Macht und Moral – Über Identitätsstiftung und Überlebensstrategie durch Heiligkeit, prunkvolle Zeremonien, Doppelmoral, Bigotterie, Selbstgerechtigkeit und Scheinheiligkeit

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Zuerst möchte ich eine selbst erlebte Geschichte erzählen. Anfang der siebziger Jahre nahm ich an Seminaren über Familiendynamik und –therapie bei dem damals bekanntesten deutschen Psychoanalytiker teil. Wir machten auch Rollenspiele, ein kurz vorgegebenes Alltagsthema, dann spontan gespielt. Eines ist mir noch genau vor Augen: Vater, Mutter, 15 jährige Tochter und 12 jähriger Sohn, ich war der Sohn, der Psychoanalytiker mein Vater. Es ging darum: Die Tochter machte mit den Jungens rum, ein an sich normaler, altersgerechter Vorgang. Der Vater vertrat die rigide Familienmoral und verurteilte seine Tochter auf’s Strengste. Die Mutter schwankte hin und her, einerseits Moral, andererseits wollte sie durch ihre Tochter noch einmal die Freiheit der Jugend nacherleben. Ich wollte meiner Schwester in dem Gedanken beispringen, „bald bin ich ja auch so weit“. Da traf mich wie ein Blitz der wohlwollende, strenge Blick meines Vaters „Du wirst doch nicht etwa”¦!“, und ich schwenkte unversehens und spontan ins Gegenteil um. Im Sinne der Moral und ihren Standardsätzen machte ich meine Schwester fix und fertig. Bald hatte ich das Gefühl, als Jüngster mit Hilfe der Moral die Macht und Kontrolle in der Familie auszuüben. Jedoch war mein Hintergedanken „ich weiß überall Bescheid, was die anderen böses anstellen, aber irgendwie werde ich schon noch meine Schäfchen ins Trockene bringen“. Diesen Hintergedanken sah ich als Lebensrolle vor meinen Augen.

Die Geschichte ging weiter, Spiel und Realität waren kaum noch zu unterscheiden. Meine Schwester, eine Studentin, sah mich hinterher böse an „Genau das Gleiche habe sie früher auch gehört und habe deswegen mit 15 das Elternhaus verlassen“. Ich dachte mir dazu „anscheinend wird in allen Familien der gleiche Stuss geredet“. Das Wohlwollen meines Vaters setzte sich fort. Bei ihm hatte ich einen Stein im Brett. Jedoch, einige Zeit später traf ich ihn auf der Kliniktreppe, er sprach mich an, und ich fertigte ihn spontan in ein, zwei Sätzen kurz ab. Erstaunt stellte ich mein unhöfliches Verhalten fest, und erklärte es mir damit, dass ich ihm meinen Selbstboykott und meine Selbstaufgabe noch übel nahm. Als ich unsicher war, ob ich die Zusatzbezeichnung „Psychotherapie“ bekommen würde, bat ich ihn um ein Zeugnis, das so gut ausfiel, wie ich es selbst nicht für möglich gehalten hätte. Bald darauf zog er mich als Einzigen seiner Mannschaft, der außerhalb seiner Klinik arbeitete, zu einer Fernsehserie hinzu, in der ähnliche Rollenspielchen spontan gespielt und anschließend wissenschaftlich aufgearbeitet werden sollten. Ich hätte neben meiner beginnenden Psychotherapie-Praxis Karriere machen können, wenn die Sendereihe nicht bald geplatzt wäre.

Diese Geschichte ging mir mit einem Erstaunen, was so alles in mir streckt und wozu ich automatisch bereit bin, um die Anerkennung und das Wohlwollen des Vaters zu erringen, ab und zu durch den Kopf. Als ich am 23. April 2010 in der Frankfurter Rundschau das selbstverfasste Bekenntnis des homosexuellen Priesters David Berger „Ich darf nicht länger schweigen“ las, wurde ich wieder infolge vieler latenter Gemeinsamkeiten daran erinnert. Die FR spielt in der Aufdeckung von Doppelmoral und Scheinheiligkeit an Schulen und bei Priestern eine Art fundierte Vorreiterrolle.

