Geist und Material – Serie: Ernst Barlach als Bildhauer und Zeichner im Leopoldmuseum in Wien (Teil 2/3)

Ernst Barlach: Der Berserker

Völlig anders die jugendstilige Schöne, „Kleopatra“ genannt um 1903. Rodin fällt einem ein, den Barlach erst einmal nicht besonders fand, erst recht Camille Claudel und diese Skulptur nimmt hier tatsächlich eine Ausnahmestellung ein, was durch ihr Material „Irdenware“ gefördert wird. Ein dekoratives Stück, wo sich Barlach dann doch noch den Zeitgeschmack einverleibt. Wenn Brecht so den „Melonenesser“ als neue Klassik betonte, hätte er auch den „Russischen Bettler mit Schale“ von 1906 nennen können. Da war noch lange nichts mit Kommunismus, den es eh nie gab, aber einen starr gelenkten Staatssozialismus. Dieser Bauer ruht hier in Würde und macht aufmerksam, daß laut Brecht vor der Moral der Hunger kommt. Sehr irdisch, aber nicht aus irdener Ware, sondern Steinzeug.

Dies ist auch eine Ausstellung, bei der man sich unwillkürlich über das Material Gedanken macht, aber die inhaltlichen Bezüge überwiegen. „Der Einsame“ von 1911 steht nicht gestalterisch, aber gedanklich auch in der Nachfolge Rodins, hier wie ein Jünger Jesu wirkend, was erneut mit dem Umhang zu tun hat, den Barlach bevorzugt und den wir wohl religiös konnotiert haben. Barlach nicht, denn diese geschwungenen und geschlungenen Formen sind ihm gestalterisches Mittel, eine Figur in sich geschlossen zu halten und eine schwungvolle Oberfläche zu schaffen. Sein untrügliches Stilmittel. Was den Ausdruck der Figuren angeht, die es so oft schwer im Leben haben, wäre es falsch, zu glauben, Barlach habe seine Figuren nur in Not oder leicht pathetisch als Himmelwärtsstrebende, als Nachdenklich oder geistige Überflieger gestaltet. Denn aus einem Großteil seiner Werke strahlt einem zugespitzter Witz entgegen. „Vergnügtes Einbein“ 1934 aus Bronze, ist so ein Beispiel für einen geradezu schwarzen Humor und eine absurde Komik, die er auch in der Form ausdrücken kann.

Aber es ist schon richtig, daß ihn seine Fähigkeit, die innere Befindlichkeit der Figuren mit Holz, Stein oder Bronze ausdrücken zu können, zum moralischen, die Schmerzen der Menschen Gestaltenden berühmt gemacht haben. So wie der „Mann im Stock“, 1918. Eigentlich eine Foltermethode, damals eine Strafaktion, heute nicht mehr zeitgenössisch, gilt sie uns sofort auch als übertragen deutbar. Der Mensch ist gefangen, im System der Obrigkeit, will die Plastik sagen, wir aber fügen hinzu: oft auch durch sich selber. Das Gegenteil, „Der Rächer“ von 1922 steht direkt hinter ihm. Zu Beginn des Ersten Weltkrieges hatte er diese Figur in Ton modelliert und in Gips abgeformt. Erst 1922 dann arbeitet er sie in Holz. Und wiederum gelingt es Barlach fast ein Dreieck herzustellen, deren Spitze aber unten liegt und mit dem längsgestreckten Körper im Schwung, das linke Bein nach hinten gestreckt, erkennen wir den Rachesuchenden, der mit beiden Fäusten das Schwert umklammert hat, das in der nächsten Sekunde den trifft, der diese Rache verdient. Denn das, was die Figur ausdrückt, ist nicht böse Gewalt, sondern folgerichtiges Handeln. Kopf und Längslegung des Körpers erinnern an den Engel von Güstrow. Denn inzwischen muß man auch auf dieses Scharfkantige und Nichtrunde, auf diese geometrischen Formen verweisen, die einem deutlich machen, daß Barlach all die Einflüsse seiner Zeit wohl – und wenn auch unbewußt – in seinen Plastiken verarbeitet hat, den Kubismus und Futurismus.

Und sieht man dieser Rächerfigur im zeitlichen Zusammenhang auch anderer Barlachfiguren, dann erkennt man blitzartige, daß vorbewußt – so ging es vielen kriegsbejahenden Künstlern – diese schon vor 1914 ihre tiefe Bejahung zum ersten Weltkrieg martialisch ausgedrückt hatten. Das sah 1916 schon anders aus beim „Frierenden Mädchen“, das uns düster anmutet. Dann wiederum, als wolle uns Barlach – oder sein Kurator – foppen, ein russisches Liebespaar aus Porzellan, völlig ungewöhnlich. Was bedeuteten die Russen Barlach? Solche Fragen stellen sich unwillkürlich bei diesem trauten Paar, das hier entspannt beisammen sitzt. Will Barlach damit überhaupt eine übergeordnete Aussage von sich geben oder nur einfach kreatürliches Wohlbehagen und Einverständnis mitteilen, daß es also in der Welt auch noch Harmonie und seelische Schönheit gibt, während einen die nächste Figur „Der Berserker“ von 1910 ins Zentrum der expressionistischen Ausdruckskraft wirft. Sozusagen Expressionismus pur und im nächsten Artikel.

