In den Naxoshallen: Der Film über Fritz Bauer – Frankfurter „erzwingen“ eine weitere Vorstellung des Dokumentarfilms von Ilona Ziok

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Fritz Bauer

Seinen Werdegang entwickelt Ilona Ziok im Film einsichtig und erst recht, warum er das Angebot der Hessen annahm, Generalstaatsanwalt im neugeschaffenen Bundesland der neugeschaffenen Bundesrepublik zu werden. In Hessen hatte sich unter sozialdemokratischer Führung der dann lange gültige Slogan „Hessen vorn“ gebildet, weil man mit dem untadeligen Georg August Zinn einen aufrechten Demokraten als Ministerpräsidenten hatte, der in der Aufklärung über die eigene Geschichte, der Verfolgung von nationalsozialistischen Überbleibseln und einer Politik, die auf soziale Gerechtigkeit und Bildung für das Volk setzte, den Intentionen von Bauer entgegenkam.

Im Film kommen auch längst verstorbene Weggefährten zu Wort, wie Gerhard Zwerenz, der seine mit Bauer geführten Streitgespräche publizierte. Darin äußert sich Fritz Bauer – und solche Passagen werden dann im Film gesprochen oder sind sichtbar – zu seinen Motiven recht eindeutig: „Wir Emigranten hatten so unsere heiligen Irrtümer. Daß Deutschland in Trümmern liegt, hat auch sein Gutes, dachten wir. Da kommt der Schutt weg, dann bauen wir Städte der Zukunft. Hell, weit und menschenfreundlich. […] Dann kamen die anderen, die sagten: „Aber die Kanalisationsanlagen unter den Trümmern sind doch noch heil!“ Na, und so wurden die deutschen Städte wieder aufgebaut, wie die Kanalisation es verlangte. […] Was glauben Sie, kann aus diesem Land werden? Meinen Sie, es ist noch zu retten? […] Nehmen Sie die ersten Bonner Jahre! Keine Wehrmacht! Keine Politik der Stärke! Nun betrachten Sie mal die jetzige Politik und die Notstandsgesetze dazu! Legen Sie meinethalben ein Lineal an. Wohin zeigt es? Nach rechts! Was kann da in der Verlängerung herauskommen?“ Fritz Bauer
1903-1968, aus: Gerhard Zwerenz: Gespräche mit Fritz Bauer. In: Streit-Zeit-Schrift VI,2, Frankfurt a.M., September 1968, S. 89-93, hier S. 92f.

Bekannt geworden war Bauer, das erfahren wir aus dem Film, als er als Generalstaatsanwalt von Niedersachsen 1952/53 einen Prozeß ins Rollen brachte, der mit dem Vehikel der üblen Nachrede und Verleumdung gegen diejenigen vorging, die auch in der Nachkriegszeit noch behaupteten, die Widerstandskämpfer vom 20. Juli 1944 seien Verräter und Staatsverbrecher, so wie es Tenor im Nationalsozialismus war. Tatsächlich wurde in diesem Prozeß entschieden, daß es ein Widerstandsrecht gäbe und deshalb die hingerichteten „Verschwörer“ als Widerstandskämpfer rehabilitiert wurden. Dieses Urteil war durchschlagend und wie selbstverständlich wir heute damit umgehen, einschließlich von Hollywoodfilmen zum Thema, zeigt, daß die wohl nie abzuschließende Aufarbeitung des Nationalsozialismus in den letzten Jahrzehnten große Fortschritte gemacht hat. An deren Anfang stand Fritz Bauer. Das wissen die Eingeweihten, aber das vermittelt dieser Film auch den anderen.

Wie alleine sich Fritz Bauer in einem revanchistischen Deutschland mit Leuten wie Staatssekretär und Nazi Globke an der Spitze fühlen mußte, das macht einem beim Zuschauen vieler Szenen Gänsehaut. Ilona Ziok hat viel Material zusammengeschnitten, eine bedeutsame Grundlage ist eine Sendereihe des Hessischen Rundfunks, in der sich Fritz Bauer zu vielen Fragen äußert. Seine Stimme ist bestimmt, aber seine Augen sind oft traurig, wenn er über die vielen Versuche, die nationalsozialistischen Bonzen zur Verantwortung zu ziehen, spricht.

