Griff in die Geschichte – Der „Überfall“ auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941

Ein T-34, ein Panzer aus russischer/sowjetischer Produktion, der von 1940 bis 1958 gebaut wurde.

Berlin, Deutschland (Weltexpress). „Der Generalstabschef der sowjetischen Streitkräfte, Marschall Georgi Schukow, sah nur eine drastische Möglichkeit: ‚Wenn man in Betracht zieht, daß Deutschland sein gesamtes Heer einschließlich rückwärtiger Dienste mobilisiert hat, so besteht die Möglichkeit, daß es uns beim Aufmarsch zuvorkommt.‘ Zum besseren Verständnis unterstrich er ‚zuvorkommen‘ und schickte die Nachricht an den Staats- und Parteichef der Sowjetunion, Josef Stalin. Man schrieb den 15. Mai 1941.“

So beginnt der Historiker Stefan Scheil seinen Beitrag in der „Jungen Freiheit“ (14. Mai 2021) zum Kriegsbeginn des Deutschen Reiches gegen die Sowjetunion am 22. Juni 1941. Damals standen fast 260 sowjetische Divisionen zum Angriff bereit. Die Wehrmacht kam ihnen zuvor.

Nach dem Zweiten Weltkrieg hat sich dieser deutsche Angriff als „Überfall“ in den Köpfen festgesetzt. In den Schulbüchern steht es so und wer auch nur den geringsten Zweifel daran äußert, ist ein Revanchist, denn wieder einmal „kann nicht sein, was nicht sein darf“.

Seit dem Ende der Sowjetunion und der Öffnung sowjetischer Archive hat sich jedoch die historische Sicht auf diesen 22. Juni 1941 verändert. War es tatsächlich ein „Überfall“ oder ein „Präventivschlag.“ Wie dem auch sei; ich erinnere mich noch heute – damals war ich sieben Jahre alt – daß mein Großvater, der im Ersten Weltkrieg als Unteroffizier und mit dem Eisernen Kreuz I. und II. Klasse dekoriert in russische Gefangenschaft geraten, bei der Sondermeldung aus dem Volksempfänger bleich geworden war. Vielleicht hat er das Ende bereits geahnt. Ich selbst hatte andere Gedanken, denn ein paar Monate zuvor waren Teile der Stettiner Garnison siegreich aus Frankreich zurückgekehrt, und wir hatten begeistert Blumen auf die marschierenden Soldaten geworfen. In meinem Kopf konnte damals nur noch ein weiterer Sieg bevorstehen. Meine Spielsachen bestanden daher nur aus Soldaten und dem dazugehörigen militärischen Material. Ein Foto davon hat Ausbombung (1943) und Vertreibung (1945) überlebt.

„Überfall“ oder Präventivschlag?

Diese Diskussion dauert an. Auch 80 Jahre später. Auf deutscher Seite wagte sich als erster ernstzunehmender Historiker Dr. Joachim Hoffmann vom Militärgeschichtlichen Forschungsamt der Bundeswehr in Freiburg mit dem dienstlichen Forschungsgebiet „Streitkräfte der Sowjetunion“ daran, die behauptete These vom brutalen „Überfall“ in Frage zu stellen. Dabei geriet er, wie vorauszusehen in schweres „Fahrwasser“. Die deutsche Staatsraison schien auf dem Spiel zu stehen. Hoffmann, der bereits mit seiner Darstellung des Rußland-Krieges im IV. Band der offiziellen deutschen Geschichte des Zweiten Weltkrieges 1983 in eine heftige Kontroverse geraten war, bei der er allerdings sogar vor Gericht obsiegte, legte dann nach. In seinem Buch mit dem Titel „Stalins Vernichtungskrieg 1941-1945“ brachte er 1995 den Nachweis, daß Stalin mit überwältigenden Kräften einen Angriffskrieg gegen Deutschland vorbereitete, dem der Angriff der Wehrmacht nur knapp zuvorgekommen sei. Stalins Vernichtungskrieg hat bereits unmittelbar nach dem 22. Juni 1941 begonnen. So waren sämtliche politische Gefangene auf seinen Befahl hin vor dem Rückzug der Roten Armee zu erschießen. Allein in den Gefängnissen zu Lemberg sind seit dem 24. Juni 1941 über 4000 Ukrainer und Polen, unter ihnen auch Juden und deutsche Kriegsgefangene vom NKWD z. T. bestialisch ermordet worden. Der evangelische Wehrmachtspfarrer Klinger und der katholische Sindersberger machten am 8. und 15. Juli 1941 als Augenzeugen folgende Aussagen: „Leutnant Sommer und sechs Soldaten sind bei lebendigem Leibe verbrannt, Leutnant Wordell und andere Soldaten erschossen oder erschlagen und beraubt worden. Ermordet worden war zudem an einer Rote-Kreuz-Armbinde deutlich erkennbares Sanitätspersonal. Am 28. Juni 1941 haben Sowjetsoldaten bei Minsk eine als solche deutlich gekennzeichnete Kolonne des Krankenwagenzuges 127 überfallen und einen Großteil der Verwundeten und der begleitenden Sanitätssoldaten niedergemetzelt.

Man könnte die Reihe dieser Verbrechen endlos fortsetzen, und sie stehen damit immer noch in keinem Verhältnis zu denen, die durch die Wehrmacht begangen wurden. Diese sind dann auch meistens durch Kriegsgerichte geahndet worden und sollen nicht verschwiegen werden. Darüber ist ja auch bereits eine so reichhaltige Literatur erschienen, daß diese hier nicht auch noch einzeln aufgeführt werden muß. Sie sind jedoch, will man den rechten Maßstab gewinnen, vor dem Hintergrund überdimensionaler sowjetischer Menschheitsverbrechen zu sehen. Denn bevor die Deutschen in der Sowjetunion auch nur eine Untat begehen konnten, hatten die Bolschewisten von sich aus bereits in der Sowjetunion oder in den von ihr annektierten Gebieten Millionen und Abermillionen unschuldiger Menschen vernichtet (Schwarzbuch des Kommunismus, 1997, deutsch 1998, 987 Seiten).

