Geist und Gesinnung – Serie: Ernst Barlach als Bildhauer und Zeichner im Leopoldmuseum in Wien (Teil 3/3)

Ernst Barlach: Der singende Mann, 1928

„Der Flüchtling“ von 1920 ist dann wiederum ein „typischer“ Barlach, wo das inhaltliche Thema des Fliehens formal durch den Schwung der Figur, durch die Formung des Mantels zusammengefaßt wird. “Die stehende Bäuerin“”¦nein, so geht es nicht weiter. Wir können nicht alle plastischen Figuren in ihrem Ausdruck und ihrer Gestaltung beschreiben. Das Prinzip ist klar geworden und es ist die genuine Erfindung von Ernst Barlach, in der er inhaltliche und formale Züge seiner Gegenwart zusammenbindet – oder in Bronze zusammengießt. Wie schön, daß mit der „Kußgruppe“ von 1921 wiederum ein positiver Ausdruck des abgebildeten Menschengeschlechts sich zugesellt.

Hier kann man kurz innehalten, um an zwei Gegebenheiten zu erinnern. Es war Bert Brecht, der Ernst Barlach für die DDR entdeckte. Nach einem Ausstellungsbesuch lautete sein Urteil: „Der Wurf, die Bedeutung der Aussage, das Handwerkliche Ingenium, Schönheit ohne Beschönigung, Größe ohne Gerecktheit, Harmonie ohne Glätte, Lebenskraft ohne Brutalität machen Barlachs Werke zu Meiserwerken.“ Beide hatten schon in der Weimarer Republik zusammengearbeitet. Und auch in den Fünfziger Jahren wurde Barlach eine angemessene, wenngleich historische Größe in der westdeutschen Bundesrepublik – wie die übrigen Expressionisten auch. Brecht allerdings war in dieser verpönt und tatsächlich gab es ein Aufführungsverbot, zumindest Boykott für seine Stücke an westdeutschen Theatern. Heute mag das niemand glauben. Aber es war so im vertierten Antikommunismus der Bundesrepublik. Anders – und seiner soll in diesem Kontext gedacht sein – Harry Buckwitz in Frankfurt. Dieser Theaterintendant hat mit Unterstützung der Stadt, eben eine ehemals Freie deutsche Reichsstadt, ein Brechtstück nach dem anderen auf die Bühne gebracht, unter Drohungen, ja sogar Todesdrohungen und der professionellen Verachtung und Mißachtung von nationalen Theaterkritikern. Aber er und Brecht setzten sich durch, nachdem Barlach schon lange anerkannt war.

Die Figur an der Wand „Schwebender Gottvater“ von 1922 hat wieder Vorzeichnungen neben sich hängen. Denkt man. Aber es ist ein Schwebender von 1912, der fröhlich vor sich hinschwebt, und da denkt man eher an den Güstrower Engel als an Gottvater. Die Zeichnungen zeigen auch Barlach als Landschaftskünstler, sind aber doch in der Mehrzahl Entwürfe zu den Skulpturen. Und nicht alle wurden verwirklicht, das erkennt man auch. Die Zeichnung ist mehr als das feste Material auch eine Möglichkeit des Entwerfens, des Probieren, des Gestaltungsversuches, was erst dann eine feste Form findet, wenn der Künstler von ihr überzeugt ist. Wobei auch im Formungsprozeß dann wiederum Abweichungen auftreten. Das unterscheidet einen Künstler von einem grafischen Programm auf dem Rechner, das in 3 D umgesetzt wird. Das und noch viel mehr. Denn es ist die Aura der Kunstwerke, die in diesen drei Räumen zu uns spricht und die ist nicht beschreibbar, sondern nur zu erfühlen.

1933 protestierte Ernst Barlach gegen den Ausschluß von Käthe Kollwitz und Heinrich Mann aus der Preußischen Akademie der Künste, die willfährig die erwarteten Gebote der Nationalsozialisten schon im vorauseilenden Gehorsam vollzogen. Eine Akademie, die nach eigenem Anspruch die Geistesgrößen des Landes versammelt hatte. Die geistige Verbundenheit mit Käthe Kollwitz macht die Anfügung ihrer Werke, die sich im Besitz von Rudolf Leonhardt befinden, in einer gesonderten Ausstellung sinnvoll. Auf Lithografien, Radierungen, Zeichnungen und vor allem dem Holzschnitt – wiedergefundenes Medium der Expressionisten – zeigt sie uns vor allem Frauen, Frauen mit Kindern, alte und junge. Herausstechend immer wieder ihr schönes Selbstbildnis von 1904, da war sie 37 Jahre alt, wo ein nicht junges, nicht altes Gesicht uns aus altersweisen Augen anblickt. Sie ist eine Künstlerin, die den Schwachen auf der Welt ihre Zuneigung und künstlerische Liebe zukommen ließ und nach größeren künstlerischen Erfolgen von den Nazis ausgehungert wurde und wie Barlach um ihre Schaffensmöglichkeiten gebracht wurde. Käthe Kollwitz ist am 22. April 1945, kurz vor der Befreiung gestorben. Deshalb sind solche Ausstellungen für Deutsche auch immer wieder eine Mahnung daran, wie Deutsche im Namen des Deutschseins die deutsche Kultur um ihre Besten gebracht haben. Dabei durften diese beiden Künstler noch in Deutschland weiterleben, im Gegensatz zu denen, die in den KZs ermordet wurden oder sich ins Exil ins Ausland flüchten konnten. Diese Barbarei, die im Namen der Deutschen, vollzogen wurde, bleibt ebenso im kulturellen Gedächtnis unserer Nation wie die künstlerischen Werke, die sich gegen eine solche Mentalität stemmen.

