Gesamtkunstwerk Expressionismus – Serie: „Kunst, Film, Literatur, Theater, Tanz und Architektur 1905-1925“, auf der Mathildenhöhe Darmstadt (Teil 1/2)

Ernst Ludwig Kirchner, Werner Gothein, Hugo Biallowons und Erna Schilling in Kirchners Atelier, 1915

Nur unsere oben angekündigten Bereiche „Musik“, zu der ja „Oper“ gehört, die sucht man als Einzelsparten vergeblich, obwohl man beim Durchschreiten der Ausstellung von allen Seiten Töne hört, da Filmmusik ein wichtiger Bestandteil der Leinwandwerke ist, wie auch Tanz ohne diesen nicht stattfindet. Wie Ralf Beil ausführte, traute man sich nicht, die „Musik“ in den Titel mitaufzunehmen, weil dann noch Weiterungen hinsichtlich der expressionistischen Komponisten hätten erfolgen müssen, was die Ausstellung uferlos gemacht hätte. Sehr verständlich, wenn man sich ernsthaft dem Ausgestellten widmet, und trotzdem schade, denn die Musik ist nicht nur in der Ausstellung selbst die Gemälde, Tanz und Film bestimmende Grundtonart, sondern ausgerechnet die expressionistische Oper bildet den Schlußpunkt der Ausstellung, wo als retardierendes Element diese Kunstform, die erst den Text, dann die Musik braucht, schließlich am 14. Dezember 1925 mit der Uraufführung von Alban Bergs „Wozzeck“ den Höhepunkt des Expressionismus und gleichzeitig sein Ende einläutete, dessen Beginn man mit dem Jahr 1905, der Gründung der Brücke ansetzt. Abgelöst wurde die Stilepoche von der Neuen Sachlichkeit, die ebenfalls 1925 in der Kunsthalle Mannheim ihren starken Auftritt hatte, wobei man über die Abgrenzungen Richtung Jugendstil und Art Deco ebenfalls sprechen müßte.

Alban Berg hatte rund zehn Jahre an seiner Oper gearbeitet, denn eine Aufführung des Woyzeck von Georg Büchner (Darmstadt, 1813-1837) in Wien hatte in 1914 so beeindruckt, daß er seine Fassung 1916 begann, 1921 fertig stellte, aber erst 1925 mit dem Ende des Expressionismus diese nach finanzieller Unterstützung von Alma Mahler-Werfel aufführen konnte, wobei der junge Adorno assistierte. Da war der Wiener Egon Schiele schon sieben Jahre tot und wenn mit ihm und dem Nachbau einer Nische des Berliner Ateliers von Ernst-Ludwig Kirchner von 1914, wo Möbel stehen, die so bestickt sind wie es auch die Wiener Werkstätten taten, die Ausstellung beginnt, so sind zwei Anliegen auf den Punkt gebracht und zur Einheit verschmolzen.

Es gab im Expressionismus nämlich noch stärker als sonst die künstlerische Doppelbegabung. Daß Schönberg auch Maler war, weiß man, daß Kokoschka auch Stücke schrieb, schon weniger, daß auch Egon Schiele ein lyrisches Werk verfaßte, weiß kaum einer. Und das sind nur einzelne Beispiele für die Häufigkeiten der Doppelt- und Dreifachbegabungen, die im Expressionismus auch deshalb so deutlich werden, weil der gemeinsame Stilwille eigentlich dem Leben diente und die Kunst dieses nur gestalten sollte. Denn es ist zwar richtig, dem Expressionismus den Willen zum Gesamtkunstwerk auf den Leib zu schreiben, aber so recht war damit mehr noch das Leben selbst gemeint, das durch die Einheit von Privatem und Arbeit zum Gesamtkunstwerk jedes einzelnen gerieren sollte. Das aber setzte, das ist klar, einen anderen Menschen als den bisherigen braven Untertanen voraus. Es ist also der Expressionismus – existentiell und philosophisch betrachtet – auch eine Erweckungsbewegung hin zu einem Zukunftsentwurf vom Menschen, in dem dieser aus den Fesseln einer allzu bürgerlichen Mittelmäßigkeit durch Entfaltung seiner Begabungen, auch seiner Sinne, zu einem freien schöpferischen geistigen Menschen würde.

P.S.: Nicht unerwähnt sollte bleiben, daß diese Ausstellung eine besondere Blüte im Strauß des „Phänomen Expressionismus“ ist, den der Kulturfonds Frankfurt RheinMain für das hiesige Gebiet zum Thema gemacht hatte, weshalb auch – nach der großen Kirchnerschau im Frankfurter Städel – bis zum Jahr 2012 rund 20 Kulturinstitutionen Ausstellungen und Aufführungen zum Expressionismus zeigen, auf die wir noch zu sprechen kommen, und die alle vom Kulturfonds initiiert und finanziell unterstützt worden sind. Herbert Beck, Geschäftsführer des Kulturfonds Frankfurt RheinMain und ehemaliger Direktor des Frankfurter Städel äußert sich mit dem Darmstädter Ergebnis äußerst zufrieden: „Im Rahmen von ’Phänomen Expressionismus` vermittelt die Überblicksschau auf der Mathildenhöhe Darmstadt gattungsübergreifend die durchschlagende Wirkung des Expressionismus. Eindrucksvoll stellt die Ausstellung unter Beweis, wie tiefgreifend die Suche nach neuen Ausdrucksformen für Umbruch und Erneuerung in allen Lebensbereichen steht.“

Ausstellung: Vom 24. Oktober bis 13. Februar 2010

Mit einem hochprozentigen Begleitprogramm einschließlich Filmprogramm

Katalog: Gesamtkunstwerk Expressionismus, hrsg. von Ralf Beil und Claudia Dillmann, mit 16 Essays und 31 Quellentexten, Verlag Hatje Cantz, erscheint am 8. November 2010.

Da der Katalog zur Ausstellungseröffnung noch nicht fertig ist, nimmt man um so dankbarer „Kunst zu Hören“ aus dem Verlag HatjeCantz zur Hand, wo eine CD eine akustische Führung zum „Gesamtkunstwerk Expressionismus 1905-1925“ bietet und die 49 Bildbeispiele die Situation herstellen können, die man bei der Direktschau im Museum hat. Wir haben uns an diese gute Idee aus dem Verlag HatjeCantz schon fast als selbstverständlicher Service gewöhnt. Bei dieser Ausstellung aber bemerkt man stärker noch als bei ’reinen` Kunstaustellungen, wie wichtig die verbindenden gesprochenen Worte sind, geht es doch um das gewaltige Unterfangen, die alle Künste umfassende Stilepoche des Expressionismus in eine Ausstellung, einen Katalog und hier eine akustische Führung wie einen Strauß zu binden, der neben der Pracht des Gebindes auch noch die einzelnen Blüten von Kunst, Film, Literatur, Theater, Tanz und Architektur sichtbar und riechbar macht. Und dieses gelingt!

Diesmal gibt es auch eine DVD zur Ausstellung, was wegen der Filmausschnitte sinnvoll ist.

Internet: www.mathildenhoehe.eu