Morden ohne Leidenschaft – Unterkühlte Nibelungen an der Schaubühne

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Sebastian Schwarz (Siegfried) und Eva Meckbach (Kriemhild) in "Die Nibelungen" von Friedrich Hebbel an der Berliner Schaubühne am Lehniner Platz.

Diese Szene, vermutlich von Regisseur Marius von Mayenburg hochdramatisch gedacht, wirkte eher wie eine phonetische Übung.

In von Mayenburgs Inszenierung tritt Dietrich von Bern nicht auf, der Wechsel vom Heiden- zum Christentum findet nicht statt, und Kriemhild bleibt am Leben.

Kriemhild ist schließlich allein auf der Szene, sitzt auf der Tribüne und schaut mit gespannter Aufmerksamkeit ins Publikum, so als befänden sich dort die Agierenden, die nun endlich etwas sagen oder tun müssten. Dann geht das Licht aus.

Die Herausforderung, von Eva Meckbach eindrucksvoll gestaltet, geht jedoch ins Leere. Von Mayenburgs Inszenierung wirft keine Fragen auf, weckt keine Anteilnahme und erzeugt keine Spannung.

Dabei haben von Mayenburg und die Dramaturgin Maja Zade Hebbels Text rigoros zusammengestrichen und von allen Längen befreit. Bis zur Pause sind „Der gehörnte Siegfried“, Vorspiel in einem Akt, sowie „Siegfrieds Tod“, Trauerspiel in fünf Akten, zu sehen, nach der Pause folgt „Kriemhilds Rache“, wiederum ein Trauerspiel in fünf Akten, und das Ganze dauert kaum mehr als dreieinhalb Stunden, in denen eigentlich unentwegt etwas passiert.

Auf der Bühne ist weniger ein Theater- und mehr ein Rezitationsabend zu erleben. Die Schauspielerinnen und Schauspieler sprechen, jede und jeder ganz für sich, ihre Texte, steigern sich in vorwiegend moderate Gefühle hinein und vermeiden jede Kommunikation.

Kostümbildnerin Claudia Gonschorek hat das Ensemble mit sportlicher Kleidung versehen, T-Shirts und Turnschuhe dominieren, Held Siegfried trägt schlecht sitzende Jeans, und Kriemhild in rotem Rock und weißem Blüschen lässt an Heidi von der Alm denken.

Dass Siegfried und Kriemhild sich auf den ersten Blick leidenschaftlich ineinander verlieben, ist nicht erkennbar. Sie sagen es, aber zwischen ihnen spielt sich nichts ab.

Sebastian Schwarz beeindruckt mit seiner Körpergröße, entspricht aber eher der Vorstellung vom fröhlichen Dicken als der vom strahlenden Helden. Als Siegfried bewegt er sich unbeholfen, schlenkert mit dem Beil, das er statt des berühmten Schwertes mit sich führt, spricht häufig unverständlich und, während er stehend stirbt, mit unüberhörbar sächsischem Akzent.

Wenn schon Siegfrieds Liebe zu Kriemhild kaum zum Ausdruck kommt, so kann bei Gunther von Leidenschaft für Brunhild gar nicht die Rede sein. Robert Beyer als Gunther hört von Brunhild und beschließt sofort, ohne irgendeine Emotion erkennen zu lassen, dass er diese Frau haben will. Robert Beyer spricht hervorragend mit sonorer Stimme und gestaltet einen ganz und gar verschlossenen Gunther, der an nichts und niemandem Anteil nimmt.

Eine traurige Fehlbesetzung ist Luise Wolfram als Brunhild. Magische Künste sind diesem elfengleichen Wesen mit zarter Stimme zwar zuzutrauen, aber als Kraftweib, das von einem Riesenkerl bezwungen werden müsste, ist Luise Wolfram nicht einsetzbar. Obwohl sie Hosen und Stiefel trägt, wirkt sie außerordentlich feminin und zerbrechlich. Kriemhild erntet einen Lacherfolg beim Publikum, als sie Brunhild als Mannweib bezeichnet.

Christoph Luser spielt den intriganten Hagen als eine Art Kellerkind ohne Unrechtsbewusstsein. Unsympathisch wirkt er nicht, aber da Christoph Luser die Texte, die er in immer gleichem Tonfall herunterleiert, offenbar nicht verstanden hat, ist er auf die Dauer nervtötend.

Eva Meckbach als Kriemhild präsentiert sich bis zur Pause sehr zurückhaltend. Auch in der Auseinandersetzung mit Brunhild erscheint sie dezent und wenig emotional.

Im zweiten Teil jedoch erwacht Eva Meckbach zum Leben und beweist große Schauspielkunst als vor Trauer fast wahnsinnige und als leidenschaftlich und bedingungslos um Rache kämpfende Frau.

Eva Meckbach agiert gewissermaßen im luftleeren Raum, denn das übrige Ensemble bleibt teilnahmslos. Lediglich mit David Ruland als Rüdiger entsteht in einer kleinen Szene ein sehr dichtes und ergreifendes Zusammenspiel.

Das Premierenpublikum reagierte mit höflichem Applaus auf die Inszenierung.

„Die Nibelungen“ von Friedrich Hebbel hatten am 13.09. Premiere in der Schaubühne am Lehniner Platz. Weitere Vorstellungen: 15., 16., 24., 25., 26., 27. und 29.09.

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