Des Teufels Regisseur

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Filmposter

Distanziert erforscht Felix Moeller die Biografie des berüchtigten NS-Regisseurs. “Distanz” klingt nach Entfernung. Sie jedoch macht eine unvoreingenommene Annäherung an eine derart kontroverse Figur wie Veit Harlan erst möglich. Weiß man um die historische Rolle Harlans, ist es schwer genug, ihn nicht von vorneherein zu verurteilen. Hat man seine  – inzwischen in ausgesuchten Vorführungen zugänglichen – unter dem Naziregime gedrehten Produktionen gesehen, ist es fast unmöglich, den Macher des Films nicht zu verurteilen. Sind die Werke der anderen berühmten NS-Filmgröße, Leni Riefenstahl, hauptsächlich wegen ihrer Ästhetisierung  des faschistischen Ideals berüchtigt, spricht aus Harlans Werken die nationalsozialistische Doktrin derb und ungefiltert in voller Abscheulichkeit. “Ich wäre am liebsten rausgegangen und hätte gekotzt.“, schildert seine Tochter Maria Körber in “Harlan” in angemessener Drastik ihre Gefühle nach dem Ansehen von “Jud Süß“.

Fast noch erschreckender als die Botschaft des seinerzeit nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa beängstigend erfolgreichen Spielfilms “Jud Süß”, ist dessen Primitivität. “Sauplatt” und “total verkitscht”, beschreibt eine Enkelin den visuellen Stil des Großvaters. Die zahlreichen Originalausschnitte zeigen die Aussage noch als untertrieben. Vor Sentimentalität triefende Schnulzen, überzogene Pompwerke, bis an die Grenze der Karikatur gehende Schauspielerei. Im Interview erinnert eine der Töchter an den Spottnamen ihrer für theatralische Sterbeszene bekannten schauspielernden Mutter Hilde Körber: Reichswasserleiche. Eine bizarre Komik erwecken die Filmauszüge. Sie steigert die Fassungslosigkeit angesichts der Wirkung von Harlans Filmen  “Kolberg” und “Die Goldene Stadt”. “Harlan – im Schatten von Jud Süß” leistet mehr, als es ein psychologischer Erklärungsversuch für den Anklang, den die fragwürdigen Werke in der Bevölkerung fanden, es könnte. Der Film wirft die Frage auf, wie sich die Menschen so leicht manipulieren lassen konnten. Trotzige Wut weckt die Dokumentation, den Vorsatz, sich selbst nicht derartig beeinflussen zu lassen. Doch Harlans Filmmotive erweisen sich als beängstigend vertraut: aus zeitgenössischen Filmen, die ihr Publikum ähnlich beeinflussen wollen, im politischen, sozialen oder kommerziellen Sinne.

Schwerpunkt der Dokumentation ist der Zwiespalt, in dem sich die Nachkommen Veit Harlans befinden.  Emotionale Bindungen und ein inneres Gefühl für Familienzusammenhalt stehen im Konflikt zum Wissen um die Schuld des Vaters und Großvaters. Als einziger NS-Regisseur wurde Harlan für sein filmisches Werk wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit vor Gericht gestellt. Der zweimalige Freispruch hinterlässt ein Gefühl der Bitterkeit. Nicht Kunstfreiheit triumphierte über Zensur, sondern plumpe Anpassung statt der Kunst. Harlan setzte nicht avantgardistisches Schaffen durch, sondern stellte sein Können in den Dienst eines menschenfeindlichen Systems. Im Nachhinein ist das Ausmaß seiner Schuld schwer abzuwägen. Allein die Frage, wie viel Verantwortung Harlan für “Jud Süß” trägt, kommt zu einem gewissen Grad einer Stellungnahme gleich. Wollte er den Film drehen oder wurde er, wie er selbst behauptete, dazu gedrängt? Wenn seine Behauptung zutrifft, würde ihn dies weniger schuldig machen? Hätte er sich nicht trotz drohender Beendigung seiner Karriere widersetzen sollen? Es gibt keine Einigung zwischen den Kindern und Enkelkindern Veit Harlans. Jedes hat sich ein individuelles Bild vom Vater und Großvater geschaffen, welches von privaten Erlebnissen und sozialer Orientierung beeinflusst wird. Felix Moellers Film scheitert trotz aller Verdienste letztendlich daran, die Persönlichkeit Veit Harlans nicht entschlüsseln zu können. Ob ihn persönlicher Fanatismus oder Unverständnis lenkte, ob er ahnte, wusste oder nicht sehen wollte, welchen Einfluss sein Schaffen hatte – was bleibt, sind Spekulationen. Harlans erste Frau verließ ihn, um einen Juden zu heiraten. Eine narzisstische Kränkung, vermutet sein Sohn als Mitbeweggrund für “Jud Süß”. Wie aber reagierte Harlan auf eine Zweitauflage dieser Kränkung, der Heirat seiner Tochter mit einem Juden?  Nur, dass die von Schuldgefühlen bezüglich der Familiengeschichte von der Tochter geschlossene Ehe in die Brüche ging erfährt man.

Diese Szene ist bezeichnend für den Fokus der Dokumentation. Ihn richtet Regisseur und Autor Felix Moeller auf diejenigen, welche heute “Im Schatten von Jud Süß” stehen. Harlans Kinder und deren Nachfahren. Wenig wird greifbar von Harlans Person, trotz der gut recherchierten Film- und Bildmaterialien. Dass er ein außergewöhnliches Regietalent zur Konstruktion unechter Gefühle hatte, der Suggestion von Liebe, Trauer und Freundschaft durch  filmische Effekte? Diese Fähigkeit verdankt er vermutlich seine Rolle in der NS-Filmindustrie. Einmal gelangt Felix Moeller in einem alten Interview Veit Harlans ganz nah an die Wahrheit. Weil Goebbels keine Kriegsgräuel im Durchhaltefilm “Kolberg” sehen wollte, mussten die Gräuelszenen herausgeschnitten werden, berichtet Harlan: “Grauen für zwei Millionen.” Mehr als den Schrecken, den er verursachte, interessierte ihn Geld. Fanatisch war Harlan nicht als Nazi oder Künstler, sondern Karrierist. Dies macht ihn so gespenstisch.

Originaltitel: Halan – Im Schatten von Jud Süß

Genre: Dokumentation

Land/Jahr: Deutschland 2008

Kinostart: 23. April 2009

Regie und Drehbuch: Felix Moeller

Kamera: Ludolph Weyer

Mit: Jan Harlan, Thomas Harlan, Maria Körber, Caspar Harlan, Jessica Jacoby

Verleih: Salzgeber

Laufzeit: 99 Minuten

FSK: Ab 12

Internet: www.salzgeber.de

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