In der katholischen Kirche liegt der Anteil an schwulen Priestern bei 25 bis 50 Prozent, in der Gesamtbevölkerung der Homosexuellen bei etwa 10 Prozent. Der Katechismus von 1992 fordert für Schwule Achtung, Mitgefühl und Takt. Andererseits heißt es in der Kongregation der Glaubenslehre 1986, dass diese Neigung zwar in sich nicht sündhaft, aber eine Tendenz begründe, die auf sittlich schlechtes Verhalten ausgerichtet sei. Die Anlage ist also nicht sündhaft, aber die Ausübung.

Der letzte kleine Funke für das Bekenntnis von Berger, nicht länger zu schweigen, da er sich mitschuldig fühlte, war das vor einem Millionenpublikum vorgetragene Verdikt des Essener Bischofs Overbeck, es sei eine Sünde, homosexuell zu sein. Kurz vorher hatte er einen befreundeten schwulen, depressiven Priester mit dem Katechismus getröstet. Einen Tag später stellte der zweitmächtigste Mann der katholischen Kirche, der Kardinalsekretär Bertone, einen kausalen Zusammenhang zwischen Homosexualität und den Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche her.

Begonnen hatte Bergers Priesterkarriere mit seiner Faszination für die althergebrachte lateinische Liturgie, den prachtvollen Barockgewändern, edlen Brüsseler Spitzen, der klassischen Kirchenmusik, Weihrauchschwaden und das alles in fester männlicher Hand. Diese raffinierte Verbindung von Ästhetischem und Sakralem machte ihn unempfindlich, so schreibt er, für die schrillen Inszenierungen der Schwulenszene, gleichsam als Religionsersatz, wie den CSD-Prozessionen und den kultisch zelebrierten Fetischorgien. Beide Kultszenen sind also nahe verwandt. Zum anderen lernte er andere gleichaltrige Schwule kennen, teilweise in führenden Stellen der Kirche.

Schnell geriet er ins extrem konservative, traditionalistische Kirchenmilieu und machte dort Karriere. Wegen eines Schuldgefühls und zur Sühne war er besonders motiviert, papst- und kirchentreu zu sein. Lange wurde seine Homosexualität nicht thematisiert (natürlich, er befand sich ja in guter Gesellschaft). Er avancierte 2003 zum Herausgeber der konservativen Zeitschrift „Theologisches“, wurde zum korrespondierenden Professor der päpstlichen Akademie des Heiligen Thomas von Aquin. Das Register der Autoren im „Theologisches“ liest sich wie ein Who’s Who des traditionell katholischen Milieus. Er schrieb mehr als 300 Veröffentlichungen zu theologischen und philosophischen Themen.

Im Förderkreis hörte er bei Tisch, die Schwulen unterwanderten die Kirche, die Abschaffung des Paragraphen 175 sei eine Katastrophe und im dritten Reich habe man ja das Problem gelöst. Zu solchen Ungeheuerlichkeiten schwieg er lange, was seine Gesprächspartner verunsicherte, und als Folge das Thema Homosexualität immer häufiger angesprochen wurde. Besonders in Erinnerung blieb ihm ein Gespräch mit einem rheinischen Kirchenfürsten, der unvermittelt erwähnte, man achte peinlich darauf, niemals Homosexuelle zu Priestern zu weihen. Für Berger war klar: Hier wurde die Unehrlichkeit auf den Punkt gebracht. Der Schein der heilen katholischen Männerwelt sollte um jeden Preis gewahrt bleiben, und er selbst war Teil dieses heuchlerischen, bigotten Systems. Erst durch den Fall St. Pölten, wo es im Priesterseminar zu homosexuellen Orgien gekommen war, und durch Gespräche mit anderen befreundeten schwulen Priestern wurde ihm bewusst, dass es sich nicht um Blauäugigkeit und Verdrängung handelte, sondern dass wichtige Stellen der Kirche den schönen Schein benutzten, um im Verborgenen eifrig Informationen über jene zu sammeln, die sie der Homosexualität verdächtigten.

