Geschichte im Weltmaßstab neu denken: Beispiel Alexander der Große – Serie: Zur Vorstellung der beiden ersten Bände der neuen sechsbändigen Weltgeschichte der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft (WBG) im Historischen Museum in Frankfurt (Teil 2/2)

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Gustav Adolf Lehmann / Helwig Schmidt-Glintzer (Hrsg.): Antike Welten und neue Reiche. 1200 v. Chr. bis 600 n. Chr., Bd. II der WBG Weltgeschichte

Diese beiden antiken Kulturzentren – und der Begriff der Ökumene ist dabei hilfreich – haben weit über ihre benachbarten Regionen auf große Teile Asiens, des nördlichen Afrikas und Europas ausgestrahlt und zudem seit dem 2. Jahrhundert n. Chr. über die Seidenstraße direkte Kontakte miteinander gehabt. In diesem Zusammenhang sprach Lehmann auch die notwendige Diskussion über Sinn und Zweck der Übertragung der westlichen Geschichtsperiodisierung in „Altertum“, Mittelalter“ und „Neuzeit“ auf die chinesische-ostasiatische Welt an, die Band II verschiedentlich thematisiert. Den großen Umbruch 1200 v. Chr. habe es gegeben und werde in seinen Folgerungen auch dargestellt, aber im Zentrum der Darstellungen und Berichte stünde primär der Zeitraum von 600 v. Chr. bis ins 7. nachchristliche Jahrhundert, wobei weder die karthagisch-punische Vormachtstellung noch die Ausprägung der vielgestaltigen griechischen Staatenwelt im Mittelpunkt stehe, „als vielmehr die Aufrichtung des persischen Achaemenidenreiches um die Mitte des 6. Jh. v. Chr. – das letzte in der Reihe der alt-orientalischen „Weltreiche“, dessen Herrschaft sich tatsächlich über längere Zeit von Vorderindien bis tief in die Mittelmeerwelt und den Balkanraum erstreckt hat und dessen historische Bedeutung schlechterdings nicht überschätzt werden kann.“

Natürlich ist eine der wesentlichen Fragen an diese neue globale Weltgeschichte der WBG, wie sie mit dem Ende der Antike und des Altertums umgeht, für das es bisher verschiedene historischen Lesarten und Daten gibt. Nach übereinstimmenden Forschungsergebnissen sind nicht mehr die Krise des Imperium Romanum mit den Soldatenkaisern im 3. Jahrhundert n. Chr. und auch nicht die Spätantike mit der Christianisierung im 4. Jahrhundert, auch nicht die Festsetzung der germanischen Stammesgruppen im 5./6. Jahrhundert n. Chr. die entscheidende historisch-kulturelle Zäsur. „Als tiefster Umbruch von wahrhaft welthistorischer Bedeutung stellt sich vielmehr der Siegeszug der muslimischen Araber unter den ersten Kalifen dar, mit dem in wenigen Jahrzehnten (ab 638 n. Chr.) ganz Vorderasien und weite Teile des Mittelmeerraumes, die zuvor Kernländer des Imperium Romanum gewesen waren, unter muslimisch-arabische Herrschaft gerieten und von nun an dem Prozeß einer fundamentalen ethnisch-kulturellen Umgestaltung unterworfen waren.“

Im selben Zeitabschnitt hat dagegen die Ökumene des „Reichs der Mitte“ auch nach dem Ende der Han-Dynastie ein höheres Maß an Kontinuität und Konsistenz bewahrt. Entgegen der bisherigen Betrachtung unserer klassischen Antike zum Beispiel in der Propyläen Weltgeschichte, die grundsätzlich nicht den immensen Einfluß der orientalischen Kulturen auf die Entwicklung der griechischen Geistes- und Kunstwelt aufgenommen hatte, steht im vorliegenden 2. Band „dagegen die historisch-kulturellen Wechselwirkungen jeweils mit einem möglichst weiten Ausblick auf die ganze Welt des Altertums im Vordergrund; der überragenden Bedeutung gerade auch des iranischen Raumes für die ganze antike Geschichte ist hier Rechnung getragen worden – das Gleiche gilt für das hellenistische Ägypten, die Randvölkerzonen und den Austausch- und Transferprozess entlang der eurasischen Seidenstraße. Dabei hat sich im übrigen gezeigt, daß in einem auf diese Weise zeitlich und räumlich erweiterten historischen Blickfeld auch die Geschichte Israels, die dramatischen Schicksale des antiken Judentums und die Entstehung des Christentums am besten dargestellt und verstanden werden können.“, schloß Gustav Adolf Lehmann.

