. Die Bandas erfüllen zugleich eine soziale Funktion, denn sie sind die populären (vielleicht einzigen) Musikschulen ihrer Region. Ihre Mitglieder spielen ihr Leben lang mit und verschaffen der Musikkultur in ihrer Person öffentliches Ansehen. Dies ist ebenfalls zu beobachten in den Folklorefestivals in Mähren und in der Slowakei.

Die Reihe »Unterwegs« liefert einprägsame Beweise, welche Vielfalt an Musik und Musikerlebnis es außerhalb der Tempel der Hochkultur gibt. Multikulturalität, Internationalität, gegenseitiges Durchdringen der Kulturen sind ein Thema, das über das Kennenlernen der Kulturen hinausgeht. Zum Nachdenken aber regt auch die »Weltmusik« mit Roger Willemsen an.

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