Nicht tot zu kriegen – die Berliner Symphoniker starten mit vollem Abonnementsprogramm in die neue Spielzeit – Es geht auch ohne Bundeswehr

Berliner Symphoniker. © Copyright Berolina-Orchester e.V. - Berliner Symphoniker, Foto: Antonia Richter

Berlin, Deutschland (Weltexpress). Sie wurden von vielen schon totgesagt, auch von Kollegen, denen es gut geht, aber zu Beginn der Spielzeit 2020/2021 überraschten die Berliner Symphoniker mit einer Doppelpremiere: am Sonntagnachmittag gaben sie ihr erstes Konzert in der Parkbühne der Wuhlheide (Open Air) und gleichzeitig erlebte die Parkbühne ihr erstes klassisches Sinfoniekonzert, denn sie war bisher Rock- und Popkonzerten vorbehalten. Die Idee war praktisch. Während die anderen Orchester sich mit 350 Plätzen im Konzerthaus, mit 636 Plätzen in der Philharmonie und 300 im Kammermusiksaal begnügen müssen, reichten die auf Abstand gebauten Plätze im weiten Rund der Parkbühne für alle, die kommen wollten. Tatsächlich kamen 1400 Besucher – mehr als das Doppelte, was die Berliner Philharmoniker in ihr Haus lassen dürfen. Die optisch gut verteilten Plätze gaben ein schön proportioniertes Bild, und die Musiker, die auch auf der Bühne einen für Orchester »unnatürlichen» Abstand halten mussten, fühlten sich bei so viel Interesse ausgesprochen wohl. Eine weitere Ausnahme im Vergleich mit den anderen Orchestern: Die Symphoniker machten Konzertpause und boten eine Pausenversorgung an.

Thema waren 250 Jahre Beethoven – ein Konzert, das das im Juni pandemiebedingt ausgefallene Konzert nachholte. Gespielt wurden die Ouvertüre »Die Geschöpfe des Prometheus», das Violinkonzert D-Dur, meisterhaft dargeboten von Erez Ofer, Erster Konzertmeister des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin, und die 5. Sinfonie. Eine Premiere war es auch für Hansjörg Schellenberger, der das Orchester zum ersten Male dirigierte. Einst Solooboist der Berliner Philharmoniker, ist Schellenberger seit 2013 Chefdirigent des Okoyama Philharmonic Orchestra. Er wird die Berliner Symphoniker in der Saison noch mehrfach dirigieren.

Abokonzerte gerettet

Viel Kopfzerbrechen bereitete der Intendantin Sabine Völker die Frage, wie die sechs Abonnementskonzerte ohne katastrophale Verluste durchzuführen wären. Denn die Miete in der Philharmonie kostet rund 8.000 Euro (die Vermietung zum halben Preis für Notleidende wurde abgelehnt), die Gesamtkosten betragen 34.000 Euro, doch auch bei voller Besetzung sind nicht mehr als 20.000 Euro zu erlösen. Das Problem haben auch die anderen Orchester, aber Staatskapelle, Deutsches Symphonie-Orchester und Konzerthausorchester (mit eigenem Hause) sind staatlich voll finanziert, während die Berliner Symphoniker seit der Heldentat des sozialistischen Kultursenators Thomas Flierl, ab 2004 die Zuschüsse an die Symphoniker völlig zu streichen, sich aus eigener Kraft durchbeißen müssen.

Sabine Völker hat sämtliche Säle in Berlin abgeklappert und die Convention Hall im Hotel Estrel als passend für die drei bis Jahresende geplanten Abokonzerte entdeckt. Der Saal bietet 1.000 Plätze, und das Haus erlaubt Konzertpause, Garderobe und Buffet (das scheint selbstverständlich zu sein, ist aber Im Konzerthaus und in der Philharmonie noch nicht gestattet). Die weiteren drei Abokonzerte, zwei Sonderkonzerte und zwei Silvesterkonzerte finden planmäßig in der Philharmonie statt. Das bringt Verluste, die die Berliner Symphoniker bisher durch Überschüsse aus Gastspielen im In- und Ausland ausgleichen konnten. Doch infolge der Pandemie fielen 125. 000 Euro Überschüsse weg, allein 58.000 aus Auslandstourneen. Völker hat beim Senat Soforthilfen von 163.000 Euro beantragt und hofft auf die Unterstützung von Finanzsenator Matthias Kollatz (SPD) und Kultursenator Klaus Lederer (Die Linke).

