Michael Schumachers tragischer Unfall – Tiefenpsychologische Spekulationen

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Die Ärzte sagen, sein Zustand sei stabil, aber er ist immer noch todesgefährdet. Aber täglich steigen seine Chancen. Einem Held, der siebenmal die Formel 1 gewonnen hatte und von vielen verehrt wird, ausgerechnet ihm ist es passiert, das in einer vergleichsweise harmlosen, banalen Situation er sich schwer verletzt und in Todesgefahr schwebt. Das darf doch nicht wahr sein! Aber kommt das nicht etwa von ungefähr?

In seinem großartigen Erfolgen spiegeln sich projektiv seine Verehrer, seine Erfolge sind ihre Erfolge, und dafür wird er verehrt und als Schumi geliebt. Er hat mit Können und Verstand alle gefährlichen Situationen gemeistert, der Traum eines jeden Verehrers. Er war sozusagen seinen Verehrern zu liebe zum Erfolg und zur Unverletzlichkeit verpflichtet. Dadurch wurde er vereinnahmt. Aber im Angesicht seiner verehrten Persönlichkeit, seines Ruhms und seines tragischen Schicksals sind Fragen über die Hintergründe nicht erlaubt. Diesbezüglich ist seine Person unantastbar.

Die Privatheit seiner Familie hatte er gegenüber der Öffentlichkeit und den Medien abgeschirmt. Er wollte sie nicht den Medien preisgeben, bzw. die Familie wollte das nicht. Dies deutet darauf hin, dass ihm und seiner Familie der Öffentlichkeitsrummel zu viel war. 2009 waren schon schwere Verletzungen nach einem Unfall beim Motorradrennen verschwiegen und der Öffentlichkeit nicht bekannt geworden. Anscheinend wäre sein Image angekratzt worden, eines Helden, der alle Unfälle überlebt. Nach Beendigung seiner erfolgreichen Karriere ist er nach Jahren zurückgekehrt, aber ohne an seine früheren Erfolge anzuknüpfen, im Grunde ist er 3 Jahre nach seinen Ansprüchen hinterher gefahren. Wozu mag er das nötig gehabt haben? Er hätte sich auf seinem Ruhm ausruhen und das Leben nach seiner Karriere genießen können oder eine weitere Karriere anschließen. Aber war er dazu geschaffen? Ich weiß von mir selbst, wie lästig mir das Hochjubeln mancher im Umfeld meiner doch recht bescheidenen sportlichen Karriere und Erfolge war. Andererseits genoss ich es, eine in den Augen mancher legendäre Gestalt zu sein. Und um wie viel mehr dürfte das bei Michael Schumacher sein. Dass er so sehr verehrt wurde, muss ihm zur Last geworden sein, andererseits muss er wie ein Junkey davon abhängig geworden sein.

Ein Mensch, der den Geschwindigkeitsrausch, der die Raserei von Kindesbeinen an liebt, der natürlich auch Erfolg haben möchte, wird im weiteren Verlauf seines Lebens zum Opfer der Öffentlichkeit und der Medien. Das ist ein tragisches Schicksal und das erzeugt Aggressionen gegenüber der Öffentlichkeit.

In der Kindheit werden die Weichen gestellt, ob ein Mensch sich nach sich selbst richtet oder nach dem Umfeld. Nach sich selbst richten, kann er aber nur tun, wenn er darin eine Förderung erfährt, sein Selbstwertgefühl daher bezieht, oder ob er seinen Ruf, sein Image und sein Selbstbild nach dem Umfeld ausrichtet. Dann ist er darauf ausgerichtet, alle Erwartung zu erfüllen. Verpflichtung heißt Fremdverpflichtung, Verantwortung heißt Fremdverantwortung oder Verantwortung für den anderen, und Selbstverpflichtung oder Selbstverantwortung, natürlich im Einklang mit dem Umfeld, werden klein geschrieben. Sie werden als Rücksichtslosigkeit und Egoismus gebrandmarkt. Er wird also von dem Umfeld vereinnahmt. Die Aufopferung ist gesellschaftlicher und kultureller Kontext im christlichen Sinne und wird hoch gepriesen.

Die Kehrseite ist, die weite Verbreitung unter anderem von Depressionen, Angststörungen und somatoformen Schmerzstörungen in unserer Kultur sprechen eine eindeutige Sprache. Sie sind eine Folge der Zerrissenheit zwischen sich selbst und den Ansprüchen des Umfeldes, dem sich aufgeopfert wird. Der Depressive ist voller unterdrückter Aggression, der Angstkranke hat Angst vor den eigenen Aggression und der Schmerzkranke ist hin und her gerissen zwischen Aggressionen und Anpassung. Es ist zwar eine Errungenschaft und Fortschritt der westlichen Welt, im Gegensatz zu anderen Kulturen, die Individualität hervorzuheben, unsere Rechtsprechung fußt auf der Selbstverantwortung, aber dies ist nur scheinbar und oberflächlich, wenn man die psychologischen Zusammenhänge und Hintergründe kennt..