Daß es Fritz Bauer war, der überhaupt den Auschwitzprozeß initiiert hatte und ihn ermöglichte, wissen ebenfalls nur die, die das damals noch miterlebten. Denn Fritz Bauer ist nicht nur in den Wissenschaften nicht mehr vorhanden, er ist auch aus dem Bewußtsein der nachwachsenden Generationen entschwunden. Daß hat sicher mit seinem plötzlichen und frühen Tod zu tun, auf den wir noch kommen und der zeitgemäßen Unlust an der Vergangenheitsbewältigung, die ja so richtig erst nach den Unruhejahren 1968 kamen, da war Fritz Bauer schon gestorben, ein Jahr übrigens vor Theodor W. Adorno. Denn eigentlich hätten die beiden Stichworte Auschwitzprozeß und Eichmannentführung aus Argentinien und Prozeß in Israel reichen müssen, um Fritz Bauer in Deutschland, zumindest aber in Hessen ein ewiges Gedenken zu sichern.

In Frankfurt, an seinem Wohnort, in der Feldbergstraße, ist noch nicht einmal eine Gedenktafel angebracht. Auch das erfährt man im Film so nebenbei, der eine ungeheure Fülle an Informationen bringt, auch welche die unter die Haut gehen. Sein Tod ist unaufgeklärt. Er war einfach tot, heißt es. In der Badewanne. Es gibt keinen Abschiedsbrief, es gab keine sichtbaren Gewaltspuren. Eine Obduktion gab es auch nicht, was angesichts der in den heutigen Krimis als Pathologen ständig tätigen einem seltsam vorkommt. Ein von alleine eingetretener Tod. Wie seltsam und so gar nicht passend zu dem aufregenden und zermürbenden und die Mächtigen und die Naziverbrecher entlarvenden gefährlichen Leben eines deutschen Staatsanwaltes, wie es wohl keinen zweiten gab.

Es gibt weitere Szenen, die unter die Haut gehen. Mit dem Auschwitzprozeß und dem Fall Eichmann gelangen wir über Dokumentarmaterial direkt ins finsterste Herz deutscher Geschichte, hinein in die Konzentrationslager, den Mord durch Vergasen an Juden und anderen Verfolgungssituationen, die im Film als historische Aufnahmen, also original gezeigt werden. Das kann man kaum ertragen anzuschauen. Aber man selber darf nach dem Film weiterleben. Das ist der eine Aspekt dieser Themen. Ein anderer ist, daß Ilona Ziok gerade durch ihre sehr sachliche und unaufgeregte Kommentierung uns glauben läßt, selber einem Krimi auf der Spur zu sein. Die Rolle von Bauer im Kontext Eichmann ist kühn und äußerst realistisch, wenn er sagt, daß außer ihm nur mit Zinn darüber gesprochen werden dürfe, denn nur bei ihm finde er die gleiche Haltung wie bei sich.

Bei der Podiumsdiskussion der mehr als dreihundert Juristen, die in eigener Vorführung des Frankfurter Anwaltsvereins den Fritz Bauer Film gesehen hatten, gab es auch diejenigen, die Bauer noch gekannt hatten und mit großer Sympathie und tiefer Bewunderung von seinem aufopferungsvollen Einsatz für Recht sprachen und damit den Tenor des Films fortsetzten. An den Fragezeichen hinsichtlich des Todes, die Ilona Ziok im Film deutlich setzt, ohne sie konkret anzuprangern, rieb sich die Versammlung. Das Ziel allerdings, daß wieder über Fritz Bauer und damit über die Aufklärung verhinderten gesellschaftlichen Zustände der Nachkriegszeit gesprochen wird, erreicht der Film in hervorragender Weise. Und damit sind dann alle wieder zufrieden.

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