Diese Informationen werden als Druckmittel eingesetzt, wenn Priester aufmucken, um sie gefügig zu machen und auf Linientreue zu halten. Unter diesem Machtaspekt gibt es für einen Bischof nichts Besseres als einen Priester, der seine Homosexualität schamvoll versteckt. Berger fragt sich, warum so viele homosexuelle Männer sich von einer Kirche angezogen fühlen, die ihre Veranlagung nach außen aggressiv ablehnt und nach innen für ein perfides Unterdrückungssystem missbraucht. Er vermutet, dass er deswegen zum Herausgeber von „Theologisches“ gewählt wurde, weil seine Homosexualität bekannt war und man mit einem linientreuen, willigen und gut domestizierbaren Herausgeber rechnen konnte. Sein Vorgänger war dem Förderkreis zu eigenständig geworden.

Jedoch arbeitete er nicht so, wie manche sich das vorstellten. Rechtsradikale, antisemitische, homophobe und grob menschenverachtende Beiträge und Autoren, ebenso wie abstruse Marienerscheinungsfanatismen duldete er nicht mehr. Als Folge wurden gezielt Gerüchte über seine Homosexualität und sein angebliches Sexualleben gestreut, wobei seine Gegner wenig in der Hand hatten. Seine Beiträge in Facebook solle er sofort dementieren und sich auf seinen verantwortungsvollen Stand als habilitierter Theologe besinnen. Er wurde immer wieder zu ernsten Gesprächen einbestellt. Die Zusammenarbeit mit dem Förderkreis gestaltete sich zu einem Katz- und Maus-Spiel, und er entwickelte immer mehr Aversionen gegen diese Unehrlichkeit. Die Erkenntnis, dass er selbst Teil dieser Maschinerie war und sie am Laufen hielt, war ein schmerzhafter Prozess.

Bei der Bewältigung dessen hilft ihm die Beschäftigung mit dem mittelalterlichen Kirchenlehrer Thomas von Aquin und dessen geradezu revolutionären Leitmotiven seines Denkens und seiner Philosophie. Über ihn hatte er zahlreiche Studien verfasst. Er kommt zur Erkenntnis, als Christ kann man sich auf Thomas von Aquin stützen, zugleich schwul sein und dass die katholische Tradition viel lebendiger ist, als bisher angenommen und sich vieles verändert hat, was über Jahrhunderte als absolut unveränderlich galt. Er fragt sich: Wovor hat die Kirchenführung Angst, wieder in Ausgrenzung und Aversion zurückzufallen, statt mit dem Mut des Glaubens und der Vernunft voranzuschreiten?

Die Bekenntnisse von Berger erinnern stark an die Bekenntnisse von John Virapen, siehe die beiden Artikel, der Eine innerhalb der katholischen Kirche, der Andere innerhalb der Pharmawelt und des Gesundheitswesens. In der Kirche kommt zur Macht des Geldes und des Profits noch die Macht des Sakralen und Spirituellen hinzu. Beide versuchen jedoch die Macht über die Seelen und die menschliche Befindlichkeit zu erringen und machen damit ihre Geschäfte. Virapen macht noch heute diesen schmerzhaften Prozess durch. Er kann sich wohl kaum auf den Trost und Schutz eines Thomas von Aquin berufen und fühlt sich noch heute schuldig, Teil dieser Maschinerie an vorderster Front gewesen zu sein.

Ich selbst finde Trost und Schutz bei der Tiefenpsychologie, der Erklärung und des Verstehen dieser Verhältnisse, der Hintergründe und Zusammenhänge, so dass ich eigentlich niemanden verdammen kann. Ich versuche den Leser zu beteiligen. Streng katholisch erzogen, glaubte ich früher als Jugendlicher, allerdings wohl nicht so ernsthaft, noch an die Todsünde und Verdammnis bei der Onanie, suchte mein Heil in der Beichte, bis ich das Ganze für einen ziemlich überflüssigen Hokuspokus hielt. Schließlich tat ich immer wieder das vermeintlich Sündhafte. Mit 17 überlegte ich anlässlich von Exerzitien in der Frankfurter katholischen Hochschule St. Georgen, wo auch von sexuellem Missbrauch gemunkelt wird, ob ich Priester werde, vergaß aber diesen Gedanken schnell. Mädchen waren doch zu interessant. Das oben angeführte Rollenspiel gab mir jedoch fast lebenslang zu denken.

