Langer Saisonanlauf der Berlin Volleys – Haching bei Halbzeit vor Rekordmeister Friedrichshafen

Ist das nach zuletzt sieben Meistertiteln in Folge und insgesamt zwölf seit 98 das Ende eines Dauerabonnements auf die Meisterschale? Einer Serie, die nur zwei Mal durch den BR-Vorgänger SCC Berlin 2003 und 2004 unterbrochen wurde? Was könnten die Gründe für den sich anbahnenden Wechsel auf dem Meisterthron sein?

Auf alle Fälle die unerwartete Leistungsstärke und bestechende Konstanz bei Haching. Die Bayern, immerhin drei Mal Pokalsieger hintereinander, haben offensichtlich den auch im Volleyball üblich gewordenen Personalwechsel von Saison zu Saison am besten gemeistert. Drei Leistungsträger des Vorjahres musste der letztjährige Meisterschaftsdritte nach Berlin ziehen lassen. Libero Ferdinand Tille verabschiedete sich ins Ausland. Dennoch hat Trainer Mihai Paduretu eine Formation beisammen, die wie ein gut abgestimmtes Ensemble harmoniert. Und nun in Friedrichshafen mit dem 3:2 nach 6:10-Rückstand der Übermannschaft vom Bodensee einen schweren Schlag versetzte.

VfB-Cheftrainer Stelian Moculescu wiederum musste erkennen, dass sein Personal-Monopoly, Jahr für Jahr neue und hungrige Akteure zu holen, bislang nicht aufgegangen ist. Ob es diesmal den ?Riesen vom Bodensee? am Ende der Play-offs gelingt, zum 13. Mal den meisterlichen Konfettiregen inklusive Sektduschen zu genießen, steht in den Sternen… Danach wieder mal zu greifen, ist der erklärte Wunsch der BR Volleys. Es wäre dann das insgesamt vierte Championat ihrer Vereinshistorie. Die Sehnsucht danach hat die Hauptstädter zum abruptesten Kaderaustausch seit Jahren veranlasst. Sieben neue Netzprofis haben Manager Kaweh Niroomand und der australische Trainer Mark Lebedew an die Spree gelockt. Also mehr als die Hälfte einer üblichen Ligaformation.

Nicht nur Berlins Kapitän und Spielmacher Jaro Skach, 36 Jahre alt und mehr als ein halbes Hundert Länderspiele für Tschechien, war der Meinung, ?dass wir in ein paar Wochen genügend eingespielt sein werden, um an der Spitze mitspielen zu können. Denn die Neuen sind ja keine Anfänger, die wissen, wie man am Netz mit dem Ball umgeht.? Und Trainer Lebedew beklagte sich nicht, dass er zum Ligastart Ende September seine Schützlinge vorher nicht einmal eine Woche komplett im Training beobachten durfte: Die Hauptkonkurrenten Friedrichshafen und Haching, ähnlich neuformiert, hätten fast die gleichen Anwesenheitsprobleme wegen Einsätzen für ihre Nationalmannschaften…

Doch der Dezember ist speziell für die BR Volleys zu früh gekommen. Sie verloren in Liga und DVV-Pokal gegen die süddeutschen Rivalen alle drei Begegnungen 0:3. Und machten einen Aufwärtstrend auch in den Ergebnissen erst beim 3:0 im europäischen CEV-Cup über Istanbul und beim 3:2 in Düren sichtbar.

Ja, die Feinabstimmung auf dem Feld hinzubekommen und dann im Wettkampf zu präsentieren, die habe ?eindeutig länger gedauert als vermutet?, meint Lebedew.Warum die sportliche Integration der Neuen in Berlin nicht so rasch gelungen ist wie in Friedrichshafen oder Haching, dürfte mit dem kompletten Wechsel aller vier Außen-/Annahmespieler zusammenhängen. Denn die solide Annahme ist nun mal im Volleyball die Grundlage für punktbringende Angriffe. Gelingt die Ballkontrolle nach gegnerischem Aufschlag aber nur notdürftig, steht Routinier Skach vor der fast unlösbaren Aufgabe, seinen Angreifern oder Mittelblockern noch den optimalen Pass zu stellen.

Zudem hatte sich Skach, mittlerweile im Besitz einer Trainerlizenz, beim Zusammenspiel mit dem Diagonal- oder Hauptangreifer völlig neu zu justieren. Mit dem 2,03 m großen Aleksandar Spirovski, 45 Länderspiele für Serbien, verstand er sich blind. Nun kam mit dem 2,05 m langen Paul Carroll, 120 Einsätze für Australiens Nationalmannschaft, Bundesliga-MVP der Vorsaison, ein völlig anderer Angreifertyp. Caroll braucht hohe Bälle mit Abstand vom Netz, er bewegt sich langsamer und weiträumiger. Der frühere Mittelblocker Spirovski indes mag flachere und schnellere Zuspiele, ?dann kann ich schnell und hart abziehen, brauche auch keinen langen Anlauf?

Nicht nur er, wie Skach und Felix Fischer schon beim Titeldoppel 2003/2004 im Team, hofft, dass "wir mit Beginn der Play-offs im März so gut eingespielt sind, dass wir die Chance im Endspiel nutzen können."

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