Kallawaya – Die Heilkunst der Anden im Leipziger Grassimuseum

Keramikgefäß: Blinder mit Nabelbruch, Moche-Kultur

Leipzig (Weltexpress) – Mit ’Kallawaya’ wirbt das Grassimuseum für Völkerkunde am Johannisplatz im Leipziger Stadtzentrum für eine Sonderausstellung. Kallawaya stammt aus der Quechua-Sprache der Indegenas von Peru und Bolivien. Übersetzt bedeutet das Wort „Wanderheiler“. Sie lesen richtig „Wander-„ nicht „Wunderheiler“, obwohl diese Menschen den Namen auch tragen könnten. Bereits in der Zeit vor Kolumbus wanderten diese Heiler in den Anden von Dorf zu Dorf. Sie sind Ritualspezialisten kombiniert mit einem umfangreichen Heilkräuterwissen. Diese Kombination aus Emotion bzw. Psyche und realer Heilkunde bringen den Erfolg. Zudem auch heute noch in ländlichen Gebieten der Anden ein Arztbesuch zu teuer ist. Prof. Dr. Dr. h. c. Ina Rösing lebte viele Jahre bei den Kallawaya und erforschte diese Heilmethoden aus sozialwissenschaftlicher und psychotherapeutischer Sicht. Anschaulich wird besagte Kombination von Ritual und Natur(-Heilkunde) mit vielen Exponaten dargestellt.

Alles beginnt in der Ausstellung mit Keramikgefäßen, mit Skulpturen und Gesichtern, die Gebrechen der Menschen aus vorkolumbianischer Zeit zeigen. Vor allem die Moche-Indegenas haben menschliche Gesichter und Körper mit Krankheiten dargestellt. Da gibt es Siamesische Zwillinge, einen sitzenden Mann mit Amputationen aus dem 1. Jahr-hundert, ein Gesicht mit Hasenscharte, eine grinsende Person mit offenbar psychischen Störungen aus dem 5. Jahrhundert, ein Mensch mit Rückenbeschwerden aus dem 4./5. Jahrhundert oder einen Blinden mit Nabelbruch aus dem 6./7. Jahrhundert. Dienten diese Figuren vielleicht als ’Lehrbuch’? Es ist nicht geklärt.

Nach diesem historischen Prolog mit Exponaten aus einer sonst der Öffentlichkeit kaum zugänglichen Privatsammlung aus Geldern geht es direkt zur alten, aber bis in die Gegenwart wirkenden Heilkunst der Anden

Auf 450 m2 werden im Grassimuseum Ritualingredenzien und -requisiten der verschie-denen Heilungstypen sowie eine große Fülle an Amuletten für alle Bereiche des Lebens in den Anden präsentiert. Da gibt es Amulette für die Liebe, die Ehe, die Nachkommenschaft oder für den Reichtum. Das Amulett Khuya Khuya – das sind schwangere Frauen mit großem Geschlecht – hilft den Kinderwunsch erfüllen. Frau muss nur fest daran glauben, dann klappt das auch”¦

Zu sehen sind auch Amulette für andere Lebensbereiche – zum Beispiel für das eigene Feld, für Tiere, für das ausgeübte Handwerk. Gezeigt werden Ahnenamulette zur Abwehr von Übel. Unheil kann nach Ansicht der Andenheiler durch moderne Ampullen der Pharmaindustrie, in denen Pflanzenteile und undefinierbare Zusätze in einer Flüssigkeit schwimmen, abgewendet werden.

Die Ausstellung zeigt zudem die differenzierte Heilkunst der Anden. Es werden Kombinationen von Utensilien für die so genannte ’Schwarze’ bzw. ’Weiße’ Heilung gezeigt. Die Schwarze Heilkunst richtet sich gegen den Verursacher des Leids – gegen den vermeintlichen Feind. Zur Schwarzen Heilkunst gehören Salz und Pfeffer. Beide Stoffe „brennen“ und bringen den Feind zum Heulen. Haare vom Feind und vom Stachelschwein sowie alte Metallnadeln, Rinderhorn, dunkle Wolle bringen dem Feind Unheil.

Die Weißen Heilrituale wirken dagegen durch das Aufheben der Bedrohung durch Opferschuld gegenüber den Göttern, Geistern oder Ahnen. Es wird deshalb für sie ein Opfermahl bereitet. Dazu gehören Zigaretten, Kokablätter, Süßigkeiten, Blumen, Alkohol, Ersatzstoffe für Gold und Silber sowie Weihrauch. Das alles wird verbrannt. Opferschuld ist nach Ansicht der Heiler die häufigste Krankheitsursache. Der Mensch ist den heiligen Orten etwas schuldig geblieben. Er hat es z. B. an Respekt und Nahrung fehlen lassen. Diese Opferschuld kann der Erkrankte auch ererbt haben. Aber das ist kein Problem. Es kann korrigiert werden. Die Schuld kann abgetragen werden.

„Beobachten, Heilen und Reisen“ sind die Aktivitäten der Heiler. Die ’Lehrzeit’, so erfährt der Ausstellungsbesucher, dauert viele Jahre. Der berufene Nachwuchs geht dem Heiler zur Hand. In seiner Lehrzeit lernt er vom Alten bzw. von der Alten die Heiltrituale und die Kräuterkunde. Übrigens, zur Berufung: Berufen wird der künftige Heiler an heiligen Orten. Dazu kann zum Beispiel das Überleben eines Blitzes gehören.

Ein Kräuterheiler kennt etwa 350 Pflanzen und ihre Wirkungen. Der Heiler hat alles im Gedächtnis gespeichert. Es gibt nichts Schriftliches. Unterschieden werden die Kräuter nach ’heiß’ bzw. ’warm’ – also Hitze produzierende oder schweißtreibende Kräuter sowie ’kühlende’ Kräuter zum Wirken auf Entzündungen. Die internationalen Pharmakonzerne sind auch an dieser Quelle. Bereits 50 Spezies von Kräutern haben sie den Kallawaya ’abgenommen’. Deshalb Vorsicht Kallawaya. Passt auf eure Urheberechte auf. Es gibt viele ’Lügenbarone’ auf der Welt, die gern geistiges Eigentum stehlen. Und in diesem Falle geht es um viel Geld.

Auch bei den Heilern gibt es seit einiger Zeit so genannte sesshafte Trittbrettfahrer, die den Leuten für Scharlatan-Ratschläge Geld abluchsen. Ich bin solchen Heilern begegnet. Kommentar: Jedes Gewerbe hat eben seine schwarzen Schafe”¦ I

Die Heilkunst Kallawaya wird vielleicht von nicht wenigen Westlern als Hokuspokus bezeichnet. Eine Antwort darauf gibt die Ausstellungsmacherin Ina Rösing: „Was als gesund oder krank gilt, das ist kulturell sehr unterschiedlich und tief im jeweiligen Weltbild verankert.“

Ein finaler Gedanke dazu: Glauben muss der Patient an jede Form von Heilkunst und Medizin. Das betrifft auch die moderne Schulmedizin. Wer nicht an die Gesundung glaubt, wem die Motivation fehlt, der gibt sich auf und der hat verloren!

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Info:

Die Sonderausstellung im Grassimuseum für Völkerkunde Leipzig

am Johannisplatz läuft noch bis 08. Mai 2011.

Weg: Tram 15 ab Hauptbahnhof Richtung Meusdorf (2. Haltestelle) oder

10 Gehminuten vom Hauptbahnhof

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10-18 Uhr

Eintritt: 6/3 Euro

Anmeldung für spezielle Führungen unter Tel 0341-9731904

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