Kontrolle und Macht spielen sich normalerweise auf einem gegenteiligen Hintergrund ab, der Ohnmacht, dem Ausgeliefertsein, der Hilflosigkeit und der Angst. Dieser Hintergrund wird auch (Psycho-)Traumatisierung genannt. Je tiefer die Ohnmacht ist und diese gefürchtet wird, desto stärker muss die Macht sein. Menschen, deren Streben allein auf Machtausübung ausgerichtet ist, müssen Erfahrungen von tiefer Ohnmacht haben, egal ob dies Diktatoren, Kirchenfürsten oder Machtpolitiker sind. Allein die Lust an der Macht ohne das Ohnmachtserlebnis halte ich nicht für ausreichend.

In der frühen Kindheit ist der Mensch dem Umfeld völlig hilflos ausgeliefert und wird von diesem in seinem Charakter und seiner Identität geprägt. Ist er von ihn fördernden Menschen umgeben, entwickelt er eine positive Identität. Nun ist ja das Umfeld oft wenig förderlich. Er wird geschlagen, in Schuld, Peinlichkeit und Sünde entwertet, gedemütigt, ist einer Körperfeindlichkeit, rigiden Sexualmoral und strengen, oft völlig widersprüchlichen Regeln und Normen ausgesetzt, in denen er auch noch sexuell missbraucht werden kann. Normalerweise dienen Regeln und Normen der Sicherheit, Klarheit und Verlässlichkeit, in seinem Falle der Ohnmacht, Hilflosigkeit und im Falle der Widersprüchlichkeit seiner Verwirrung. Er entwickelt eine negative Identität der Schwäche und Ohnmacht und identifiziert sich darüber hinaus noch mit dem Aggressor. Oft genug vermittelt ihm das Umfeld, glaubt das selber, dass alles zu seinem Besten sei. Durch dieses Wohlmeinende gerät er umso mehr in die Falle.

Da meist die intimste Bezugsperson die Mutter ist, die seine Identität und seinen Charakter bestimmt, herrscht in der Primärfamilie eine Art Matriarchat. Gegenüber der Mutter herrscht die größte Ohnmacht, oft ohne es zu merken. Sind jedoch andere starke Bezugspersonen vorhanden, die ein Gegengewicht zur Mutter bilden, wie ein Vater, der der Mutter den Kopf zurecht setzt, sind diese für ihn wie ein Erretter und Erlöser. Koalieren Mutter und Vater gegen das Kind, ist es umso mehr hilflos. Das väterliche Prinzip als Erlösermythos ist überall, vor allem in Religionen verbreitet.

Gegen diese Ohnmacht entwickelt der Mensch spontan, automatisch und meist der Herkunft unbewusst ein Gegenbild, eins der Größe, Stärke, Allmacht, Kontrolle, Glorifizierung, Reinheit und Unversehrtheit, je ohnmächtiger er war, desto großartiger. Auch die Identifikation mit dem Aggressor, der ja für das Kleinkind groß und stark ist, verleiht ihm dessen Größe und Stärke. Weiterhin wird ihm vom Umfeld in der Entwertung ein Größenbild vermittelt, keine Entwertung ohne ein Gegenbild. Die Grandiosität und der Pomp stellen für ihn also gleichsam ein Schutz vor der Entwertung und eine neue Identität, eine Erlösung dar. Deswegen werden sie so sehr gesucht, nicht nur in der Kirche und Religion.

Die frühere Traumatisierung durch die Körper- und Lustfeindlichkeit wird in ein Gegenbild der Reinheit, für den Mann im Zölibat, für die Frau als Nonne umgewandelt. Der Verlust der Männlichkeit oder die Weiblichkeit kann eine neue Traumatisierung bedeuten. Um diese schmackhaft zu machen, wird sie in eine Glorifizierung umgewandelt, eine Weihe für Gott. Die Lustfeindlichkeit wird zu einer Lust am Prunk, Pomp, aufgewertet durch die Heiligkeit, und der Lust an edlen Speisen und Weinen. Durch den Prunk wird der gegenteilige Hintergrund vermeintlich ungeschehen gemacht. Es entstehen neue Identitäten. Zumindest in der christlichen Kultur ist die Jungfräulichkeit der Mutter Maria Vorbild, teils sogar Dogma. Ich selbst fasse religiöse Inhalte wie Mythen auf, die früher, als sie kreiert wurden, ähnlich wie heute Aussagen über das Alltagsleben zulassen. Danach muss die latente Jungfräulichkeit in den Familien eine große Rolle spielen.

