Berlinale – Der im Dunkeln oder Ein Täter als Opfer – Kritik zum Film „Zwischen den Jahren“

0
2789
Szene aus dem Film "Zwischen den Jahren". © Frank Dicks

Berlin, Deutschland (Weltexpress). Er hat gemordet, und dafür gebüßt. Viele Jahre im Knast verbracht. Aber die Strafe, sie mag einfach nicht enden. Becker (Peter Kurth) war bei einem Raubüberfall in die Villa der wohlhabenden Dahlmanns eingedrungen. Als die Hausherrin ihn überrascht, erschießt der Einbrecher sie und ihre kleine Tochter. Nun, nach seiner Entlassung, will er nur noch seine Ruhe haben, vom Leben scheint er nicht mehr allzu viel zu erwarten. Becker arbeitet als Wachmann für eine Sicherheitsfirma, schiebt Nachtschichten. Zum Job kommen Freunde und sogar eine Freundin, Rita (Catrin Striebeck). Ein kleines Glück, der Neuanfang scheint gelungen. Doch dann begegnet Becker zufällig Dahlmann, dem Mann, dessen Leben er zerstört hat. Der kann ihm nicht verzeihen.

Szene aus dem Film "Zwischen den Jahren". © Frank Dicks
Szene aus dem Film „Zwischen den Jahren“. © Frank Dicks

Regisseur Lars Henning schuf mit „Zwischen den Jahren“ eine einfache Geschichte über einen einfachen Mann, ihm gelang zugleich ein Film über eine Randfigur der Gesellschaft. Und der bewegt sich am Rand. Nicht nur in sozialer Hinsicht, sondern tatsächlich, im wahrsten Sinne des Wortes, was schon die Handlungsorte beweisen. Vororte, Gewerbegebiete, Industriegelände. Die Innenstadt, das urbane Leben mit all seinen Verlockungen bleibt außen vor, vielleicht lassen ihm schon die Arbeitszeiten kaum eine andere Wahl. Das Zentrum? Daran fährt Becker auf dem Weg zum Job vorbei.

Szene aus dem Film "Zwischen den Jahren". © Frank Dicks
Szene aus dem Film „Zwischen den Jahren“. © Frank Dicks

Vordergründig mag „Zwischen den Jahren“ Thrillerelemente aufweisen, tatsächlich ähnelt der Film mehr einem Sozialdrama – aber einem extrem spannenden. Auf jeden Fall ist es ein sehr gelungenes Werk über Schuld und Sühne, karg, lakonisch, atmosphärisch dicht und düster inszeniert. Gedreht wurde fast ausschließlich nach Einbruch der Dunkelheit, und das zudem im Winter, was die ohnehin melancholische Grundstimmung noch verstärkt. Vor allem gelang es dem Regisseur, gängige Klischees zu durchbrechen, sowie typische Rollenmuster auf den Kopf zu stellen, wie sie etwa klassischen Rachefilmen innewohnen. Hier gibt es kein Schwarz, kein Weiß, sondern vielerlei Grautöne, in der Tendenz wohl ziemlich dunkel. Der Täter ist das Opfer, das Opfer der Täter. Gerade das macht den Film so verstörend, so tragisch und zugleich so interessant. Auf jeden Fall ein absoluter Höhepunkt der Filmreihe „Perspektive Deutsches Kino“, wenn nicht der gesamten Berlinale.

* * *

Titel: Zwischen den Jahren
Englischer Titel: End of the Season
Land: Deutschland
Jahr: 2017
Regie/Buch: Lars Henning, Deutschland 2017
Kamera: Carol Burandt von Kameke
Schnitt: Jan von Rimscha
Musik: Jan Žert
Schauspieler: Peter Kurth (Becker),  Karl Markovics (Dahlmann), Catrin Striebeck (Rita),  Leonardo Nigro (Barat), Jonathan Neo Völk (Timo), Marko Dyrlich (Pape), Luca Maric (Lenz),  Piet Fuchs (Wagner),  Markus Haase (Pfarrer Lenhardt),  Therese Hämer (Elke)
Dauer: 97 Minuten

Anzeige