Lehrstunden des Gefühls – Nick Hornby erteilt in „An Education“ bitter-süße Lehren von Verstand und Gefühl

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Die 16-jährige Jenny (Carey Mulligan) träumt von einem unabhängigen Leben in Frankreich. Im vorstädtischen London 1961 eine Utopie. Über Beatniks und Teddy-Boys schimpft ihr strenger Vater (Alfred Molina), doch die zeigt „An Education“ nie. Nur die gleichermaßen abschreckenden Lebenskonzepte des Hausmütterchens oder der altjüngferlichen Lehrerin. Heimlich raucht Jenny dagegen Zigaretten an und spickt ihre Reden mit französischen Floskeln. Weil „An Education“ mehr Hornby als Scherfig ist, läuft dazu eine Juliette-Greco-Platte. Kein Wunder, dass Jenny dem weltgewandten älteren David (Peter Sarsgaard) und dessen unkonventionellen Freunden Helen (Rosamund Pike) und Danny (Dominic Cooper) verfällt: „It ´s a funny world You live in.“ Oh, schöne, neue Welt…David nimmt seine junge Geliebte mit nach Paris: savoir vivre, la dolce vita – nein, das war italienisch. Macht nichts, Jenny ist nicht am wahren unabhängigen Leben interessiert, sondern nur dessen Schein. Schöne wie er ist, trügt der natürlich. Und Jenny erhält „An Education“.

Dass der große Leichtsinn in die harte Wahrheit mündet, dass der ideale Gatte nicht so tadellos sein kann, weiß man vom ersten Moment an. David bietet nicht die Flucht vor der Biederkeit, sondern verkörpert sie. Vor der ersten Liebesnacht ist er verklemmter als Jenny. Ein dicklicher, unreifer Junge, der wie ein alter Lustmolch bettelt, wenigstens mal gucken zu dürfen und Jenny „Minnie“ nennt. Wie bei einer gelungenen Seifenoper lässt die dramatische Wendung nicht lange auf sich warten, nicht zuletzt, weil die übrige Handlung nicht wirklich spannend ist. Dieses melodramatischen Zugs ihrer Tragikkomödie ist sich Lone Schering bewusst. Genüsslich ironisiert sie die Sentimentalität, indem sie Jennys und Davids Pariser Variation eines „Roman Holiday“ als romantisches Ideal inszeniert. Gleich der Hauptprotagonistin ihres wahr gewordenen Wunschtraums schwebt Jenny mit David durch die Stadt der Liebe, wo alte Plattenspieler Chansons spielen, Pärchen auf der Straße tanzen und die Sonne über Brücken untergeht. Selbst frivole Witzheftchen wie „La Rire“ sehen an einem französischen Kiosk nach intellektueller Bohemien-Literatur aus. Ein bisschen wie diese „La Rire“ ist „An Education“. Dank der sorgfältigen Ausstattung, der guten Darsteller und der witzigen Dialoge erscheint der Film geistreicher, als er ist.

„An Education“ gelingen versteckte feine Pointen, von denen man nicht weiß, ob sie so in Nick Hornbys Drehbuch standen oder glückliche Zufälle der Szenerie sind. Bewerte nie einen Mann ausschließlich nach seiner Zigarettenschachtel. Als jene Packung „Bachelor“, die sie so genüsslich mitgepafft hat, aufgeraucht ist, findet Jenny darunter Beweise dafür, dass auch Davids Gebaren eine leere Hülle ist. Sorgfältig konstruiert „An Education“ das biedere Familienleben Jennys und die verlockende Ungebundenheit ihrer neuen Freunde als Gegenpole, um beide ebenso geschickt zu dekonstruieren. Gegen das süße Leben hilft nur eine bittere Pille Realität. Aus die Minnie Maus. Jenny ist wieder ganz Daddys kleines Mädchen, wohl mehr, als sie es zuvor je war. Tee und Keks statt dem wilden Leben am linken Seine-Ufer. „An Education“ ist keine Lektion in Rebellion, sondern in Genügsamkeit. Frauen tragen bei Nick Hornby Kittelschürze oder Hornbrille, nicht Leopardenpelz und Klunkern wie die lebenslustige Helen. Sie und Danny sieht man nach der Wendung ins Dramatische nie wieder. Was aus ihnen wird, verrät Hornby nicht. Sie täte alles, um nicht zur pummeligen, pickeligen Streberin zu werden, sagt Jenny einmal – was dieses Schicksal umso unausweichlicher erscheinen lässt.

Eine andere Lebensoption gab es für Frauen 1961 anscheinend nicht. Und noch acht Jahre bis Woodstock. Doch das liegt für Jenny jenseits eines noch größeren Teichs als das kontinentale Europa. Nach außen hin tut Jenny, als hätte die Lektion in Lebensfreude nie stattgefunden. Fragt sich, wen sie mehr belügt, wenn sie vorgibt, nie Sehnsucht nach etwas anderem verspürt zu haben: die andern oder sich selbst. Vielleicht besingt der Schlusstitel Duffys Jenny, nicht David: „There ´s no smoke without fire, baby, baby, You ´re a liar.“

Titel: An Education

Land/ Jahr: USA 2009

Genre: Tragikkomödie

Kinostart: 18. Februar 2010

Regie: Lone Scherfig

Drehbuch: Nick Hornby

Darsteller: Carrey Mulligan, Peter Sarsgaard, Olivia Williams, Emma Thompson, Alfred Molina

Laufzeit: 100 Minuten

Verleih: Sony Pictures

www.aneducation-derfilm.de

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