Noch eine Neuerung – das Literaturkonzert

Von den Geldsorgen lässt sich Völker nicht entmutigen, hat noch Ideen und findet sogar Quellen zu ihrer Finanzierung. Aus dem »Programm für Orchester unter den besonderen Herausforderungen im Jahre 2020» der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, Monika Grütters (CDU), erhielt das Orchester 114.000 Euro für die sechsteilige Kammerkonzertreihe »Perspektivwechsel – das Literarurkonzert» in der Villa Elisabeth und an anderen schönen Orten. Im Mittelpunkt steht jeweils ein literarischerText in deutscher, englischer, spanischer oder türkischer Sprache. Die Texte sollen sich mit neuen Perspektiven auf berühmte Städte befassen, aber auch (reichlich verschwommene) »gesellschaftsrelevante Themen aufgreifen». Das Programm wird von Katja Lebelt, viele Jahre Intendantin des Brandenburger Theaters, gestaltet. Für die Lesungen hat die Dramaturgin namhafte Schauspieler verpflichtet: Cornelia Heise, Jannek Petri, Daniel Brühl, Birgit Schade, Mehmet Yilmaz, Ulrich Tukur und Matthias Brenner. Es werden superbe Stücke von Haydn und Mozart bis Samuel Barber und Zülfü Livanelli geboten, doch auch hier liegt Kammermusik von DDR-Komponisten wie Hanns Eisler, Kurt Schwaen, Siegfried Matthus und Georg Katzer noch innovationsfremd »jenseits der Mauer». Die Zeit des Vergessens wird bald so lang sein wie die Existenz der DDR. Lior Shambadal hatte da schon weiter gedacht.

Auch für das Grütters-Programm »Neustart Kultur 2021» wird Sabine Völkers Ideen anbieten. Neue Dimensionen wie Kammerkonzerte und Parkbühne Wuhlheide verdienen Unterstützung, denn dorthin kamen auch Berliner, die noch nie in einem Sinfoniekonzert gewesen waren und wiederkommen wollen. Doch nicht allein um Ideen geht es, sondern um Verantwortung. »Ich habe freie Musiker, die müssen spielen und davon leben», sagt Sabine Völker. Und die freuen sich, weil sie endlich wieder etwas verdienen können. Von Verantwortung geprägt war auch die unerschütterlichen Führung durch den Chefdirigenten Lior Shambadal, der sechzehn Jahre lang, ohne Zuschüsse, in ehrenamtlicher Funktion, Entscheidendes für den Bestand und die Stabilität des Orchesters geleistet hat.

Die Kehrseite

Die geschickten Lösungen und die Sicherung des Spielbetriebs sind ohne weiteres ein Erfolg, doch er hat eine Kehrseite. Die Musiker können spielen und im Beruf bleiben, aber sie arbeiten für Dumpinglöhne. Die Deutsche Orchestervereinigung, ihre Gewerkschaft, hat Mindestgagen festgelegt. Für Proben sollen 86 Euro und für Konzerte 176 Euro gezahlt werden. Die Berliner Symphoniker können nicht mehr als 50 Euro für die Probe und 90 Euro für ein Konzert zahlen. Auch die Überschüsse aus Tourneen hören sich gut an. Dies sind Erlöse, die an die Musiker ausgezahlt werden könnten, wenn das Orchester wie andere noch Zuschüsse aus dem Haushalt erhielte. An der Intendantin liegt es nicht, sondern an den Grausamkeiten der Kulturpolitik des Berliner Senats. Die Musiker müssen es schlucken, sonst haben sie gar keine Arbeit. Zudem bedeuten weniger Konzerte als früher weniger Lohn. Die Gewerkschaft dürfte es nicht dulden, aber sie erweist sich als machtlos. Und die Politiker, die die Streichung aus dem Haushalt verschuldet haben, könnten sagen: »Geht doch».

Es geht auch ohne Bundeswehr

Eine Peinlichkeit blieb den Berliner Symphonikern durch die Pandemie erspart: ein Konzert »Frack meets Uniform» gemeinsam mit dem Stabsmusikkorps der Bundeswehr fiel aus. Dies war eine »innovative» Idee aus dem Förderverein der Berliner Symphoniker. Es hört sich harmlos an – bloß ein lustiges Musizieren mit fröhlichen Miltärschrammeln, doch nüchtern betrachtet ein Schritt mehr zum Eindringen der Bundeswehr in zivile Strukturen, das von der Friedensbewegung, den Gewerkschaften und Kirchgemeinden bekämpft wird. Wie das Programm 2020/2021 zeigt, geht es auch ohne Bundeswehr. Sabine Völker und ihr Team wahren ihre Autonomie. Doch aus den Überlegungen des Vorstands und der Intendantin ist es noch nicht heraus. Unerklärlich bleibt mir, wie passionierte Pazifisten die Nähe des Militärs suchen können.

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