Im Krebsgang – Der Krabbenkutter war ihr Schicksal: Sabus sozialpolitische Groteske „Kanikosen“ im Berlinale Forum

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Respektlosigkeit Jedoch nur gegenüber den polemischen Tendenzen der Vorlage, nicht ihrer Figuren. Das Leid der Arbeiter bleibt in „Kanikosen“ immer greifbar und konkret, so skurril die Handlung manchmal anmuten mag. Deren Handlungsort ist ein infernalischer Konservendampfer. Im Akkord müssen die Arbeiter hier Krabben fischen, zerkleinern und in Dosen abfüllen. Unter Deck sind sie in dem rostbraunen Schiffsbauch eingesperrt wie in einer Dose. Alle gehüllt in die gleichen, immer triefenden Pelerinen, wie die Ölsardinen. Manch einer hält der Überlastung nicht stand und benimmt sich selbst wie eine Krabbe. Seitwärts gehen ist eines der Symptome. Menschenwürdige Behandlung erleben die Fabrikarbeiter auf dem Frachter nicht. Wie eine aalglatte Variation Kapitän Ahabs humpelt der Vorarbeiter, der entgegen seiner Berufsbezeichnung nie arbeitet und erst Recht nicht den anderen vorarbeitet, die Reihen der Schuftenden entlang. Ein buckliger Gehilfe, der an die fiesen Assistenten verrückter Wissenschaftler aus alten Horrorfilmen erinnert, prügelt auf die Männer ein, wenn sie aufmucken. „Das Leben ist nicht fair. Wir werden nie gewinnen. So werden wir geboren.“, fasst einer der Arbeiter die fatalistische Weltsicht unter seinen Kollegen zusammen. Der Tod erscheint da eine angenehme Zuflucht. Nur ein junger Arbeiter will leben. Eine Geisteshaltung, die ansteckt.

Sabu weiß, dass er Kobayashis programmatische Botschaft vom ausgebeuteten Bürger zweiter Klasse achtzig Jahre später nicht ungefiltert übernehmen kann, ohne polemisch zu werden. Sein filmisches Manifest inszeniert er daher als Mischung aus beißender Satire und Groteske. Die bizarre Szenerie erinnert an den visuellen Reichtum des frühen Jean-Pierre Jeunets, nur das Sabu, hinter dessen Künstlerpseudonym sich Hiroyuki Tanaka verbirgt, originell ist, wo Jeunet kalkulatorisch geworden ist. Dem Leid der Fabrikarbeiter steht ihr Selbstmitleid in nichts nach. Alle haben Kinder und greise Eltern, die sie versorgen müssen, wie sie einander erzählen, einer sogar noch einen winselnden Hund. Es regnet durchs Dach, wenn es überhaupt eines gibt, bei dem einen heftiger als beim anderen. Und man selbst muss den anderen den Schirm halten. In ihrer Opferrolle haben sich die Arbeiter arrangiert, dies zeigt Sabu mit sarkastischem Witz. Nach dem kollektive Selbstmord hoffen die Arbeiter als Kinder einer reichen Familie wiedergeboren zu werden, alle als Brüder. „Kanikosen“ ironisiert die kommunistische Wunschvorstellung der Gleichheit, indem es sie absichtlich wortwörtlich nimmt. Im Geiste sehen die Arbeiter sich im nächsten Leben als Wohlstandskinder miteinander Ball spielen – Mitglieder der ausbeuterischen Oberschicht, nicht Rebellen dagegen. Dennoch ist ihre Ausbeutung durch die Vorgesetzten in „Kanikosen“ nicht weniger verurteilenswert. Den Aufstand müssen sie jedoch erst erklärt bekommen, auf einem russischen Frachter von einem clownesken Schiffskoch. Wer bringt die Erlösung? Die Narren bringen sie.

Ganz abschütteln kann Sabu den Hang der Romanvorlage zum Polemischen nicht, will es vielleicht gar nicht. Aufrührerische Reden werden vor versammelter Mannschaft gehalten. Nur auf das „Matrosen aller Schiffe vereinigt euch!“ muss man verzichten. Eine blutige Fahne auf der Leinwand wehen zu lassen, ist ein sehr gewagtes Bild, so leicht kann es ins Lächerliche abgleiten. Doch das Konservenfabrikschiff wird kein zweiter Panzerkreuzer Potemkin. Weil er seine Lacher geschickt andernorts platziert, kommt „Kanikosen“ mit einigen beinahe unfreiwillig komischen Szenen durch. Seine Sympathie gilt keiner politischen Ausrichtung, sondern dem unterdrückten Individuum. Freiheit liegt im selbstbestimmten Handeln, nicht dem Befolgen einer Doktrin. Jeder ist seiner eigenen Konservendose Schmied.

Titel: Kanikosen

Berlinale Forum

Land/Jahr: Japan 2009

Genre: Satire

Regie und Drehbuch: Sabu

Darsteller: Ryuhei Matsuda, Hidetoshi Nishijima, Hirofumi Arai

Laufzeit: 109 Minuten

Bewertung: ****

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