Kinder, wie die Zeit vergeht – “C ´est la vie” in der Bourgeoisie von Remi Bezancon

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Was für eine Art  Film ist “C ´est la vie “ eigentlich? Für eine Komödie ist er zu unkomisch, für ein Drama nicht ausreichend dramatisch und spannend wird es erst recht nicht. Am aufdringlichsten ist die Assoziation mit einer Seifenoper. Episode reiht sich an Episode, jede mit einem adretten Zwischentitel wie “Der erste Tag meines restlichen Lebens”, “Magic Fingers” oder “Unser Vater” versehen. In den knapp zwei Stunden Laufzeit passiert nichts, zumindest nichts von Belang. Man beobachtet eine Durchschnittsfamilie bei ihrem Alltag. Die Kinder werden groß und am Ende klopft der Tod eines Elternteils an die Tür. Dabei spekuliert Remi Bezancon auf die voyeuristische Neugier einer Zielgruppe aus eben dieser Schicht, in der er seine Protagonisten ansiedelt. Und langsam dämmert einem, was diese Dramolette darstellt. Ein Lehrstück, eine Moralmär, bei der jeder etwas lernen kann und sich obendrein amüsieren soll. Sofern man Gefallen an solchen Spießerhymnen findet.

Deren Verkleidung als Tragikkomödie ist äußerst gekonnt. Schon die Grundkonstellation ist konform. Das Mittelstandsehepaar Robert Dual (Jaques Gamblin) und seine Frau Marie-Jeanne (Zabou Breitman) trifft man gemeinsam am Tisch mit ihren Kindern Raphael (Marc-Andre Grondin), Albert (Pio Marmai) und Fleur (Deborah Francois). Die erste Begegnung mit den Protagonisten ist genaugenommen die zweite. Im mit Familienvideos untermalten Vorspann macht Regisseur Remi unmissverständlich klar, dass die Duvals die perfekte Familie sind. Oder? Mit einem Todesfall, dem des Familienhundes, beginnt die Geschichte. Sie endet mit einem zweiten, der auf den Zuschauer weit tragischer wirken soll. Tut er aber nicht.

Dazwischen erlebt die Familie die üblichen Höhen und Tiefen. Gerade zwanzig, will Albert endlich ausziehen. In der neuen Wohnung verliebt er sich prompt in die Nachbarin Prune (Cecile Cassel), die er nach Seifenopernmanier heiratet. Ein Zeitsprung macht aus der kleinen Fleur eine dickliche Jugendliche mit ungepflegtem Äußeren. Letzte wird als Teil ihres Grunge-Stils dargestellt, denn wie manch behütetes Kind versucht sich Fleur mit Grunge – der ja so neunzigerjahrehaft ist – das Air einer Rebellin zu geben. Mit lieblosem Sex und einer Abtreibung bestraft Drehbuchautor Remi sie für ihre Unangepasstheit. Gen Ende mutiert Fleur, eines Besseren belehrt, zur artigen Studentin. Als solche ist sie endlich liiert mit dem Traummann, für den sie schon als Jugendliche schwärmte. Wie es dazu kam, klärt sich nicht. Die glückliche Beziehung erscheint als direkte Folge der sozialen Anpassung. Der jüngere Sohn Raphael setzt sich unterdessen im Hotel Mama fest. Erst der Tod seines Großvaters rüttelt ihn wach. Er muß sich nur die langen Haare schneiden und schon wird der unmotivierte Versager zum Sommelier im Nobelrestaurant. Die Ehe der Eltern erlebt eine kleine Krise. Marie-Jeanne fühlt sich nicht mehr von Robert begehrt und zu ihrem Fahrlehrer hingezogen. Doch von ihm kann sie nichts lernen, nicht einmal, wie man ein Auto bedient. Mit dem Überfahren eines Hundes beginnt es. Noch nicht bekehrt, begeht sie einen Seitensprung. Dafür wird sie prompt mit einem Fahrunfall bestraft, bei dem sie gegen das Taxi ihres Gatten rast. Gut, dass die durch das Taxi verkörperte Ehe den Irrwegen der Frau Einhalt gebot! Im Krankenhaus erkennen alle, was sie aneinander haben. Der Mann verliebt sich neu in seine Frau, die mit der Mutter zerstrittene Tochter verzeiht alles. Friede, Freude, Film aus? Nein. Robert musste unbedingt rauchen. Tut ein aufrechter Vater das nach den Anti-Raucher-Gesetzen? Vorbei die Tage, als Franzosen die Gaulloise aus dem Mund hing. Robert erliegt dem Lungenkrebs. Atmet seine Witwe Marie-Jeanne die Luft aus dem von ihm aufgeblasenen Rückenkissen ein, ist das nicht einmal mehr unfreiwillig komisch, sondern peinlich. Man sieht die Urlaubsvideos zum zweiten Mal, die Asche wird ins Meer gestreut und Töchterchen ist schwanger. Hatte nicht ihr Teenagerfreund einst gesagt, er sei die Reinkarnation Jim Morrisons, da er neun Monate nach dem Tod des Musikers geboren sei? Es werden wohl noch viele Familienvideos folgen. Hoffentlich nicht im Kino.

Der dreifach mit dem französischen Filmpreis Cesar ausgezeichnete Überraschungserfolg ist der Familienfilm schlechthin. Doch ist der Erfolg tatsächlich überraschend? Hauptprotagonist ist kein Individuum, sondern die Familie Duval. Die als Mittelständler Ausgegebenen gehören mit Haus und zwei Autos tatsächlich zur Oberschicht. Ernsthafte Probleme haben sie keine. Ihren lapidaren Sorgen Dramatik einzuhauchen, vermag der Film nicht. Dabei scheinen unter der Oberfläche die Aggressionen zu kochen. Mehrfach kommt es zu Gewaltausbrüchen der Familienmitglieder untereinander, immer unbegründet. Von unterdrückten Emotionen will Regisseur und Drehbuchautor Remi jedoch nichts wissen. Die aalglatte Oberfläche könnte einen Kratzer bekommen. Solch verkappte Hymnen an die Biederkeit kennt man sonst nur aus Hollywood. Doch das alte Europa holt auf mit “C ´est la vie”, von dem wir sagen können, dass so das Leben garantiert nicht ist.

Titel: C ´est la vie – So ist das Leben, so sind wir
Start: 23. April
Regie und Drehbuch: Remi Bezancon
Darsteller: Jaques Gamblin, Zabou Breitman, Deborah Francois, Pio Marmai
Verleih: Kinowelt
www.cestlavie.kinowelt.de

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