Da sein Selbstbild und seine Identität durch das frühe Umfeld geprägt werden, muss das spätere Umfeld dieses Bild korrigieren. Darin liegt seine Chance. Viele Menschen beurteilen allein nach dem Äußeren, Image, guten Eindruck und dem Ruf, so dass sein großartiges Auftreten ihm als Großartigkeit zurück gespiegelt wird. Dies wird zu seinem Lebenselexier. Der Schein wird in den Augen der Anderen und den eigenen Augen zum Sein, das in keiner Weise angezweifelt werden darf. Wie sehr das äußere Bild, das Auftreten und die Verkündung von hehren Zielen das Umfeld in Bann zieht, zeigt die nur zögerliche Aufdeckung des sexuellen Missbrauchs an Reformschulen und Priesterseminaren. Im Angesicht dieser hehren Persönlichkeiten, ihrer Pracht und den Zeremonien, deren Macht und Einfluss hat das Umfeld sich diese Schweinereien einfach nicht vorstellen können.

Jedoch sind das alte Selbstbild und die alten Erfahrungen nicht verschwunden. Sie leben in ihm fort. Der traumatisierte Mensch steht folglich im inneren Widerstreit zwischen den widersprüchlichen Seinzuständen, mag sich wie ein Scharlatan oder Hochstapler vorkommen und im Widerstreit zwischen Verheimlichung und Offenbarung stehen. Der Offenbarungswunsch dient der Aufhebung dieses Widerspruches, um der unerträglichen Spannung zu entgehen, entdeckt zu werden, sozusagen wie in der Beichte reinen Tisch zu machen und zu sühnen, und die Verheimlichung der Aufrechterhaltung des Grössenbildes.

Berger und Virapen entsprachen dem Offenbarungswunsch, während andere mit allen Mitteln der Glorifizierung die Aufrechterhaltung des Scheins suchen, wahrscheinlich, weil sie einen schlimmen Absturz befürchten. Die Depressionen und Suizidneigung der Ertappten sprechen Bände. Wegen dieses labilen, ambivalenten Zustandes dürfen keinerlei Zweifel aufkommen, das Sein des Scheins muss vehement verteidigt werden und bleibt unantastbar. Diese Unantastbarkeit in Prunk, Heiligkeit und Dogmen kann zur Identitätsstiftung beitragen.

Infolge der Identifikation mit dem Aggressor werden die Entwertungen und der Missbrauch fortgesetzt. Die ursprünglichen Opfer werden zu Tätern. Da das frühere Umfeld seine Handlungen als durchaus rechtmäßig ansah und Böses zu verhindern suchte, sehen auch sie ihre Rechte und suchen Böses zu verhindern, etwa den sündigen Körper eines Knaben zu reinigen und ihm Gutes zu tun. Auf der tieferen Ebene sehen sich Pädophile im Recht trotz des Widerstreites zur offiziellen Kultur.

Außerdem spielen sich die Entbehrungen der Pädophilen auf einer sehr frühkindlichen eingeprägten Stufe ab und sind deswegen so schwer therapierbar. Der Pädophile sucht im reinen Körper des Opfers seine eigene verlorene Reinheit, im sexuellen Akt diese sich einzuverleiben, dadurch in einer Wiedergutmachung sich vom Bösen selbst zu befreien. Zudem glaubt er durch einen jugendlichen, frischen Körper seinen Alterungsprozess aufzuhalten. Dies alles spielt sich drang-, soghaft ab und ist mit dem Verstand nicht zu beherrschen. Für den derartig Traumatisierten stellt die Pädophilie also eine Form des Überlebens dar, für die er in sich ein Recht sieht.

Körperlichkeit und in dieser die Sexualität lassen sich nicht so einfach unterdrücken. Gerade das Unterdrückte lebt infolgedessen in vielfältigen Formen unkontrolliert wieder auf, ähnlich wie die Untaten von Vorfahren als Schlossgespenst wieder auftauchen. Die Welt wird sexualisiert, überall böse Sexualität vermutet. Auch muss der Mensch zur Selbstbefreiung und –bestimmung gegen die Tabus ankämpfen, wird geradezu provoziert und verführt, das Gegenteil zu machen. Sexualfeindlichkeit und Selbstbefreiung können nebeneinander bestehen oder sich in einem Kreislauf bewegen, wo Eins das Andere bestimmt. Das Aufbegehren könnte man positiv auch als Aufzeigen eines besseren Lösungsweges sehen.