In der Arbeitsteilung der Vorstellung des 2. Bandes kam Helwig Schmidt-Glintzer die Funktion zu, den Begriff des Globalen und der Globalisierung noch einmal zu hinterfragen, aber auch zu konkretisieren sowie die Frage der Geschichte, die nach der eigenen Person wie die nach seiner Staatengemeinschaft für das jeweilige Selbstwertgefühl wichtig zu nehmen. Seine Ausführungen wie auch die sehr lebhafte, durchaus kontroverse Diskussion im Anschluß an alle Vortragenden waren in diesem Sinne geschichtlich selbstreferentiell auf die Funktion der Geschichte und ihre Aufgabe für das Zusammenleben der Menschheit bezogen. Schlag nach bei Goethe, ist immer ein guter Anknüpfungspunkt, erst recht in seiner Geburtsstadt Frankfurt am Main, aber allein das Zitat aus dem ’Vorspiel auf dem Theater`, das bringt: „Und wandelt mit bedächt’ger Schnelle vom Himmel durch die Welt zur Hölle.“, und zu dem Schmidt-Glintzer meinte, daß sich diese Weltgeschichte auf die irdische Welt beschränkt habe und die Hölle weglasse, zeigt doch auf, daß dies die Kunst mit z.B. Hieronymus Bosch oder die Literatur mit Dantes „Göttlicher Komödie“ mitliefert, ganz abgesehen davon, für wieviele Menschen ihr Leben auf Erden zur Hölle wurden. Dennoch ist der Ansatz goldrichtig, denn sich seiner Geschichte zu vergewissern, sich Geschichten zu erzählen, hat die Genesis in der Bibel genauso hervorgebracht wie die Kulturheroen Chinas in der „Großen Abhandlung“ im „Buch der Wandlungen“. Was die heutigen Geschichtswissenschaften darüberhinaus leisten, ist – neben dem Anspruch auf soviel Wahrheit wie möglich anhand von Quellen – das Vorhaben, die alten Feindbilder schon dadurch aufzulösen, daß man über sie soviel Informationen erhält, daß sie einem vertraut erscheinen, so Schmidt-Glintzer, was sicher möglich ist, was allerdings den Bezug auf die Gegenwart und die neuen Feindbilder nicht aushält, meinen wir.

Auf jeden Fall völlig richtig, in die Weltgeschichte Ursachen von Geschichtsprozessen wie Klima, Katastrophenerfahrung, Migration nicht nur aufzunehmen, sondern in ihrer Bedeutung überhaupt erst zu würdigen, was sich heute mit den Begriffen von Ökologie, Ressourcen der Erde, Nachhaltigkeit fortsetzt, bei denen die politische Frage diejenige bleibt, wer über sie verfügt. Neben den materiellen Grundlagen der Erde kamen aber in der Diskussion am Beispiel Alexander des Großen – und seinem Zug ans Ende der Welt in seinen Augen, nach Zentralasien bis zum Himalaya nach der Landkarte – zwei Aspekte besonders zum Tragen. Was einen Alexander aus Makedonien überhaupt bewegt hatte, das vorgestellte Ende der Welt, Indien, erreichen zu wollen, wobei man sich die Welt als Halbkugel vorstellte, und er auf diesem Kampfzug rücksichtslos ganze Städte, also neben den Männern, Frauen und Kinder tötete, und warum unser herkömmliches Geschichtswissen bisher in Persien und deren widersprüchlicher Einschätzung von Alexander stecken blieb. Letzteres will diese neue Weltgeschichte im Band II mit „Die Welt des Hellenismus“ korrigieren. Ersteres, nämlich die Frage, ob man Geschichte moralisch beurteilen könne, dies sogar müsse oder nicht dürfe, oder wie Schmidt-Glintzer meinte, die Geschichte aus größerem Abstand nicht mehr als durch uns moralisch beurteilbar erscheine, bleibt uns allen aufgegeben und eben auch, durch Fragen an die gut aufbereitete Geschichte erst die Substanz für moralische Beurteilungen zu gewinnen.

Bert Brecht meinte im 20. Jahrhundert: „Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral“, Feuerbach hatte im 19. Jahrhundert dafür plädiert, daß besser zu speisen zu einer höheren Moral führe (der Mensch ist, was er ißt), wir meinen im 21. Jahrhundert, daß Ethik, Verantwortung und Moral satten Europäern gut zuzumuten ist.

WBG Weltgeschichte, übrigens auf schön dickem, handlichen Papier gedruckt und mit sinnvollen Gliederungen, Karten und Bildern:

Band I, Jockenhövel, Grundlagen der globalen Welt. Vom Beginn bis 1200 v. Chr.

Band II, Lehmann/Schmidt-Glintzer, Antike Welten und neue Reiche. 1200 v. Chr. bis 600 n. Chr.

Über die WBG, die 1949 als Notwehr zuzusagen gegründet wurde, weil wissenschaftliche Bücher kaum vorhanden waren, wollen wir ein andermal ausführlich eine Verlagsvorstellung vornehmen.

www.wbg-wissenverbindet.de

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