* * *

Ausstellung:

bis 25.5.2009

In Kooperation mit dem Ernst Barlach Haus Stiftung Hermann F. Reemtsma, Hamburg

Kataloge:

Der Bildhauer Ernst Barlach. Skulpturen und Plastiken im Ernst Barlach Haus, hrsg. von Sebastian Giesen u.a., Ernst Barlach Haus, Hamburg 2007

Der Zeichner Ernst Barlach. Bestandskatalog der Zeichnungen im Ernst Barlach Haus, hrsg. von Sebastian Giesen u.a., Ernst Barlach Haus, Hamburg 2002

Das Museum Leopold tut gut daran, seine Ausstellung auf die umfänglichen Kataloge des Ursprungsortes, des Ernst Barlach Hauses in Hamburg, zu stützen, denn diese bieten wirklich Grundlagenmaterial über diese Ausstellung hinaus an. Sie finden in den Büchern neben einführenden Essays, eben auch solchen zum Material, zu allen Werken ausführliche einzelne Darstellungen, die Ihnen nach dem Museumsbesuch diesen beim Durchblättern gegenwärtig machen. Es ist nämlich ein Geheimnis um den menschlichen Blick und seine Erinnerungsfähigkeit im Gehirn. Hätte man das Buch ohne die Ausstellung betrachtet, dann wäre es auch ein interessantes Kompendium. Aber nach der Ausstellung bringt einem jeder Anblick auf das fotografische Abbild einer Figur, diese im dreidimensionalen Kontext wieder vor das innere Auge und das heißt auch, daß eine Ausstellung sich immer wieder erneuern und vertiefen kann. Hinzu kommt eine kleine Schrift mit den notwendigen Angaben, die sich nennt:

Broschüre zur Ausstellung „Ernst Barlach und Käthe Kollwitz, Leopold Museum 2009

Reiseliteratur:

Felix Czeike, Wien, DuMont Kunstreiseführer, 2005
Baedecker Allianz Reiseführer Wien, o.J.
Lonely Planet. Wien. Deutsche Ausgabe 2007
Walter M. Weiss, Wien, DuMont Reisetaschenbuch, 2007
Marco Polo, Wien 2006
Marco Polo, Wien, Reise-Hörbuch

Tipp:

Gute Dienste leistete uns erneut das kleinen Städte-Notizbuch „Wien“ von Moleskine, das wir schon für den früheren Besuch nutzten und wo wir jetzt sofort die selbst notierten Adressen, Telefonnummern und Hinweise finden, die für uns in Wien wichtig wurden. Auch die Stadtpläne und U- und S-Bahnübersichten führen– wenn man sie benutzt – an den richtigen Ort. In der hinteren Klappe verstauen wir Kärtchen und Fahrscheine, von denen wir das letzte Mal schrieben: „ die nun nicht mehr verloren(gehen) und die wichtigsten Ereignisse hat man auch schnell aufgeschrieben, so daß das Büchelchen beides schafft: Festhalten dessen, was war und gut aufbereitete Adressen- und Übersichtsliste für den nächsten Wienaufenthalt.“ Stimmt.

Anreise:

Viele Wege führen nach Wien. Wir schafften es auf die Schnelle mit Air Berlin, haben aber auch schon gute Erfahrungen mit den Nachtzügen gemacht; auch tagsüber gibt es nun häufigere und schnellere Bahnverbindungen aus der Bundesrepublik nach Wien.

Aufenthalt:

Betten finden Sie überall, obwohl man glaubt, ganz Italien besuche derzeit Wien! Überall sind sie auf Italienisch zu hören, die meist sehr jungen und ungeheuer kulturinteressierten Wienbesucher. Wir kamen perfekt unter in zweien der drei Hiltons in Wien). Sinnvoll ist es, sich die Wien-Karte zuzulegen mitsamt dem Kuponheft, das auch noch ein kleines Übersichtsheft über die Museen und sonstige Möglichkeiten zur Besichtigung in Wien ist, die Sie dann verbilligt wahrnehmen können. Die Touristen-Information finden Sie im 1. Bezirk, Albertinaplatz/Ecke Maysedergasse.

Mit freundlicher Unterstützung von Air Berlin, dem Wien Tourismus, der Wiener Festwochen und diverser Museen und den Hilton Hotels Wien.

Zur WELTEXPRESS-Newsletter-Anmeldung