Dann haben in Körperfeindlichkeit und rigider Sexualmoral geprägte Menschen oft bei fortbestehender Moral, und diese ist tief eingeprägt und beherrschend, ihre einzige Chance der Freiheit und Selbstverwirklichung in einer Doppelmoral. Diese dient also dem Überleben und ist identitätsstiftend. Sie schafft eine neue freiheitlichere Identität und hält gleichzeitig die Wurzeln der alten einengenden Moral aufrecht, ist also eine herrliche, kreative Kompromisslösung und Überlebensstrategie. Sie muss folglich in rigiden Systemen überall vorhanden sein. Außerdem provozieren strenge Gebote und Verbote, diese zu übertreten und gerade darin Lust zu empfinden. Die geklauten Äpfel schmecken am besten. Die Verbreitung der Doppelmoral etwa im Rotlichtmilieu zeugt andererseits von den herrschenden strengen Sitten. Ein Mann erzählte, im Puff müsse er nach zwanzigjähriger Ehe wenigstens nicht, wie bei seiner Frau, die Liebe und ihre Attraktivität vorspielen.

Die Doppelmoral zeigt sich auch in dem Voyeurismus wie bei mir in dem Rollenspiel und bei Berger im Nachforschen der Kirchenoberen nach seinen Untaten. Wahrscheinlich besteht dieser auch im Beichtstuhl, nicht nur die Langweile, immer das Gleiche zu hören, sondern sich auch an den Beichten aufzugeilen. Diese Motivation erscheint mir als gangbarer Lebensweg ähnlich stark wie das Motiv, die Gläubigen auf Linie und die Macht zu erhalten oder sogar zu bekehren.

Der Größe und Macht der Mütter werden die Männerbünde entgegen gesetzt. In ihnen schließen sich die Männer wie in einer uneinnehmbaren Festung ein. In die oberen Etagen der Kirche werden Frauen nicht herein gelassen. In ihnen würden zu sehr die Mütter gefürchtet. Diese werden in Klöster verbannt und karikativen Zielen aufgeopfert. Ähnliches spielt sich allerdings in aufgelockerter Form in der Männerwelt von Industrie und Wirtschaft ab. Diese Männerbünde dienen also einer Überlebensstrategie, um nicht völlig von den Frauen vereinnahmt und aufgefressen zu werden. Jungfräuliche Mütter schaffen jungfräuliche beziehungsweise jungmännliche Kinder. Diese Frauen haben normalerweise aufgrund schlechter Erfahrungen vor allem im Bereich Erotik und Sexualität ein sehr negatives Männerbild, dem ihre Söhne nicht entsprechen dürfen. Also werden diese zu asexuellen Wesen erzogen wie einem Priester oder ähnlichem. Dadurch werden ihre Söhne vereinnahmt und missbraucht und müssen sich wiederum zum Schutz in Männerbünden zusammenschließen.

Gegen die übermäßige, naturgemäße Macht der Mütter wird ebenfalls übermäßig eine Macht der Männer in Prunk und Ritualen entgegen gesetzt, um sich zum Schutz unantastbar zu machen. Schein wird zum Sein. Homosexuelle, die in fast allen Kulturen stigmatisiert sind, werden sich wegen dieser Stigmatisierung noch zusätzlich von diesen Ritualen angezogen fühlen. In der schwulen Subkultur spielen sich Rituale schrill und provozierend ab. Fühlt sich ein Schwuler davon abgestoßen, ist er noch dazu christlich und religiös erzogen, sucht er den Prunk in der heiligen, sakramentalen, religiösen Kultur. Dort ist er noch unantastbarer. Deswegen finden sich besonders viele Schwule in der katholischen Kirche. Aber gerade wegen dieser Unantastbarkeit können auch andere wie Pädophile sich geschützt fühlen und in den Augen vieler ihr Unwesen betreiben.

