Kein Glühwein und Amaretto, aber einen neuen Trainer – Der DEL-Rekordmeister Berlin holt die NHL-Legende Uwe Krupp

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Er wolle, so Krupp, schon am Freitag gegen Straubing von der Mannschaft eine gute Leistung sehen und die direkte Qualifikation – mindestens Sechster – für die Play-off-Meisterschaftsrunde ansteuern. „Und dann wollen wir wie andere  nach vorne schauen.“ Es sei eine Ehre für ihn, für die Eisbären tätig zu sein, „denn hier geht es um Titel“.

Zwischen der Meldung vom Rhein, man habe sich bei der Vertragsauflösung mit Krupp außergerichtlich geeinigt, und dem Wechsel in die Hauptstadt lagen nur wenige Stunden. Wobei es die die letzte Vertragsauflösung dieser Art in Berlin 2002 mit Uli Hegen gegeben hatte. Dann trugen Pierre Page, Don Jackson und nun rund 18 Monate Tomlinson die sportliche Verantwortung.

Das sonntägliche 4:3 nach Penaltyschießen über die Hamburg Freezers konnte die Eisbären-Leitung um Manager Peter John Lee nicht  davon überzeugen, dass Tomlinson die Mannschaft noch auf Kurs bringen würde. Das Spiel blieb wie so oft zuvor Stückwerk. Gegen die ungemein aggressiv agierenden Gäste war von einem durchdachten Spielaufbau kaum etwas zu sehen. Das Überzahlspiel der darin einstmals gefürchteten Eisbären blieb zu kleinteilig, zu langsam, zu harmlos. „Kaum anzusehen“, befand hinterher ein Insider.
Dem gegenüber Medien stets offenen und authentischen Tomlinson, seit 2000 mit Unterbrechungen dem Klub verbunden, waren die Defizite und die allgemeine Stagnation nicht entgangen. „Wir müssen uns nicht anlügen – trotz des Erfolges war Nürnberg die bessere Mannschaft“, hatte er in bemerkenswerter Ehrlichkeit nach dem vorherigen 3:1-Auswärtssieg gestanden. Trotz verbaler Appelle, trotz akribischer Videoanalysen- und Vorbereitung, trotz Spezialtrainings im power play und trotz Durchmischen der Blöcke hat der 44-Jährige nicht den Schlüssel zu dauerhaft stabilem Spiel und nötigen Ergebnissen gefunden.

Manche Beobachter glauben, dass ihm das fehlt, was der 49-jährige Krupp im Übermaß mitbringt – die natürliche Autorität! Tomlinson war nie ein herausragender Spieler auf  Eisbären- oder DEL-Ebene. Doch sein Nachfolger übertrifft diesbezüglich die aktuellen Eisbären-Protagonisten – selbst Akteure mit NHL-Erfahrung wie Mark Bell, Antti Miettinen oder Petri Vehanen –  um Längen: Mehr als 800 Matches in der nordamerikanischen NHL, einmal Gewinner des Stanley Cups, fünf Jahre Bundestrainer (u.a. WM-Vierter) und drei Jahre beim Spitzenteam Kölner Haie.

„Wir haben viele Gespräche geführt und uns zu diesem Schritt entschlossen. Das ist sicherlich eine Entscheidung mit kurzfristigen Auswirkungen, bei der für uns die langfristigen Planungen im Vordergrund stehen“, erklärte Eisbären-Macher Lee.

Das rasche Handeln des Managements konterkariert auch die Behauptung einer Berliner Tageszeitung, der familiäre und freundschaftliche Umgangston bei den Eisbären sei maßgeblich verantwortlich für die sportliche Krise (derzeit 8.). Weil er schmerzhafte Entscheidungen und Trennungen lähme. Dass aber gerade Kontinuität im Personalbereich – wie oft hatten Medien den vorzeitigen Rauswurf von Erfolgscoach Jackson gefordert – im Gegensatz zu anderen DEL-Vereinen die Grundlage der Eisbären-Triumphe bildete, wurde dabei ausgeblendet.

Beim erwähnten 4:3 über Hamburg nach 1:3-Rückstand und phasenweise erschreckend schwachem Spiel hatte es am Sonntag Pfiffe und Sprechchöre gegen die Akteure gegeben: Aufwachen! Wir wollen Euch kämpfen sehen!
Auch die Lounge der Eisbären-Leitung bekam ihr Fett ab. Mit  Sprechgesängen gehobener Fankultur: Kaffe und Kuchen! Glühwein und Amaretto!

Schon da aber dürften Lee und Co. keineswegs noch im Friede-Freude-Eierkuchen-Modus gewesen sein. Denn sonst wäre die schnelle Reaktion kaum zustande gekommen.

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