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Ausstellung:

bis 25.5.2009

In Kooperation mit dem Ernst Barlach Haus Stiftung Hermann F. Reemtsma, Hamburg

Kataloge:

Der Bildhauer Ernst Barlach. Skulpturen und Plastiken im Ernst Barlach Haus, hrsg. von Sebastian Giesen u.a., Ernst Barlach Haus, Hamburg 2007

Der Zeichner Ernst Barlach. Bestandskatalog der Zeichnungen im Ernst Barlach Haus, hrsg. von Sebastian Giesen u.a., Ernst Barlach Haus, Hamburg 2002

Das Museum Leopold tut gut daran, seine Ausstellung auf die umfänglichen Kataloge des Ursprungsortes, des Ernst Barlach Hauses in Hamburg, zu stützen, denn diese bieten wirklich Grundlagenmaterial über diese Ausstellung hinaus an. Sie finden in den Büchern neben einführenden Essays, eben auch solchen zum Material, zu allen Werken ausführliche einzelne Darstellungen, die Ihnen nach dem Museumsbesuch diesen beim Durchblättern gegenwärtig machen. Es ist nämlich ein Geheimnis um den menschlichen Blick und seine Erinnerungsfähigkeit im Gehirn. Hätte man das Buch ohne die Ausstellung betrachtet, dann wäre es auch ein interessantes Kompendium. Aber nach der Ausstellung bringt einem jeder Anblick auf das fotografische Abbild einer Figur, diese im dreidimensionalen Kontext wieder vor das innere Auge und das heißt auch, daß eine Ausstellung sich immer wieder erneuern und vertiefen kann. Hinzu kommt eine kleine Schrift mit den notwendigen Angaben, die sich nennt:

Broschüre zur Ausstellung „Ernst Barlach und Käthe Kollwitz, Leopold Museum 2009

Reiseliteratur:

Felix Czeike, Wien, DuMont Kunstreiseführer, 2005
Baedecker Allianz Reiseführer Wien, o.J.
Lonely Planet. Wien. Deutsche Ausgabe 2007
Walter M. Weiss, Wien, DuMont Reisetaschenbuch, 2007
Marco Polo, Wien 2006
Marco Polo, Wien, Reise-Hörbuch

Tipp:

Gute Dienste leistete uns erneut das kleinen Städte-Notizbuch „Wien“ von Moleskine, das wir schon für den früheren Besuch nutzten und wo wir jetzt sofort die selbst notierten Adressen, Telefonnummern und Hinweise finden, die für uns in Wien wichtig wurden. Auch die Stadtpläne und U- und S-Bahnübersichten führen– wenn man sie benutzt – an den richtigen Ort. In der hinteren Klappe verstauen wir Kärtchen und Fahrscheine, von denen wir das letzte Mal schrieben: „ die nun nicht mehr verloren(gehen) und die wichtigsten Ereignisse hat man auch schnell aufgeschrieben, so daß das Büchelchen beides schafft: Festhalten dessen, was war und gut aufbereitete Adressen- und Übersichtsliste für den nächsten Wienaufenthalt.“ Stimmt.

Anreise:

Viele Wege führen nach Wien. Wir schafften es auf die Schnelle mit Air Berlin, haben aber auch schon gute Erfahrungen mit den Nachtzügen gemacht; auch tagsüber gibt es nun häufigere und schnellere Bahnverbindungen aus der Bundesrepublik nach Wien.

Aufenthalt:

Betten finden Sie überall, obwohl man glaubt, ganz Italien besuche derzeit Wien! Überall sind sie auf Italienisch zu hören, die meist sehr jungen und ungeheuer kulturinteressierten Wienbesucher. Wir kamen perfekt unter in zweien der drei Hiltons in Wien). Sinnvoll ist es, sich die Wien-Karte zuzulegen mitsamt dem Kuponheft, das auch noch ein kleines Übersichtsheft über die Museen und sonstige Möglichkeiten zur Besichtigung in Wien ist, die Sie dann verbilligt wahrnehmen können. Die Touristen-Information finden Sie im 1. Bezirk, Albertinaplatz/Ecke Maysedergasse.

Mit freundlicher Unterstützung von Air Berlin, dem Wien Tourismus, der Wiener Festwochen und diverser Museen und den Hilton Hotels Wien.

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