In meinem Rollenspiel erlebte ich die Macht der rigiden Moral, mein Eingeschüchtertsein durch die väterliche Macht, die Selbstaufgabe durch die Identifikation mit dem Aggressor, dort wiederum meine Macht und im Hintergrund wahrscheinlich die Lust an der Macht. Andererseits konnte ich mir als Ausweg der Selbstaufgabe die Doppelmoral aufrecht erhalten und sah dies als Identität stiftenden, tragbaren Lebensweg, vor allem wegen der Verbindung mit der Lust am Verbotenen. Meine Aggressionen auf den Aggressor als Folge der Selbstaufgabe kamen erst später spontan zum Ausdruck. Da diese Lebensrolle so sehr in mir steckt, war für mich wie für die anderen Beteiligten zwischen Spiel und Ernst schwer zu unterscheiden. Meinen Vater im Spiel halte ich bei allen Verdiensten noch heute für einen Moralisten. Die untergründigen Aggressionen schwingen noch heute mit. Andererseits gab mir die spontane Selbstaufgabe schwer zu denken, wie sehr ich noch um das Wohlwollen des Vaters bemüht bin und dadurch ein falsches, widernatürliches Selbst zu entwickeln bereit war. Wenn das schon beim Vater der Fall ist, der doch lange nicht eine so große Rolle spielt wie die Mutter, frage ich mich, wozu ich bereit wäre, um das Wohlwollen der Mutter zu erringen. Andererseits denke ich, dass der Vater als Ersatz für die frustrierende und vereinnahmende Mutter gesucht wird.

Die Aggression von David Berger zeigt sich in der Aversion auf Macht, Vereinnahmung, Doppelmoral und Scheinheiligkeit. Auch er hat sich, verführt von Macht und Prunk, mit den Aggressoren verbunden und lange mit den Wölfen geheult, bis es ihm zu unerträglich wurde und in ihm die Offenbarung überhand gewann. In der verurteilenden Aggression der Kirchenoberen auf Menschen, die sich nicht an ihre Regeln halten, sehe ich die ursprüngliche Aggression auf diejenigen, die ihnen diese Regeln eintrichterten. Wie so oft im Leben bekommen andere die Aggressionen ab, die ganz woanders her stammen. Das muss man nur wissen, und es nicht persönlich nehmen.

Warum hat David Berger sich, fasziniert von Pomp und Selbstgerechtigkeit, ausgerechnet dem dogmatischsten Teil der katholischen Kirche angeschlossen, statt einfacher Gemeindepriester zu werden, wo seine Homosexualität eher akzeptiert worden wäre? Gerade dort muss er sich durch das Wohlwollen der Väter einerseits Schutz vor seinen „sündhaften“ Neigungen versprochen haben, die enttäuscht wurden, wahrscheinlich als unbewusster Prozess, andererseits in einer latenten Revolte und narzisstischen Grössenphantasie die Selbstbefreiung gerade bei der Kerntruppe der Tabus gesucht haben. Dieser narzisstische Frevel wurde in den Augen der Dogmatiker zurecht bestraft. In seiner Neigung, die Dogmatiker, ihre Doppelmoral und ihren Machthunger bloß zu stellen, kommt seine ursprüngliche Aggression, sowohl in seiner Kindheit als auch später, zum Ausdruck.

Auch ich spüre eine Aggression oder mir kann übel werden, wenn ich den heiligen Prunk des Papstes sehe, wissend, wie er in seiner Selbstgerechtigkeit andere verurteilt. Oder den Bischof Mixa, der Kinder misshandelt hat, aber um jeden Preis den Schein als Sein aufrecht zu erhalten sucht, und eine Genugtuung, dass die andere Seite sich offenbart. Deswegen wird das Thema auch in den Medien so ausgeschlachtet. Andererseits, wenn ich mir die menschlichen Hintergründe und Zusammenhänge vergegenwärtige, denke ich eher „Leben und leben lassen“. Ich brauche mich ja nicht ausgerechnet in die Höhle des Löwen begeben, wie Berger es tat. Ich kenne natürlich nicht seine persönlichen Hintergründe und Erfahrungen, kann nur allgemeine Rückschlüsse ziehen.

Siehe dazu auch die Serie über die Psychotraumatisierung in der Kindheit, die Artikel über den sexuellen Missbrauch, die Existenz Gottes und die beiden Artikel über die inzestuöse Mutter-Sohn-Verstrickung.

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