Wenn er darin auch noch Erfolge erzielt, wird sein Lebensweg verstärkt, seine Lebensziele nach den anderen auszurichten. Michael Schumachers tragischer Unfall ist ein hoch ambivalentes Geschehen. Einerseits lebt er sein Geschwindigkeitsrausch und seine Erfolge aus, andererseits werden sie ihn zum Verpflichtung und diese Pflicht ruft seine Aggressionen hervor. Diese Aggressionen gehen aber gegen die verinnerlichten Objekte, er glaubt selbst der Öffentlichkeit verpflichtet zu sein, getreu dem christlichen Bild der Aufopferung, und richten sich somit gegen sich selbst – eine Autoaggression. Die Autoaggression lässt ihn am Scheidewege nach seiner Karriere diesen Unfall geschehen. Man könnte auch es so sehen, Hochmut kommt vor den Fall oder unter dem Aspekt der Selbstbestrafung, Frevel muß bestraft werden. Er hätte unbeschwert vor der Öffentlichkeit das Leben genießen können, und jetzt steht er als tragisches Idol umso mehr in der Öffentlichkeit. Das hat absurde Ausmaße angenommen.
 
Ich weiß, wenn jemand in eine gefährliche Situation gerät –  ich meine nicht die selbst herbeigerufenen Situationen, diese wären ein verkappter Selbstmord – entscheidet sich in einem Bruchteil von Sekunden, ob latente Selbstmordtendenzen aktiviert werden, und er gerade erst recht drauf hält, oder ob er alles tut, um sich zu retten. Vielleicht war das für Michael Schumacher eine solche Situation. Vielleicht hat er sich auch dabei verkalkuliert, wo er sonst am Rande des kalkulierbaren Risikos fährt.
Michael Schumacher hat sicherlich Neid und Mißgunst bei Mitfahrern und anderen, die sich mit ihm vergleichen, erzeugt. Das war sein Schicksal. Neid verstehe ich als ein positives Gefühl, auf ein erstrebenswertes Vorbild ausgerichtet, während Mißgunst von der Unerreichbarkeit des Vorbildes ausgeht und auf Entwertung und Zerstörung dessen ausgerichtet ist. Diese Begriffe werden oft verwechselt. Er sonnt sich im Neid anderer, andererseits lebte also immer in der von der Mißgunst anderer begleiteten Spannung. Aufgrund dieser Spannungen kann es sein, daß er sozusagen den Mißerfolg herbei sehnte und nach dem Ende seiner Karriere ihm das passierte, er das durchführte. Er schaffte also einen Ausgleich zwischen sich und den anderen. Nun braucht niemand mehr auf Schumi mißgünstig zu sein, und alle können im Chor des Beileides einig sein. Ja, die Psyche geht unbewußt sonderbare Wege, von denen nur ab und zu ein Zipfel zum Vorschein kommt.
 
Wahrscheinlich ist es eine Mischung von allem. Solange er großartige Erfolge hatte, schwebte er auf der Welle des Erfolges, aber als er in ein Alter kam, diese Erfolge nicht reproduzieren zu können, kam die andere Seite zum Tragen, hatte er keine Lust mehr, war dessen überdrüssig, wurde es sogar zur Last, seine Haut für die anderem zu Markte zu tragen, ständig am Limit zu leben. Nicki Lauda ist ein großartiges Beispiel, wie ein Rennfahrer nach einem schweren Unfall eine neue Karriere aufbaut, in dem er eine Fluggesellschaft gründet und als Experte bei Automobilrennen gesucht wird. Er hat eine Karriere danach geschafft.

Aber ob das bei Michael Schumacher eine Rolle spielt, darüber kann kein Mensch entscheiden, der nicht über seine Kindheit Bescheid weiß. Sicherlich war es ein tragischer Zufall und Pech, eine Verkettung unglücklicher Umstände, aber der Zufall kommt nicht von ungefähr. Oder ist es ein vorbestimmtes Schicksal? Er erinnert an die mythischen Beispiele von Achill, der Achillesferse, oder an Siegfried in der Nibelungensage, dem ein Blatt bei aller Unverletzlichkeit zum Verhängnis wurde.

Viele werden diese Zeilen im Reich der Spekulation sehen, aber man darf auch spekulieren, wofür manches spricht. Es bleibt zu hoffen und zu wünschen, dass er ohne größere Schäden aus einem Koma erwacht und neue Perspektiven findet. Viel Glück, Schumi!

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