Die nun wahrlich nicht als revanchistisches Blatt bekannte FAZ, die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ beendete mit ihrer Ausgabe vom 10. Oktober 1995 ihre Rezension von Hoffmanns Buch mit dem Satz: „Das präsentierte Material seines (Hoffmanns) Buches ist hinreichend überzeugend.“

Übrigens hatte die Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen am 11.10.1996 eine „Kleine Anfrage“ (Drucksache 13/5559) an die Bundesregierung wegen dieses Buches gestellt. Zitat u.a.: „Zudem äußert sich Hoffmann auch zum ‚Auschwitzproblem‘ und zur ‚Gasangelegenheit‘ , für die er ‚letztlich keine Beweise habe finden können. Bei der Zahl von sechs Millionen ermordeter Juden handele es sich, um eine Zahl der Sowjetpropaganda.“

Die Antwort auf diese Anfrage, die noch mehrere andere Punkte enthielt, wurde zusammenfassend so beschieden: „Die Diskussion um die sogenannte Präventivkriegsthese ist, wie mehrfach betont, primär Gegenstand geschichtswissenschaftlicher Erörterungen, die sich der Einwirkung durch die Bundesregierung entziehen.“ Und was die im Buch enthaltenen Äußerungen zum „Auschwitzproblem“ angeht, so verweist die Antwort auf die Strafverfolgungsbehörde, die eine mögliche Strafbarkeit untersuchen müßte. Diese jedoch hat nicht stattgefunden.

Warum nicht? Da mag man spekulieren. Jedenfalls hat in der „Zeitschrift für Gegenwartsfragen des Ostens“ ‚OSTEUROPA‘ (5/2002, Seite 631 ff.), herausgegeben von der „Deutschen Gesellschaft für Osteuropakunde“ (DGO) der damals „Leitende Redakteur,“ DER SPIEGEL, Fritjof Meyer, einen Artikel über neue Erkenntnisse durch neue Archivfunde über „Die Zahl der Opfer von Auschwitz“ geschrieben. Darin kommt er zu dem Ergebnis von mutmaßlich 510 000 Toten, davon wahrscheinlich 356 000 im Gas Ermordeten. Sein Schlußsatz lautet lautet eindringlich: „Dieses Ergebnis relativiert nicht die Barbarei, sondern verifiziert sie – eine erhärtete Warnung vor neuem Zivilisationsbruch.“ Die Präsidentin der DGO war Frau Prof. Dr. Rita Süssmuth, ehemals MdB und Bundestagspräsidentin.

Neben Hoffmann hat auch der österreichische Historiker Heinz Magenheimer von der österreichischen Landesverteidigungsakadmie in Wien noch 2019 ein Buch mit dem Titel „Die militärische Kriegführung im II. Weltkrieg vorgelegt. Darin unterstützt er noch einmal die These vom deutschen „Präventivschlag.“ Zitat: „Jedenfalls stellte sich nach Angriffsbeginn heraus, daß die deutsche Offensive de facto Präventivcharakter hatte. Es steht einwandfrei fest, daß die Wehrmacht in einen übermächtigen Offensivaufmarsch hineingestoßen ist… Je näher der 22. Juni 1941 heranrückte, desto deutlicher erkannten die deutschen Führungsstäbe die bedrohliche Kräftekonzentration an der sowjetischen Westgrenze. So wurde das Motiv des Präventivschlages immer stärker und überwog damit die übrigen Motive, nämlich die Rassenideologie, die Eroberung von ‚Lebensraum‘ und die wirtschaftliche Ausbeutung. Selbst wenn man den Kommissarbefehl vom 6.6.1941 und die sonstigen völkerrechtlichen Maßnahmen in Betracht zieht, so standen diese nicht im Vordergrund, so daß man daraus keinen ‚Vernichtungskrieg‘ abzuleiten vermag. Hitler sprach zwar von einem Kampf auf Leben und Tod zwischen zwei verschiedenen Weltsystemen, doch dieser ‚Vernichtungskampf‘ beschränkte sich auf die ideologische Dimension. So sehr man auch das grausame Vorgehen der SS-Einsatzgruppen im Hinterland gegen Zivilisten, vor allem gegen Juden anprangern mag, so ging dies zu Lasten von SS und Polizei, auch unter der Mithilfe örtlicher Milizen“ (S. 83). Entschuldbar ist das nicht!

Zum Schluß noch einmal Stefan Scheil: „Wenn sich dennoch – Schukows Dokument und der sowjetische Aufmarsch – bis heute nicht allgemein herumgesprochen hat, so liegt das zugleich an der politischen Problematik, die mit der Erkenntnis verknüpft wäre, daß der deutsche Angriff auf die UdSSR einem russischen Angriff auf Deutschland nur knapp zuvorgekommen ist. Das politische Establishment in Berlin will davon nichts wissen und das in anderen Ländern auch nicht. Alle haben sich darin eingerichtet, von deutschen ‚Überfällen‘ auf andere Länder zu sprechen, sie gedenkpolitisch routiniert zu bewältigen und immer wieder einmal als Grund für finanzielle Forderungen vorzuzeigen…

Nun, dies wird nicht ewig so bleiben, denn eines steht fest: Die deutsche Wehrmacht ist der Roten Armee 1941 zuvorgekommen“ (Junge Freiheit, 14. Mai 2021).